POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Postcards spielen als Gäste des „InDiewohnzimmer e.V.“ im Tiefbunker am Feuerbacher Bahnhof. Wie für die meisten Neulinge, die heute Abend zum ersten Mal dabei sind, ist die unterirdische Anlage für mich gruselig faszinierend. Der Bunker dient zum Glück nur noch als Museum, aber hinter den dicken Stahltüren reihen sich an den Wänden die Klappsitze samt Kopfstützen noch eng aneinander. In den kleinen Schlafräumen stapeln sich jeweils 9 Schlafpritschen, Handtücher und Bettzeug liegen für zwei Wochen Warten auf die ungewisse Zeit nach einem Atomkrieg bereit. Es ist ganz schön kalt hier unten, zwischen dem vielen Beton.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Mein Kopf spielt in den langen Gängen automatisch „Hurra die Welt geht unter (… wir sitzen im Atomschutzbunker“) von K.I.Z. ab und die U-Bahn, die über unsere Köpfe fährt, liefert schon vor dem Konzert einen seltsamen Bass dazu. Gespielt wird heute aber kein Deutschrap, sondern Dreampop und Shoegaze von der Band aus Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Auf dem Maifeld Derby haben sich die Organisatorinnen in die Gruppe verguckt, nun kann das Trio endlich das corona-gecancelte Konzert in Stuttgart geben.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Der kleine L-förmige Konzertsaal zwei Stockwerke unter der Erde ist sehr gut gefüllt, der Abend ist ausverkauft. Ein bisschen buntes Licht taucht die Ecke, in der die Band spielen wird, in den Fokus. Der „Sitzraum“, wie es die alte Beschriftung über dem fluoreszierenden Band an der Wand verkündet, ist heute aber zum Stehen und Zuhören da.

Mit „Mother Tongue“ eröffnet Sängerin Julia Sabra den Abend. Im bunten Kleid, mit großen goldenen Ohrringen und geschlossenen Augen ist sie ganz bei sich und trotzdem sehr nah bei ihrer Band und dem Publikum. Sie spielt beim Opener selbst Gitarre, vor dem zweiten Song „Fossilized“ übergibt sie das Instrument im fliegenden Wechsel an Marwan Tohme, der zuvor am Bass dabei war. Man erkennt sofort, dass hier ein eingespieltes Musik-Team zusammenwirkt: Pascal Semerdijan am Schlagzeug als vollwertiges weiteres Instrument, ist der Dritte in der Band.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Der angekündigte Dreampop kommt im Wechsel mit den rockigen Tracks aus dem Key- und Soundboard vor Julia Sabra. Eine ganze Palette an Effektgeräten bedient sie außerdem mit ihren Füßen. Nach dem dritten Stück gibt die Sängerin strahlend preis, dass sie wahrscheinlich noch an keinem seltsameren Ort gespielt hätten, als in diesem Bunker in Stuttgart. Und das, obwohl sie bereits in einem fahrenden Zug in Portugal aufgetreten sind!

Drei weitere Stücke, die Bandmitglieder verstehen sich blind, die Songs sind perfekt kombiniert. Julia beeindruckt mit starken Gitarrensoli und der nächsten Ansage: Sie beschreibt die Wochen der Revolution im Libanon im Oktober 2019. Wie glücklich alle waren, wie groß die Freude über die Veränderung (die Regierung wurde abgelöst und Neuwahlen abgehalten). Das Land war dann aber doch noch so geschwächt, dass der Libanon unter den schlechtestmöglichen Voraussetzungen von der Corona-Pandemie getroffen wurde.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Die Band musste ihre Tour durch Europa damals abbrechen, reiste zurück in ihre Heimat und ging gemeinsam in Studio-Quarantäne. Julia sagt, dass ein paar Songs für das aktuelle Album schon fertig waren, dann ereignete sich am 4. August 2020 eine riesige Explosion im Hafen von Beirut. Ab diesem alles zerstörenden Moment sei das Album eher dem Tod zugewandt. Im Publikum wird an dieser Stelle vereinzelt verlegen gelacht – die Sängerin sagt, das sei okay, denn sie habe diese Geschichte ja auch mit einem Lächeln im Gesicht erzählt.

Sie unterbricht ihre Moderation dann selbst, sie wisse auch nicht so recht, was sie noch sagen soll. Für das aktuelle, dritte Album von Postcards wurde unter diesen Eindrücken der Titel „After the Fire, Before the End“ gewählt. Weiter geht es mit „Lights out“ vom Album „Good Soldiers“. Die Texte sind ihr genauso wichtig wie die Musik, am liebsten würde sie vor dem Konzert Booklets an alle verteilen, sagt Julia in der nächsten kurzen Unterbrechung zwischen den treibenden Stücken.

„Flying Saucers“ berichtet von einer Welt, die in Flammen steht, aber kaum wen berührt, an einem scheinbar ganz normalen Sonntagabend. Was für ein Bild für uns alle, die wir hier unten zusammen stehen: Die Welt weit weg, außerhalb vom Handynetz und für zwei Stunden vermeintlich gänzlich ohne Sorgen.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Die Dystopie – so gesehen auch auf einer gemeinsamen Reise der Band nach Dubai – die Apokalypse und doch immer wieder Hoffnung und Liebe, das sind die Themen von Postcards. „If I die (bury me in light)“, dreistimmig vorgetragen als vorletzter Song ist dann doch fast doch zu groß für die niedrigen Decken im Tiefbunker und hätte mehr Platz verdient gehabt. Marwan an der Gitarre erstaunt seine Frontfrau nochmal mit einem wilden Riff. Der Sound wurde über den ganzen Abend exzellent gemischt von Album-Produzenten Fadi Tabbal, der die Band auf der Tour persönlich begleitet.

„Revolvers“ bildet als „Nicht-Zugabe“ – die Räumlichkeiten lassen keinen glaubwürdigen Abgang und Wieder-Auftritt zu – den Schlusspunkt. Julia Sabra hat auch die Vorgehensweise bei diesem Song freundlich vorab erklärt und sich selbst, ihre Band und das Publikum damit durch einen wunderschönen gemeinsamen Abend und die beeindruckende musikalische Welt von Postcards geführt.

POSTCARDS, 29.05.2022, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

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