LOS BITCHOS, STATION 17, LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart

LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Wenn wir über Pop in Stuttgart sprechen, kommt man an Levin goes lightly nicht vorbei. Das weiß auch das About Pop Festival, in seiner sechsten Ausgabe dieses Jahr ist es so groß wie nie. Auf solcherlei Festivals oder Pop Conventions gibt es üblicherweise nie lange Slots, alles findet gefühlt gleichzeitig statt, Fomo ist vorprogrammiert, im Rush und Überangebot nur kurze Zeit und Aufmerksamkeit die Essenz der einzelnen Acts zu erfahren. Die schöne Überforderung des Pops, ein Fluch und Segen. Levin hat 45 Minuten Zeit und ein recht frühen Slot nachmittags um 17 Uhr als „local hero“ (leichtes Unwort tbh), doch die About Pop ist ausverkauft und das Wizemann Studio, in dem Levin mit fünfköpfiger Band auftritt, ist schon jetzt sehr gut gefüllt mit mehreren hundert Leuten. 

LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
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Levin goes lightly, das Projekt des Stuttgarter Künstlers Levin Stadler, der früher oft und vielleicht zu oft bei jeder Gelegenheit als Stuttgarter David Bowie bezeichnet wurde. Seine künstlerische Eigenständigkeit muss man doch jetzt einfach mal anerkennen statt ihn immer wieder auf diesen natürlich wertschätzenden und anerkennenden Vergleich zu reduzieren. Man weiß woher es kommt, doch glitzert das Stuttgarter Pop-Juwel doch schon von selbst in den schillerndsten Farben. Seine Band Levin goes lightly gab es schon in allen möglichen Konstellationen, ganz zu Beginn solo, zu zweit, zu dritt und heute zu fünft mit teilweise ganz neuen Bandmitgliedern. Neben der Stammbesetzung, dem Trio Levin Stadler/Thomas Zehnle/Paul Schwarz, sind heute noch Julia Kalb am Bass und Gaisma (Keyboards) dabei. Eine Besetzung, die es so zum ersten Mal beim Auftritt der Band beim vergangenen Psych in Bloom gab; auch so ein faszinierendes popkulturelles Musikspektakel made in Stuttgart (regional betrachtet, aber die Region denkt das Festival glücklicherweise und zurecht mit)

LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
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Julia Kalb und Gaisma fügen sich wunderbar ins Bandgefüge ein und gemeinsam sorgen sie für einen sehr opulenten Sound und lassen Levin selbst viel Raum, er wird mehr denn je von dieser Band getragen. Zur Gitarre muss er nun weniger greifen. „I’m drifting away“ singt Levin und das fängt es generell gut ein. Drifting Sounds, zeitweise längere instrumentale psych- und shoegazige Parts, das gelingt gerade mit der vollen Besetzung wunderbar. Es ist herrlich, wie schnell es die Band schafft, sich in einen Rausch zu spielen und auch ein recht fluktuierendes Festival & Conventionpublikum mitzunehmen.

Viel Neues ist in diesen 45 Minuten zu hören, neben einigen noch unveröffentlichten Songs („Drifting“, „Fleck“, „Alleine“, „Numb“) sind zwei erst kürzlich veröffentlichte Titel zu hören: „Wasser“ (am Weltwassertag 22. März erschienen) gleich zu Beginn, direkt anschließend folgt „Headbanging“ (mit tollem entsprechenden Musikvideo und Szeneprominenz) und Levin bangt natürlich zum Song mit, so viel Kontinuität in der Performance muss sein. Und ein großer Performer war Levin schon immer.

LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
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„It’s beautiful when it’s sad“ singt er darin, das ist der Levin Vibe und es könnte kaum treffender sein. Ein Vibe, den er schon vor zehn Jahren geprägt hat und der heute Acts wie Edwin Rosen umströmt, der heute Abend als Headline in Pole Position spielt und sich auf einer kaum endenden Hypewelle befindet. Aber darum geht’s ja auch auf so einer Convention und im Pop in general: Pop und Hypes, music for the masses.

