FATCAT, JACOB COLLIER, RAYE, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

JACOB COLLIER, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Und weil er vier Takte am Flügel nichts zu spielen hat, springt er zum Bühnenrand, reißt die Arme hoch, strahlt das Publikum an. In der nächsten Millisekunde tastet er schon wieder weiter zur nächsten Tonfolge, sucht die nächste Melodie, süchtet nach mehr Musik.

Jacob Collier, 7 Grammys, 20 Instrumente, knapp 30 Jahre, Stilmischer vom Jazz, A cappella, Groove, Folk, Trip-Hop, klassischer Musik, Gospel und Soul mit Improvisation, beehrt nach 2017 wieder die JazzOpen. Damals sei er mit seinem Entdecker Quincy Jones hier gewesen, verrät er. Kein so schlechter Entdecker. Gleich mal ein Quincy-Jones-Song gesungen. Unterstützt wird Collier von seiner Band mit E-Gitarre, E-Bass, Drums und zwei Co-Vocal-Sängerinnen.

Adoleszente Männer leiden unter plötzlichen auftretenden Voicecracks, Jacob leitert mit seiner Stimme spontan Oktaven rauf und runter, ein Voice-Crack. Man blinzelt mit seinen Ohren.

JACOB COLLIER, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Dem Multiinstrumentalisten ist bekanntermaßen die Welt der Instrumente nicht genug und so greift er auch heute – es fängt an zu regnen – zu seinem persönlichsten Musikgerät: dem Publikum. Jacob stimmt eine Tonhöhe an, teilt es mit wenigen Handbewegungen auf und bringt es dazu, in verschiedenen Tonhöhen zu summen. Er macht das mit so viel Charisma, Geschwindigkeit, Sicherheit, Bestimmtheit und Freude an der Verlockung, dass er – im wahrsten Sinne des Wortes – im Handumdrehen sein Instrument spielbereit hat und es dahin leitet, wonach ihm der Sinn steht. Er setzt sich an den Flügel und führt die Summungen weiter in… „Im Singin‘ In The Rain“. Die Sonne blitzt wieder hervor, der Regen hört auf, Jacob Collier hat einfach alles im Griff. Und ja, das ist eigentlich das, was gute Chorleiter können, und nein, so eigentlich können die das nicht, nicht so.

JACOB COLLIER, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Bei seinen Fusion-Songs, am ehesten vielleicht als Funk zu bezeichnen, hüpft er zwischen seinem Keyboard, seinen Percussions und seinem Flügel hin und her, um sich dann seine E-Gitarre umzuschwingen. Unendliche Energie scheint der Mann zu haben, und unendliche Begeisterung.

Diese Begeisterung überträgt der Musikmagier dem Publikum zum Abschluss noch einmal im besonderen Maße. Jacob jazz-klimpert so vor sich hin, ganz sanft, und landet bei einer Melodie, die uns allen irgendwie vertraut vorkommt… sie klingt getragen, ist aber ganz leicht vorgetragen… die ersten im Publikum summen mit, dann singen immer mehr mit, verhalten, vorsichtig, mit einer Art von Demut und einem Darf-man-das-Gefühl, aber auch mir einer gewissen Rührung. Joseph Haydn hätte feuchte Augen gehabt. So was hat noch keine Zuhörerin und kein Zuhörer erlebt, dafür lege ich meine Ohren auf die Schienen.

Die Zugabenrufe werden im Anschluss selbstverständlich gesungen. Jacob Collier hat uns alle verzaubert. Danke, Jacob, für Deinen Besuch.

RAYE, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Raye tritt mit Blumenkleid und Schönheitsfleck auf. Und sie bringt ihre Stimme mit. Was für eine Stimme! Wie Jacob Collier entstammt die 28-jährige aus London und badet in Grammys. Begleitet wird sie von drei Back-Vocal-Sängerinnen, vier gemischten Bläsern, einem Drummer, einem Percussionisten, einer Keyboaderin und eine Bassistin.

Sie kommt mit einer großen Leichtigkeit daher, die fröhliche Variante von Amy Winehouse. Diva mit Fun On Stage, das Mikrokabel lässig um die Schulter geschlungen, damit es am Songende elegant runterrutschen kann.

RAYE, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Vor jedem Song purzeln in wunderschönem, britischem Akzent geschätzte zwölfhundert Worte aus ihrem Mund, um zu erzählen, wie und was und warum. So auch zum Song „Ice Cream Man“, in dem sie ihre traumatischen Missbräuche thematisiert:

And I was seven
Was twenty-one, was seventeen, and was eleven
It took a while to understand what my consent means

Hinter ihrer Leichtigkeit wälzt sich auch die Schwermut. Auf der Setlist sind eigentlich zwei weitere, langsame Songs geplant. Das will sie jetzt nicht, kurzer Hinweis zu ihrer Band und es geht mit etwas Stimmungshebendem weiter. Raye, the Set List Tsunami, Raye, the Entertainer. Mal singt sie im Sitzen, mal singt sie im Tanzen, mal feiert sie die Abschlussakkorde, als wäre es eine olympische Disziplin.

FATCAT, JACOB COLLIER, RAYE, 07.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Abgelenkt liest Raye das aus dem Publikum hochgehaltene Plakat: „I want a tattoo from you“. Sie fragt (sinngemäß): „Ah, ok, really? For what are you looking?… Oh, anything? Well… “. Sie winkt einen der livrierten (!) Backliner zu sich heran mit der Bitte um Stift und Papier. Der bringt’s und buckelt, damit sie auf seinem Rücken zeichnen kann… „Maybe some notes?“ und sie zeichnet es ab mit ‚With love, Raye‘. Sie lacht und gibt das Blatt an den Hautbild-Willigen. Sind wir gespannt, wie es wird, das Tattoo. „Escapism“ bildet selbstverständlich den Abschluss, den 1.039.108.282-mal allein auf Spotify gespielten Song (08.07.25, 22:53 Uhr) darf nicht fehlen.

Danke, Raye, für Deinen Besuch. Danke, JazzOpen, für so ein großartiger Abend.

PS: Fatcat verpasst wegen Lazytrain. Nächstes Mal also mehr von der achtköpfigen Funkband aus Freiburg. Sorry, Fatcat.

Set List Jacob Collier

100,000 Voices
WELLLL
Wherever I Go
Little Blue
Time Alone With You
Wise Men Say
Feel (Half)
Mi Corazón
Witness Me
All I Need
Over You
Box Of Stars
Somebody to Love

Set List Raye (nicht ganz Richie, siehe Text)

Oscar Winning Tears
Where The Hell Is My Husband?
Five Star Hotels
The Thrill Is Gone
Mary Jane
Ice Cream Man
I Know You’re Hurting
Cry Me a River
Suzanne
Genesis
Worth It
Escapism

Jacob Collier

Raye

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