NEIL YOUNG & THE CHROME HEARTS, 08.07.2025, Cannstatter Wasen, Stuttgart

Erst mit etwas Verzögerung brandet Applaus auf. Als Neil Young inmitten seiner neuen Band The Chrome Hearts die Stuttgarter Bühne betritt, wird er offenbar nicht sofort gesichtet. Teile des Publikums sind noch unsicher, wo sie sich hinstellen dürfen, während andere sich über den abklingenden Regen und die sich vorsichtig andeutenden Abendsonnenstrahlen freuen. Doch sorgt dann der Beginn mit „Ambulance Blues“ für unmittelbare Aufmerksamkeit und umso größere Begeisterungsbekundungen. Dass das Konzert mit 8.000 Zuschauer:innen zahlenmäßig weniger Zuspruch findet als sein letzter Auftritt vor zwölf Jahren in der Schleyerhalle, mag an den hohen Preisen, aber auch an den Konkurrenzveranstaltungen in der ähnlichen Zielgruppe (Kraftwerk bei den Jazz Open, Robert Cray Im Wizemann) liegen. Wer Young mit seiner spielfreudigen Band auf dem Cannstatter Wasen erlebt, wird jedoch Zeuge eines wahrlich berauschenden Konzertabends.
„It’s easy to get buried in the past / When you try to make a good thing last“, singt der 79-Jährige gebürtige Kanadier und Wahlkalifornier im über achtminütigen Eröffnungssong und bringt damit implizit das Dilemma, mit dem viele erfolgreiche Musiker:innen und Bands konfrontiert sind zur Sprache. Spielen sie nur ihre alten Hits, werden sie womöglich zur belanglosen Nummernrevue, gehen sie andere Wege, drohen sie, Hörer:innen und Publikum zu verlieren. Dass Young sich nie auf seinen großen Erfolgen ausruhte, sondern sowohl auf seinen Alben wie im Studio immer wieder überraschte, beweist er auch dem Stuttgarter Publikum beim letzten von nur drei Deutschlandkonzerten in diesem Sommer.

In den kommenden zwei Stunden wird die Folk- und Rockikone dann auch einen beeindruckenden Querschnitt durch sein (je nach Zählung) 45 beziehungsweise 48 Studioalben umfassendes Œuvre sowie zwei Lieder aus seiner Zeit mit Crosby, Stills, Nash & Young (CSNY) präsentieren. Stücke von „Talking to the Trees“, dem vor nicht einmal einem Monat veröffentlichten ersten Album mit The Chrome Hearts, sind wiederum gar nicht vertreten.
Mit „Cowgirl in the Sand“ schließt sich ein Song seines 1969 erschienenen ersten Albums mit Crazy Horse namens „Everybody Knows This Is Nowhere“ direkt an die Eröffnung an. Hier greift Young erstmals zur elektrischen Gitarre und leitet damit eine fulminante Version seines Klassikers ein, die nicht zuletzt durch den Harmoniegesang von Bassist Corey McCormick und Gitarrist Micah Nelson besticht und sich dann zu einer veritablen Jamsession auswächst, die Keyboarder Spooner Oldham Raum gibt, sein enormes vielseitiges Können zu zeigen. Der 82-jährige Oldham ist ein legendärer Studiomusiker, der unter anderem schon in den 1960ern mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet, viele Hits selbst geschrieben und auf noch mehr Aufnahmen aus dem Musikkanon zu hören ist. In Stuttgart nimmt er sich an Keyboards, Klavier und Orgel oft hinter den lauten Gitarrenwänden zurück, klingt aber immer hervorragend.

