TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Der Auftritt der in London lebenden Kanadierin Tess Parks steht im Merlin unter dem Motto „And Those Who Were Seen Dancing“, was sich beim Konzert als treffendes Motto herausstellt – erweist sich der Titel ihres neuen Albums doch als unerwartet programmatisch.

Zu Konzertbeginn sieht es zunächst so aus, als ob die sich bei tendenziell psychedelischer Musik notorisch einfindende Riege älterer und eher hüftsteifer Herren das Publikum prägen sollte – es kommt dann aber zum Glück anders. Denn ein rundes Dutzend auffallend junger Menschen übernimmt die Regie vor der Bühne, singt und tanzt euphorisiert – obwohl die Musik von Tess Parks zumindest vordergründig eher statisch und motorisch anspruchslos erscheint.

TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: Stephan Pohl

Dank der eskalierenden Jungspunde drängt letztlich das gesamte Publikum (rund 80 100 Menschen) Richtung Bühne, wo es mit der charismatischen Chanteuse Tess Parks ja auch etwas zu sehen gibt. Die zierliche Person inszeniert sich leicht divenhaft im Laurel Canyon-Hippie-Chic der späten sechziger Jahre und gibt sich gekonnt eine Aura des Geheimnisvollen.

Das äußert sich in sehr sparsamem Stageacting und zunächst betont ausdrucksloser Mimik. Was wiederum den Vorteil hat, dass man sich ganz ihrem erstaunlichen Gesang widmen kann. Die raue und durchaus soulige Wärme holt sie von tief unten aus dem Hals und zaubert so ein beachtliches Stimmvolumen.

TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Diese beeindruckende und einnehmende Stimme steht immer im Mittelpunkt und wird von der angenehm unaufgeregt agierenden vierköpfigen Band in ein wohltemperiertes Ambiente gebettet. Mit schrammeliger Gitarre, elastischem Bass, groovenden Drums und flächigem E-Piano entsteht ein wohlig warmer Klangteppich, verankert in Psych-Pop und Vintage-Sound der späten Sechziger und frühen Siebziger. Das klingt nach den ersten Songs zunächst allerdings etwas gleichförmig, weil Tempi und Akkorde (konsequent in Moll) kaum variiert werden.

Mazzy Star-Fans ist der wesentliche Einfluss der Musik von Tess Parks schnell klar, mit ihrer Band ist sie im Verlauf des Konzerts dann aber durchaus in der Lage, zumindest phasenweise aus dieser Referenzhölle zu entkommen – am effektivsten mit zunehmend lauter werdenden Gitarrenriffs, die trotz konsequent mittlerer Tempi eine beachtliche Dynamik entwickeln. Was wiederum auch ein wenig an Bands wie The Brian Jonestown Massacre erinnert, mit deren Boss Anton Newcombe Tess Parks bereits zwei Alben eingespielt hat.

TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: Stephan Pohl

Diese stoisch-riffenden Momente haben fast schon etwas von mildem Grunge, was man auch am flächendeckend kopfnickenden Publikum ablesen kann. „Wall of Sound“ ist hier mal wieder das Zauberwort, wobei ungeklärt bleibt, ob es im Gigblog-Universum einen männlichen oder weiblichen Artikel bekommt.

So steigert sich auch die Stimmung im Publikum in unerwartete Höhen, durchaus zum Amüsement der ansonsten auf der Bühne vermutlich eher selten lächelnden Tess Parks, die dann auch fast 90 Minuten spielt und nach dem Konzert für einen beachtlichen Auflauf am Merch-Stand sorgt.

TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Eine Anmerkung der Fotografen sei erlaubt: Bei diesen Lichtverhältnissen, auch wenn sie von der Künstlerin ausdrücklich gewünscht werden, lassen sich leider keine einigermaßen sinnvollen Bilder produzieren. Schade. (Dass sich dann auch noch eine der Kameras – vermutlich aus Protest – mit einem technischen Defekt verabschiedete, war auch nicht gerade hilfreich.)

Ein Gedanke zu „TESS PARKS, 23.11.2022, Merlin, Stuttgart

  • 28. November 2022 um 11:21
    Permalink

    „Zu Konzertbeginn sieht es zunächst so aus, als ob die sich bei tendenziell psychedelischer Musik notorisch einfindende Riege älterer und eher hüftsteifer Herren das Publikum prägen sollte – es kommt dann aber zum Glück anders.“
    Ich war einer davon !!!
    Super geschrieben – genau so war’s !!!

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