KRAFTWERK, 08.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

Endlich werde ich heute Abend dazukommen, eine große Lücke in meiner Konzerthistorie zu schließen. Kraftwerk, eine der wichtigsten, wenn nicht gar die wichtigste Band; die Musikhistoriker sind sich da nicht ganz einig, ob dies die Beatles oder eben Kraftwerk sind.
Unbestritten ist der immense Einfluss, den sie auf die Popkultur der letzten 50 Jahre hatten. Was wären zum Beispiel New Wave oder auch Hip-Hop ohne sie? Pioniere dieses Genres, wie „Eric B & Rakim“ und „Afrika Bambaataa“, sampelten für ihre Beats Passagen aus dem 1977 erschienenen Album „Trans Europa Express“. Die strenge, maschinell wirkende Rhythmik bildete das perfekte Fundament hierfür.

Nun spielen Kraftwerk nach ihrem legendären Jazz Open Gig 2018 mit der Live-Schaltung zu Alexander Gerst in die Internationale Raumstation zum zweiten Mal auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Mit 7.200 Besuchern ist das Konzert schon seit längerem ausverkauft.
20.35 Uhr ist es, als eine Vocoder-Stimme die Mensch-Maschine mit einem Countdown ankündigt. Straffe programmatische Computerbeats, Digitalprojektionen, die an frühe 8-Bit-Computerspiele erinnern und elektronische Stimmverfremdungen beamen direkt zurück in die Siebzigerjahre, in eine Zeit des Aufbruchs, als die Zukunft noch Utopie war. Wir befinden uns am Anfang der Zukunft und die Visionen sind tanzbar.

Projektionen des blauen Planeten, unserer aller Heimat, visualisieren den universalistischen Anspruch der Musik; ein Sound, der grenzenlos gedacht ist, für eine kollektive Menschheit, die nach vorn schaut und zusammenwachsen soll. Ein musikalisches Konzept, das heute von noch größerer Bedeutung und Dringlichkeit ist, als zur Zeit seiner Entstehung. Und trotz all dieser Verweise und Konnotationen, die sich mir unweigerlich aufdrängen, ist dies alles keineswegs verkopft. Die Musik Hütters und seiner über die Jahrzehnte wechselnden Mitstreiter ist unglaublich treibend und körperlich. Auch House und Techno haben hier ihre Wurzeln; die Clubkultur, wie wir sie seit den frühen Neunzigern kennen, wäre ohne Kraftwerk nicht denkbar.
Eine exzessive, rockistische Bühnenshow durfte man natürlich nicht erwarten, das war jedem klar. Seit jeher stehen Kraftwerk für eine äußerst minimalistische Darbietung. Stoisch, nahezu regungslos stehen die vier Musiker hinter ihren Musik-Pulten und bieten eine Performance, die über das Menschlich-Emotionale weit hinausgeht. Der Soundtrack zum Transhumanismus, also zur Mensch-Maschine.

In einer einzigartigen Verbindung aus Sound und Visuals erschaffen Kraftwerk einen psychedelischen Futurismus. Eine besondere Spannung entsteht am heutigen Abend aber gerade auch durch die Gegensätze dieses in der Vergangenheit wurzelnden Futurismus und der barocken Fassade des Neuen Schlosses. Hier darf man eine ganz besondere Stimmung erleben.
Wenn man heute Abend stilprägende Stücke wie „Autobahn“ und „Das Model“ hintereinander hört, wird mir erst richtig bewusst, mit was für einem Gespür und mit welcher Feinsinnigkeit Kraftwerk wussten, den Geist ihrer Zeit künstlerisch zu analysieren und musikalisch zu transformieren. Wie auch bei dem 1975 erschienenen „Radio-Aktivität“.

Hier gibt es keine Utopie, das Dystopische war da schon immer allgegenwärtig, wie auch die Projektionen verdeutlichen. Grell strahlend erscheinen die Namen von Hiroshima, Sellafield, Tschernobyl und Fukushima. Der Sound ist noch treibender und exzessiver als bisher; wir tanzen auf dem Reaktorblock. Mögen wir vom „China-Syndrom“ verschont bleiben. „Trans Europa Express“ kann man im Gegensatz dazu als reine Utopie interpretieren; als eine Utopie eines in und durch die Moderne verbundenen Europas, eines Europas des kollektiven Fortschritts. Folgen wir dem geschwindigkeitstrunkenen, repetitiven industriellen Sound auf den Gleisen von Kraftwerks Hochgeschwindigkeitszug weiterhin diesem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft und fahren nicht im Individualverkehr auf der Autobahn zurück in die nationale Vergangenheit.

Musikalisch liegen hier, wie bereits erwähnt, nicht nur die Wurzeln des Hip-Hops, auch die stählernen Klangstrukturen des Industrial, mit Bands wie „Killing Joke“, „Ministry“ oder „Nine Inch Nails“ haben hier ihren Ursprung.
Live machen Kraftwerk erst richtig bewusst, was für eine immense Bedeutung sie für die neuere Musikgeschichte und Popkultur haben, „Music Non Stop“ quasi, euphorisch technoid; die Roboter verneigen sich, gute Nacht! Frenetischer Applaus brandet auf. Schauen wir trotz allem positiv ins Morgen.

Hallo Herr Olze, es freut mich, dass Ihnen der Auftritt gefallen hat, das ist legitim, wenn man Kraftwerk das erste Mal erlebt. Für mich war es dafür Jazz Open/Schlossplatz-Premiere und wenn ich vorher gewusst hätte, dass die Visuals nur auf einer so kleinen Fläche gezeigt werden, hätte ich mir das Geld lieber gespart. Ich bin davon ausgegangen, dass man die gesamte Schlossbreite einnimmt, aber dann wäre ja kein Platz für diese bescheuerten schwarzen Planen mit den Sponsoren mehr gewesen.
Im Vergleich zu Karlsruhe vor zwei Jahren war diese Darbietung ernüchternd, aber dafür wenigstens teurer.
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