Neil Young ist als engagierter, häufig sogar aktivistischer Musiker bekannt, der sich in politische Diskussionen einbringt und Missstände anprangert. Zuletzt unterstützte er Bernie Sanders’ Fighting Oligarchy Tour und dessen Kampf gegen Donald Trump und Elon Musk musikalisch. Mit dem wütenden Crazy Horse-Song „Be the Rain“ schließt er daran an und mahnt auf seiner Love Earth Tour leidenschaftlich zu mehr Klimaschutz. „Save the Planet for another day“, heißt es etwa: „We got a job to do / We got to save the earth!“ Während die Botschaften seiner politischen Songs mitunter etwas plakativ, aber dadurch nicht weniger eindringlich sind, enthält sich Young in seinen wenigen Ansagen Kommentaren zur Weltlage. Wo er politisch steht, ist ohnehin jedem bewusst, die Lieder sprechen eine deutliche Sprache. Passend zum Titel der Tour folgt auf den „Earth“-Song „Be the Rain“ mit dem wunderschönen „When You Dance, I Can Really Love“ vom legendären „After the Goldrush“-Album (1970) ein Liebeslied, und zwar eines seiner schönsten. Übertroffen wird es vielleicht von „Cinnamon Girl“ (1969), das im Anschluss gespielt wird.
Zum energischen Grunge von „Fuckin Up“ (1990) steigert sich die Intensität des Zusammenspiels, Young, McCormick und Nelson stehen auf engem Raum vor Schlagzeuger Anthony LoGerfo, der den lärmenden Song vorantreibt, während immer mehr Zuschauer:innen aus dem hinteren Bereich sich neben den vorderen Sitzreihen positionieren, um näher am Geschehen zu sein. „Love to Burn“ nimmt dann etwas Tempo heraus, bevor Young allein mit seiner akustischen Gitarre in der Bühnenmitte steht und „The Needle and the Damage Done“ singt. Youngs unverwechselbare Stimme bricht immer wieder. Dass sich schließlich fast gleichzeitig zur tieftraurigen Schlusszeile „But every junkie’s like a settin’ sun“ die immer tiefer stehende Abendsonne hinter einer grauen Wolke hervorschiebt, ist – auch wenn das im Bericht kitschig klingen mag – wirklich berührend.

Passend beglückt Young das Publikum im Anschluss an den Klassiker von seinem wohl populärsten Album Harvest (1972) mit dem herrlich sehnsüchtelnden Countryrocksong „Harvest Moon“ vom 1992 erschienenen gleichnamigen Album – nun wieder mit Bandbegleitung – und spielt danach „Looking Forward“ (1999). Der folkige CSNY-Song wartet mit bezaubernden Harmonien auf, zu denen die eher brachiale Darbietung von „Sun Green“ (2003) angenehm kontrastiert. Die leitet schließlich passend zum unbestrittenen Höhepunkt des Abends über. „Like A Hurricane“ (1977) wird in einer wirklich epischen Version dargeboten, die Youngs unnachahmliches Gitarrenspiel wunderbar zur Geltung bringt. Dabei entfaltet der ultimative Crazy Horse-Song in der phänomenalen Version mit The Chrome Hearts eine mir zuvor unvorstellbare emotionale Wucht, die nicht nur dem Rezensenten Tränen in die Augen treibt. Etwas Großartigeres wird es so bald nicht zu hören geben.
Ergriffen lauscht man dann „Hey Hey, My My (Into the Black)“ (1979), dessen „Rock and roll can never die“ nichts von seiner jugendlichen Energie verloren, aber auch etwas Wehmütiges hat, wenn Young, der im November seinen 80. Geburtstag begehen wird, konstatiert: „And once you’re gone, you can’t come back / When you’re out of the blue and into the black”.

Mit dem CSNY-Song „Name of Love“ (1988) (mit Young), bei dem der Harmoniegesang von McCormick und Willie Nelsons Sohn Micah nicht hinter Graham Nash und David Crosby zurückbleibt, sowie einer ruhigen und bewegenden Version von „Old Man“ (1970) endet das reguläre Set. Die Band kehrt noch einmal für ein fulminantes „Rockin’ in the Free World“ (1989) zurück. Das begeisterte Publikum hält es da schon lange nicht mehr auf den Sitzen, die Grenzen zwischen Steh- und Sitzbereich verschwimmen endgültig im gemeinsamen Skandieren des Refrains, während Young fast mantraartig immer wieder fragt „Where is the man of the people“? Damit spannt er noch einmal den Bogen zu seinem politischen Engagement und macht deutlich, dass er auch nach über 60 Jahren auf der Bühne noch eine Menge zu sagen hat.

Ja, es war ein berauschender Auftritt von Neil Young auf dem Wasen.
Der ein oder andere, der 2013 Gast in der Schleyerhalle war, wollte damals nicht nochmals den Grantler sehen und hören, da Neil für viele es mit dem jammen übertrieben hatte.
Aber 2025 auf dem Wasen bannte sich mit „Cowgirl in the Sand“ die pure Freude Raum.
Ein war ein grandioser Abend. Und kurzfristige Konzertgänger wurden mit den günstigen lucky dip Tickets angelockt. Sie werden es nicht bereut haben.