Die überwiegend neuen Songs geben tiefe Einblicke ins bereits fünfte (!) Album – was für ein Ritt über die Jahre, während der Show denkt man unweigerlich daran, wie dieses wunderbare Projekt begonnen hat: Die frühen Anfänge solo im Waggon, die legendäre „Neo Romantic“-Releaseshow im Schocken und Max Rieger am Schlagzeug (!) – damals schon ein Meilenstein – und heute, 10 Jahre nach „Neo Romantic“ ist Levin goes lightly wesentlicher Teil der immer größer und bedeutender werdenden About Pop Convention. Allein die beträchtliche künstlerische Entwicklung im Laufe der Jahre, um es in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen: Buchstäblich vom Nordbahnhof ins Opernhaus. 

LEVIN GOES LIGHTLY, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
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Ganz zum Ende, pünktlich auf die Minute (was übrigens den ganzen Festivaltag über wunderbar eingehalten wird) dann „Liebhaber“, Levin macht einen Ausflug ins Publikum und wirft uns rote und weiße Rosen zu. „Speedways“ markiert den Schlusspunkt mit einem weiteren Neo Romantic-Oldie und lässt Levin auf die Boxen steigen, bevor das Set in einer wunderschön fiependen und heulenden Noisewolke endet. Wir können froh sein, dass wir Levin in Stuttgart haben. Er erzählt und lebt eine der schönsten Popgeschichten, die direkt vor unserer Tür stattfindet – und klingt zudem dabei ausgesprochen international. In diesem Kontext der About Pop ist er sowas wie der Vorzeigeact und hier genau richtig gesetzt, denn er verkörpert das, worum es an diesem Wochenende geht, wie kein zweiter. Levin goes lightly muss hier vorkommen, wenn wir über Pop in Stuttgart sprechen. Er tut dem Musikstandort Stuttgart gut – auch, weil er geblieben ist und nicht, wie viele im Dunstkreis Die Nerven/Wolf Mountains/Karies/Human Abfall schon lange in Berlin leben. (Verübeln kann man es ihnen aber nicht, die Gründe verständlich.)

STATION 17, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Ähnlich bedeutsamer deutscher Popstandort neben Berlin ist bekanntermaßen Hamburg, die Namen kennen wir alle, die „Schule“ auch, einige Vertreter*innen eben jener auch bei der About Pop zugegen. Ein in vieler Hinsicht besonderes und einzigartiges Hamburger Projekt ist Station 17, das neulich das dreißigjährige Bestehen feierte und heute bei der About Pop auftritt. Immer im Wandel und mit wechselnder Besetzung, das zeichnet die Band aus, die aus einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung entstand und seitdem eines der aufregendsten deutschen Musikprojekte ist und nebenbei zeigt, wie durch gemeinsames Musizieren Inklusion einfach passiert und gelebt wird. 

STATION 17, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Heute tritt die Band zu siebt auf, einige bekannte Gesichter darunter, teils langjährige Mitglieder wie Gitarrist Felix Ernesto Schnettler, Keyboarder Philip Riedel, Siyavash Gharibi (Percussion) oder auch Sebastian Stuber (Synthesizer und Gesang). 

Auch für ihre kontinuierliche Zusammenarbeit mit teils prominenten (Indie)-Musiker*innen sind sie bekannt, die zeitweise auch Teil der Band waren, z.B. Philipp Wulf (Messer), Kevin Hamann (Clickclickdecker) oder Saskia Lavaux (Schrottgrenze) um nur wenige zu nennen. Heute sind sie in einer eher klassischen Besetzung unterwegs, auf dem kürzlichen Live-Album zum 30. Jubiläum ist die ganze Bandbreite der Kollaborationen ersichtlich: U.a. Frittenbude, Michael Rother, Fettes Brot, Andreas Spechtl oder Andreas Dorau, alle musizierten gemeinsam mit Station 17. Von den beiden letztgenannten mit gleichen Vornamen spielen sie heute auch Stücke.

