LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, 01.10.2022, Merlin, Stuttgart

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, 01.10.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Samstag, 11. Juni 2022, 15:30 Uhr auf dem Maifeld Derby. Es hat 35 Grad im Schatten, und Schatten gibt es keinen. Lucy Kruger & the Lost Boys stehen völlig ungerührt auf der großen Open-Air-Bühne in der prallen Sonne. Komplett in schwarz gewandet, mit langen Jacketts und Sonnenbrillen. Und die (in Berlin lebende) Südafrikanerin schafft es unter diesen maximal ungünstigen Umständen im Festivaltrubel tatsächlich, uns mit ihren finster-melancholischen Slowcore-Songs in den Bann zu ziehen. Wir mutmaßen: Wie intensiv muss dies erst als Club-Gig sein? Glückliche Fügung: Schon vier Monate später haben wir die Möglichkeit, dies zu überprüfen. Leider hat sich die Band ausgerechnet an einem der konzertreichsten Samstage des Jahres im Merlin eingefunden. Und so fordert die große Konkurrenz ihren Tribut: Nur gut dreißig Zuschauer:innen haben ebenfalls den Weg ins Merlin gefunden. Die werden aber alle mit ihrer Wahl zufrieden gewesen sein, was man gut 75 Minuten später dem begeisterten Schlussapplaus entnehmen kann.

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, 01.10.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Bedingungen könnten kaum besser sein. Dezentes Licht, zarter Nebel und ein meisterhaft gemischter Sound, der das gesamte Spektrum von leisestem Sprechgesang bis zu eruptivem Krach abbildet. Mit „Promised Land“ vom 2021er Album „Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)“ beginnt das Set. Und Lucy Kruger entwickelt sofort den Sog, den wir schon auf dem Festival erlebt haben. Mit leisestem, gehauchtem Gesang und intensivem Blick, mit dem sie gezielt einzelne Zuschauer:innen fixiert. Nur von ein paar Gitarrenlauten begleitet, ist dies ein minimaler, aber äußerst wirksamer Opener. Im zweiten Song kommt ein wenig gedämpftes Schlagzeug hinzu und so baut sich langsam und unaufhaltsam mit jedem Song ein wenig mehr von Krugers musikalischem Kosmos auf. Der finsteren Magie dieser sehr schleppenden Songs kann man sich kaum entziehen. Mit „Risk“ vom aktuellen Album „Teen Tapes (For Performing Your Own Stunts)“ wird es dann schon lauter und Assoziation zum frühen Nick Cave oder auch Birthday Party werden geweckt. Erster dramaturgischer Höhepunkt: der beklemmende Song „Autobiography of an Evening“.

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, 01.10.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Ansprache ans Publikum ist zurückhaltend, die Band agiert dezent im Hintergrund. Die zwei gegeneinander gesetzten Gitarren erschaffen eine enorme Spannung, das Bass-Ostinato verstärkt die finstere Atmosphäre. Wenn dies der Soundtrack für einen (inneren?) Film wäre, dann wäre dieser sehr langsam, dunkel und geheimnisvoll. Und ganz sicher ohne Happy End. Einziges kleines Manko am Auftritt ist, dass Lucy Kruger zwischen den meisten Songs die Gitarre recht aufwändig nach- oder umstimmen muss. Das nimmt einererseits jedesmal ein wenig von der Spannung aus dem Auftritt, andererseits gibt es dem Publikum auch kurze Verschnaufpausen, bevor es hinab in die nächste dunkle Ecke der Kruger’schen Gefühlswelt geht.

Und dass sich dann aus den drei Dutzend Zuschauer:innen nach dem Konzert sogar eine Schlange am Merch-Tisch bildet, dann darf man dies durchaus als weiteren Beweis für einen rundum gelungenen Auftritt einer formidablen Band werten.

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, 01.10.2022, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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