JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

John Spencer & The Hitmakers sind längst wieder Vergangenheit, heute firmiert der Meister schlicht unter Jon Spencer & Band. Noch viel weiter zurück liegen Pussy Galore, Boss Hog und Blues Explosion – schließlich ist der New Yorker seit gut 40 Jahren im Geschäft. Und seien wir ehrlich: Sein Sound hat sich nicht wesentlich verändert, egal, mit wem er zusammenspielt.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Auch mit reifen 60 Jahren Lebenserfahrung ist Jon Spencer ein großspuriger Alphamann, daran hatte wohl niemand im Publikum der Schorndorfer Manufaktur gezweifelt. Sechs Jahre nach dem letzten Gastspiel rechne ich (zweckpessimistisch?) mit einem eher routinierten Auftritt, doch ich soll mich ganz schön täuschen.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Das liegt auch an der noch recht neuen und erstaunlich jungen Begleitband, die dem eigentlich mit allen Rock’n’Roll-Wassern gewaschenen Frontmann ganz schön Feuer unterm Hintern macht. Kendall Wind (Bass) und Macky Spider (Drums) sind eigentlich die Rhythm Section von The Bobby Lees, die 2022 ein tolles Album bei Mike Pattons Ipecac-Label veröffentlichten. Die beiden erweisen sich schnell als hart arbeitende Pacemaker, mit denen Spencer seine Show in extrem rasantem Tempo durchpeitscht. Auch ihre hysterisch geshouteten Backgroundstimmen passen wie die Faust aufs Auge.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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„Don’t Stop“ raunzt Spencer seinem furios wirbelnden Drummer mit dem ausklingenden Song zu, Zeit für Beifall gibt es nicht. Die Band prescht gnadenlos durch ihr Set, wobei viele Songs an sich ja schon reichlich harsche Breaks und Tempowechsel zu bieten haben. Aus welchen Schaffensphasen die einzelnen Songs stammen, kann ich nicht sagen – allerdings, dass sie allesamt super sind. Kein anderer schafft es, einen so monströsen Sound aus Rock’n’Roll, R&B, Rockabilly, Funk, Punk, Blues und Soul mit dermaßener Garagenpunk-Power aufzupumpen. Das ist hochexplosiv, extrem wuchtig und saftig laut.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Spencer ist topfit und bestens bei Stimme, fällt im Stakkoto in seinen legendären Ausfallschritt, versieht die Songs mit reichlich Shouts und Glucksern und spielt ein sattes Brett von einer fuzzgeladenen Stromgitarre. Auch der Bass von Kendall Wind steht auf Maximum Fuzz, während Drummer Macky Spider virtuos die Sticks schwingt und den Beat immer wieder statt auf der knallenden Snare auf einer stumpfen Tom durchtrommelt – exakt der richtige Rumpel-Drive für Spencers kraftvollen Höhlenmenschen-Groove.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Im halbstündigen Zugabenblock überrascht er, nach dem bis dahin atemlos durchjagten Programm mit intensiver Message und direkter Publikumsansprache. Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass der ansonsten ja recht kantige Charakter an einem Dienstagabend in nicht gerade übervoller Location so gut drauf ist.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Ich habe Spencer in den letzten 35 Jahren schon oft auf der Bühne gesehen, aber so begeistert war ich noch nie. Was vielleicht daran liegt, dass ich seinen Sound zwischen all dem herben Gerumpel und Geschepper heute vielleicht erst richtig verstanden habe. Denn letztlich ist der Auftritt eine klassische Rock’n’Roll Revue in Überschallgeschwindigkeit. Die historischen Koordinaten sind der ganz junge Elvis, der manische Lux Interior von den Cramps und James Brown – letzterer mehr denn je. Auch Sly Stone wird aus traurigem Anlass gehuldigt.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Die fiebrig-explosive Performance ist sicher auch dem frischen Blut seiner jungen Mitspieler*innen geschuldet. Statt mit grumpeligen Veteranen aufzutreten, lässt sich Spencer vom jugendlichen Drive seiner Band sichtbar mitreißen – obwohl er natürlich immer den Chef im Ring großmäulig heraushängen lässt. Macht einen vielleicht doch nicht so überraschend großartigen Auftritt mit kernigstem Rock’n’Roll von einem Jon Spencer in absoluter Bestform.

JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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4 Gedanken zu „JON SPENCER & BAND, 10.06.2025, Manufaktur, Schorndorf

  • 12. Juni 2025 um 21:46 Uhr
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    Hey, spannender Bericht – man merkt total, wie sehr du Jon Spencer als Performer schätzt. Ich hab mich gefreut, dass du auch die neue Band erwähnst, gerade weil sie so einen großen Einfluss auf den aktuellen Sound hat.

    Mir ist beim Lesen aber etwas aufgefallen: Auch wenn Kendall Wind und Macky Spider Bowman beide genannt werden, wirken sie trotzdem etwas ungleich behandelt.

    Macky bekommt das Label „virtuos“ – okay, für seine Stick-Twirls, aber das bleibt hängen. Kendall dagegen wird auf „Maximum Fuzz“ reduziert. Da fehlt mir ein bisschen der Blick auf das, was sie musikalisch eigentlich macht.

    Viele der Songs, die sie live mit Jon spielt, hatten im Original gar keinen Bass. Kendall interpretiert also nicht einfach vorhandene Basslinien, sondern übernimmt Gitarren- oder Synthparts und formt so den Sound aktiv mit. Das ist keine reine Lautstärke, sondern musikalisch durchdacht – und zentral für die Live-Versionen dieser Songs.

    Jon kennt beide durch die Bobby Lees, deren Album Skinsuit er produziert hat. Außerdem hat er Kendall als Studiomusikerin für das Samantha Fish/Jesse Dayton-Album Death Wish Blues engagiert, wo er auch Produzent war. Das Studio-Engagement und dass er sie für seine eigene Band geholt hat, zeigen, wie sehr er ihr als Musikerin vertraut – ebenso wie ihrer engen Verbindung zu Macky, mit dem sie schon lange zusammengespielt.

    Ich hab das Gefühl, dass Musikerinnen in Reviews immer noch oft weniger wahrgenommen werden – nicht mit böser Absicht, aber eben durch fehlenden Fokus auf das, was sie musikalisch leisten. Vielleicht war der Sound im Raum nicht optimal. Vielleicht fehlte der Kontext, was die Songs ursprünglich waren. Aber gerade wenn eine Musikerin so viel zum Gesamtsound beiträgt wie Kendall, lohnt es sich, hinzuhören – nicht nur auf die Lautstärke.

    Viele Grüße
    Seb

  • 13. Juni 2025 um 14:41 Uhr
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    Hallo Seb,

    danke für deine Erläuterungen. Absicht war es keinesfalls, Kendall die verdiente Würdigung vorzuenthalten. Zu meiner Entschuldigung: Ich stand auf der linken Seite vor Spencer und hab den Bass nicht ganz so differenziert hören können. Über die früher gar nicht existenten Basslines habe ich mir tatsächlich keine Gedanken gemacht – als Nichtmusiker schon gleich gar nicht. Übrigens finde ich „virtuos“ nicht höherrangig als „Maximum Fuzz“, verstehe aber deinen Einwand und gelobe Besserung. Das Album der Bobby Lees fand ich übrigens auch sehr gut.

    Herzliche Grüße,
    Joe

  • 14. Juni 2025 um 14:26 Uhr
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    Hallo Joe,

    danke für deine ehrliche und nette Rückmeldung! Ich finde es klasse, dass du so offen bist und das Thema so reflektierst. Basslines können wirklich tricky zu hören sein, vor allem live. Freut mich, dass dir das Bobby Lees-Album auch gefällt! Weiterhin viel Spaß beim Schreiben und Hören!

    Viele Grüße,
    Seb

  • 27. Juni 2025 um 18:42 Uhr
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    Ich war auch sehr sehr positiv überrascht von diesem Auftritt. JSBX fand ich in der End-Phase live und auf den Alben schwach. Diese Show wird mir lange in Erinnerung bleiben. Besonders gefallen hat mir, dass sie Butthole Surfers gecovert haben – „The Shah Sleeps In Lee Harvey’s Grave“.
    In der Hoffnung, dass The Bobby Lees auch noch nach Schorndorf kommen.

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