STATION 17, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Funky und beschwingt geht es mit „Hausmann“ und „Pusch“ los, zwei Titel des aktuellen Albums mit dem genialen Titel „Oui bitte“, deren treibender Flow wird das ganze Set über beibehalten, die Band ist super eingespielt. Station 17 sind kaum festgelegt auf Genres, am ehesten ließe es sich heute aber mit Krautrock umschreiben, wenn sie zu langen, wunderschön verspulten Instrumentalparts ansetzen, treibend wie bei Neu!, dynamisch und unwiderstehlich tanzbar, offen und experimentierfreudig. Naheliegend, dass die Platten auf dem Qualitätslabel Bureau B veröffentlicht werden. Sie können aber genauso Elektropop oder „Untergang“ von Fehlfarben covern, dem vierten Stück des Sets. „Uh-Uh-Uh“ danach ist unheimlich catchy und gleichzeitig ein wundervolles ESG-Zitat. („Moody“ summt man automatisch mit)

Mit „Der Monat“ und „Aufgehoben“ folgen zwei Songs die mit Andreas Dorau entstanden sind, der ein Tag zuvor in Stuttgart ein Konzert spielte. In „Der Monat“ singt Gitarrist Felix Ernesto Schnettler in Dorau-Manier die Abkürzungen der Wochentagsnamen („Mo Di Mi Do Fr Sa So, ich fürchte das bleibt den ganzen Monat noch so“) über helle, flächige Chromatics-Synths und psychedelischen Gitarrensoli. Der repetitive, hypnotisierende Chorgesang beim folgenden Song „Dinge“ ist wie gemacht für Remixe, die von Station 17 Stücken zuhauf existieren (u.a. von DJ Koze, Justus Köhncke oder Mense Reents)

STATION 17, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Besonderes Augenmerk: Das Konzert wird wie einige andere Programmpunkte auf dem Festival auch live in Gebärdensprache übersetzt, eine Dolmetscherin steht am Bühnenrand, übersetzt Songtexte und Musik. Das kennen wir u.a. schon von der Popkultur Berlin, die bereits vor einigen Jahren Konzerte dolmetschen ließen. Gerade Themen wie Inklusion oder auch Awareness, die im aktuellen Popdiskurs zurecht immer wichtiger werden, hat die Popkultur Berlin schon früh gesetzt. Hier und da kann man deren Einfluss auf die About Pop nicht abstreiten, inhaltlich, im Angebot oder in der Gestaltung blitzen Popkultur Berlin Vibes auf, ist ja nicht die schlechteste Referenz. Und Station 17 natürlich auch dort bereits mehrfach zu Gast gewesen, die kaum passender mit „Wir wollen zusammen sein“ ihr Set beenden, im Original eine Kollaboration mit einer weiteren deutschen Independent Ikone, Knarf Rellöm. 

Die gleichzeitig verbindende Message des Songs fängt so auch das Wesen der Band gut ein und macht im Nachhall des beeindruckenden Auftritts von Station 17 nochmal klar, wie wichtig es ist, das Thema Inklusion auch im alltäglichen Kulturbetrieb mitzudenken, um allen Menschen Zugang und Teilhabe z.B. an Festivals wie diesem (oder allen anderen Musikveranstaltungen) zu ermöglichen und das Thema im Popdiskurs zu setzen. Sei es Menschen in Panels eine Stimme zu geben, die sonst zu wenig repräsentiert sind, für Sicherheit und Wohlbefinden zu sorgen oder Barrierefreiheit oder Angebote wie dem Gebärdendolmetschen zu realisieren. Auch das ist Pop in der Gegenwart.

