ZUCCHERO, MARIO BIONDI, 12.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

Wenn man denn so will, kann man den heutigen Abend als Brückenschlag zum kommenden Jahr sehen. Wie der Geschäftsführer Jürgen Schlensog in einem Kurzinterview in der Umbaupause nach Mario Biondis Auftritt verkündet: Nächstes Jahr wird es einen JazzOpen Ableger in Modena geben. Das hauptsächlich für Balsamico und flache Sportwagen bekannte Städtchen liegt in der italienischen Region Emilia Romagna. Und ebendort wurde in einem kleinen Städtchen Sugar Fornaciari aka Zucchero geboren, bzw. befindet sich in Parma Mario Biondis Wohnort. Viel wichtiger aber als diese geographischen Zufälligkeiten (oder eben nicht) ist, dass wir einen absolut herausragenden Konzertabend erleben dürfen.

Für mich ist es eine Premiere, ein Konzert der JazzOpen auf der großen Bühne vor dem Neuen Schloss zu sehen. Sieht schon alles sehr schick aus. Und sogar die Security-People tragen für den italienischen Abend passende azurblaue T-Shirts (Scherz). Vorab sei es hier schon mal hingeschrieben, damit ich es dann nachher nicht mehr wiederholen muss. Der Sound wird bei allen drei Bands absolut herausragend klar sein. Sogar meine Position am rechten Rand (hüstel) bedeutet absolut keinen Nachteil was die Klangqualität angeht. Respekt!
„Einheizer“ des Abends ist ein Stuttgarter/Reutlinger Septett namens Phil Haydt. Geboten wird hochprofessionell klingender, fehlerfrei gespielter Pop-Rock. Funk oder Blues werden manchmal ins Spektrum mitaufgenommen. Fair beurteilen kann ich die Band mit der sympathischen Ausstrahlung leider nicht, da es absolut nicht meinen musikalischen Nerv trifft. Und so ein wenig fehlt mir auch der musikalische Bezug zu den zwei anderen Bands dieses Abends. Die Schnittmengen zu Biondis elegantem Jazz-Soul-Sound, oder Zuccheros Italopop-Bluesrock dürften nicht allzu groß sein. Aber die Band wird für einen so früher Act ziemlich euphorisch aufgenommen, und darf von der Bühne gehen mit dem Gefühl, einen Erfolg gefeiert zu haben. Und als sie bei der Vorstellung der Band Stevie Ray Vaughans „Scuttle Buttin“ anspielen, treffen sie dann doch einen Sweet Spot bei mir.

Pünktlich wie die deutsche italienische Bahn betritt dann um 19:15 Uhr Mario Biondi mit seiner vielköpfigen Band zum dritten Mal eine Bühne bei den JazzOpen. Der sechsfache Vater hatte gleich auf seinem Debütalbum „Handful of Soul“ mit „This Is What You Are“ einen veritablen Hit und gehört seitdem trotz englischen Texten zum musikalischen Inventar Italiens. So lief seine Musik z.B. letzte Woche beim Sektempfang einer italienischen Hochzeit, der ich beiwohnen durfte. Man notiere sich: Teurer Alkohol und Biondis eleganter Hi-Fi Sound ergänzen sich bestens.

Nach dem meist getragenen Einstieg mit „No Show“, einer Kollabo mit den Acid Jazz Legenden von Incognito, ist für mich schon klar: Das alles wird so gut werden, wie ich es mir gewünscht habe. Biondis an Barry White gemahnende Stimme ist eine wärmende Decke. Die drei Bläser sind bestens arrangiert, und veredeln jeden Song, entweder mit ihrer Uni-Sono-Parts, oder mit herausragenden Soli. Für mich sticht vor allem die Trompete heraus. Ebenfalls herausragend die Schlagzeugerin Francesca Remigi. Mit welcher konzentrierten Lockerheit sie alles weggroovet ist beeindruckend.

Aus einem makellosen Set sticht für mich als erster Song das yacht-rockige „Lov Lov Love“ heraus. Tanzbar, leichtfüßig, geiler Refrain. Wunderschön dann das Flügelhorn-Intro von „Never Stop“, bei dem sich der bestens gelaunte Mario mit seinem Bruder, der ansonsten für den Backgroundgesang zuständig ist, abwechselt. Ein Land und dessen Musik darf natürlich auch nicht unbeachtet bleiben im Kontext von Musik, bei denen man sich in Loungesesseln rumlümmelnd Cocktails reinzieht: Brasilien. Natürlich werden die Samba- und Bossa-Aromen meisterhaft in das Biondsche Klangspektrum eingefügt, ohne Brüche. Abgerundet wird der spektakulär gute Auftritt von seinem ersten Erfolg „This Is What You Are“. Ein Wunder, dass so ein eindeutig „altmodischer“ Song mit so starken Jazzeinflüssen erfolgreich werden konnte. Aber die Mitsingparts zeigen, dass es klappen kann. Wundervolles Konzert, würde ich jederzeit wieder besuchen.