LOS BITCHOS, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Kurz vor Schluss dann noch in verdienter Co-Headliner Position zwischen Edwin Rosen und Lebanon Hanover, der sympathischste Ausreißer des ganzen Abends: Los Bitchos aus London. Erfrischend nicht nur aufgrund der „good vibes only“-Aura der vierköpfigen Band (mit zusätzlichem Livegitarristen), was sie direkt zu Beginn allein dadurch unterstreichen, als sie mit den Klängen von „Heaven is a place on earth“ die Bühne betreten. Sondern vor allem, da die Band so viel Groove, Party und Ausgelassenheit verströmt und gleichzeitig so herrlich unkonform ist. 

„A globe-trotting psychedelic surf-disco safari“ nennt es der Rolling Stone, die Band selbst verweist auf einen starken Cumbia-Einfluss, traditionelle kolumbianische Folklore oder das beste Beispiel dafür, wie abwechslungsreich und catchy Instrumentalmusik sein kann. Mit Spielfreude und Virtuosität, mit Bongo-Breaks, Offbeat Gitarren und einem durchgehenden Flow, immerzu nach vorne treibend. Das tut dem Konzertprogramm am Festivalabend enorm gut, das teilweise dann doch eine zu stark ausgeprägte wavy Kerbe hat. Umso wohltuender ist der Auftritt von Los Bitchos im Wizemann Club. 

LOS BITCHOS, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Vom bislang einzigen Album der Band „Let The Festivities Begin!“ (City Slang) spielen sie gleich zu Beginn das wunderbare „The link is about to die“ – „an oldie but an goldie“ (true) – ein weiteres Album erscheint vermutlich noch dieses Jahr, im Set sind heute mindestens fünf neue Titel, einer davon „La Bomba“, der bereits veröffentlicht wurde.

Durchweg Summer Vibes und ein nicht endender schwindelerregender Trip das gesamte Konzert über – und in keinem Moment Gesang vermisst. Das erinnert hier und da an Sababa 5 (mit einem sensationellen Auftritt kürzlich im Merlin), an ESG oder die äußerst angesagten Altin Gün, mit denen es auch ein Los Bitchos Feature gibt, also gar nicht so weit hergeholt und um eine lokale Referenz zu ziehen, auch etwas Jamhed.

LOS BITCHOS, 17.05.2024, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
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Zusätzliche Sympathiepunkte, die gar nicht nötig wären sind das herrliche Minenspiel von Gitarristin Serra Petale, die kurze Tanzchoreographie vor „Pista (Fresh Start)“ oder die charmante Referenz zum Blue Öyster Cult-Sketch „need more cowbell!“. Darüber hinaus wird klar, Los Bitchos sind eine herausragend geeignete „Festivalband“, in dem Sinne, dass sie mit Leichtigkeit ein unverbindliches Publikum, wie das auf Festivals üblich ist, überzeugen. Bereits beim letztjährigen Maifeld Derby (good company) konnte man dies eindrucksvoll erleben, die ganze Essenz der Band open air bei 30 Grad – oder wie es das Maifeld Derby selbst perfekt umschrieb: „Im Sonnenuntergang auf dem staubigen Gelände, stellt euch vor, es ist die Tarantino Wüste“. Maifeld Derby in diesem Kontext sowieso die beste Referenz, eine Pop-Oase und das beste Festival Baden-Württembergs (mindestens)

Während alles nach Sommer klingt und so aussieht, könnte das Wetter draußen heute nicht schlimmer sein. Pop und Wetter, ja ja, das Thema, das bei der diesjährigen About Pop leider doch so viel Raum einnimmt, immerhin ist „Das Wetter“ auch ein popkulturelles Magazin und somit hier dann doch gut aufgehoben. Das scheint beim laufenden Konzert so lang noch fern, bis Los Bitchos nach knapp einer Stunde mit „Las Panteras“ zum Ende kommen und ein durchweg glückliches Publikum zurücklassen, mit Sonne im Herzen. „We have a fucking good time!“ richtet Petale strahlend an die tanzenden Menschen vor ihr – we too!

Los Bitchos

Station 17

Levin Goes Lightly

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