Ehrlicherweise bin ich an das Zucchero Konzert mit niedrigen Erwartungen hin. Alte Rockmusiker, die sich mit viel Gehängsel schmücken, seltsame Hüte tragen und bunt getöne Sonnebrillen … dann diese Kollaborationen mit „dem internationalen Adel des domestizierten Erwachsenen-Rock“ (Zitat aus Eric Pfeils „Ciao Amore, ciao“; ein Buch, das in jeder Bibliothek stehen sollte.) wie Sting, Clapton und Paul Young … da hege ich doch immer große Zweifel. Bekomme ich leblose Formatradio-Rocksongs geboten? Aber es ist charakterbildend, wenn die eigenen Erwartungen so gewaltig unterlaufen werden. Es wird ein großartiger Auftritt.

Die stimmgewaltige Sängerin Oma Jali aus Kamerun eröffnet ein Set, an dessen Ende man vor allem eines feststellen kann: Zucchero ist, von allen Blues-Gospel-Voodoo Ausschmückungen losgelöst, ein großer Komponist italienischer Popmusik. 1992 hatte ich Zucchero noch in der guten alten Böblinger Sporthalle gesehen. Seitdem nicht mehr viel mitbekommen, und doch holt mich wirklich jeder Song nach dem ersten Hören schon ab. Natürlich ist da die brillante Band, die mit zwei Keyboardern, drei Bläsern, einem Schlagzeuger und einer Schlagzeugerin sowie einem Gitarristen und einer Gitarristin sowie einem Bassisten überaus reich bestückt ist. Wahrscheinlich könnte die Band sogar Ballermann-Hits Seele einhauchen. Aber es ist tatsächlich die Güte der Songs, die besticht.
Zucchero selbst ist schlicht gekleidet, trägt keine seltsamen Hippie-Sonnenbrillen oder sonstigen Tinnef. Er geht trotzdem inmitten seiner optisch so extravaganten wie diversen Bandmitglieder nicht unter. Denn er singt so unglaublich gut und berührend, wie man es einem 70-Jährigen fast nicht zutrauen mag. Das ganze Spektrum von gefühlvoll bis rau und laut. Charisma in großen Dosen. Der dritte Song „La Canzone Che Se Ne Va“ und dessen Italo-Pop-Refrain mit Schmackes ist für mich ein erster Höhepunkt.

Meine Skepsis ist mittlerweile schon längst Bewunderung gewichen. Ich hätte es ahnen können, denn Zucchero wird in Pfeils Buch ebenfalls zitiert mit, dass er den Blues mag und benutzt, da er, der Blues, antifaschistisch sei und keine Flaggen kenne. Davon abgesehen zeichnet sich die Musik heute Abend eben durch diesen Schmelztiegel-Ansatz (der Name Fornaciari bedeutet im Übrigen so etwas wie „der am Ofen arbeitet“) und die Einbringung afro-amerikanischer Einflüsse aus, sodass in jedem Song ein anderer Sound herrscht.
„Il Volo“ ist der erste mir bekannte Hit und kommt mit einer Mördermelodie ums Eck. „Dune Mosse“ hat offensichtlich eine Miles Davis Trompete mit im Gepäck. Zucchero trägt seine Einflüsse meist deutlich sichtbar vor sich her, und manchmal sind seine musikalischen Zitate alles andere als subtil. Aber das macht ihn auch wiederum sympathisch, denn er hält nicht hinterm Berg, was ihn beeinflusst hat.

Es folgt ein Dreierpack, das verstorbenen Musikern gewidmet ist. „Miserere“ ist ein Duett mit dem verstorbenen Luciano Pavarotti und bietet Pathos auf Top Level. Danach tritt der Meister zum Umziehen und Luft schnappen von der Bühne. Oma Jali huldigt in einer überwältigenden Performance Tina Turner mit „Nutbush City Limits“. Naturgewalt trifft es vielleicht am allerbesten. Eine Stimme, um Planeten wachzusingen. Toll, dass etwas unerwartet auch Keith Emerson mit „Honky Tonky“ gewürdigt wird. Dabei darf der schottische Keyboarder zeigen, dass er ein Musiker der Extraklasse ist.
Bei seiner Rückkehr trägt Zucchero ein deutlich glamouröseres Jackett, und gibt mit „Diamante“ einer der Hits, für die ich schon immer eine große Schwäche hatte. Seit dem erstmaligen Hören erzeugt diese schwerelose, melancholische Stimmung des Songs feuchte Augen bei mir. Der Rest ist mehr oder minder ein Hitfeuerwerk. „Diavolo In Me“ war Anfang der 90er ein Lied, das gefühlt jede Coverband in Italien auf ihrer Liste hatte und auf unzähligen Piazzen im Sommer ertönte. „Senza Una Donna“ natürlich die Erfolgsnummer, die Zucchero auch hierzulande richtig berühmt machte. Wirklich niemand dürfte es am Ende bereut gehabt haben, an diesem Abend vor Ort gewesen zu sein.

