MONTAGE-RADIO „GIALLO“ mit MONDO SANGUE, 29.11.2021, Theater Rampe, Stuttgart

MONTAGE-REIHE GIALLO mit MONDO SANGUE, 29.11.2021, Theater Rampe, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Wenn die Tonkünstler:innen von Mondo Sangue etwas beherrschen außer der Produktion fiktiver Soundtracks nie gedrehter Filme, dann ist es das Rühren der Werbetrommel. Rund um das Erscheinungsdatum ihres neuen Albums „Rosso come la Notte“ veranstalten Yvy Pop und Christian Bluthardt ein derartiges PR- und Social-Media-Spektakel, dass man als Musikinteressierter das neue Werk garantiert nicht verpassen kann. Und so ist es sicher auch kein Zufall, dass sich das Montage-Radio im Theater Rampe ausgerechnet am ersten Montag nach dem Record Release dem Thema „Giallo“ widmet. Diesem obskuren italienischen Horror-Film-Genre, das vermutlich nur wenigen Cineasten geläufig sein dürfte und rein zufällig auch der Stil ist, in dem das vierte Album von Mondo Sangue komponiert wurde.

MONTAGE-REIHE GIALLO mit MONDO SANGUE, 29.11.2021, Theater Rampe, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Als „zufällig“ anwesender Gig-Blogger werde ich kurzerhand zu einem Bericht verpflichtet. Ok, es gibt auch wirklich einiges zu erzählen. (Wenn auch nur mit lausigen Handyfotos, die definitiv nicht dem Qualitätsmaßstab des Gig-Blogs entsprechen) Das fängt schon damit an, dass man die Montage-Reihe, die uns mit ihren Sendungen zu verschiedensten popkulturellen Phänomen manch trüben Lockdown-Abend versüßt hat, nicht genug loben und weiterempfehlen kann.

Das Thema des Abends ist nicht nur skurril und spannend, es wird von Pop und Bluthardt auch mit einer Unmenge von Informationen und viel Verve präsentiert. Dass die Moderatoren Andreas Vogel und Aliki Schäfer sich nur vergleichsweise oberflächlich in das Spezialisten-Thema einarbeiten konnten, führt zu spaßigen Situationen und unerwarteten Fragestellungen, die die beiden Musiker auch mal auf dem linken Fuß erwischen. Natürlich geben die beiden auch tiefe Einblicke in den Entstehungs­prozess, z.B. wie zuerst der fiktive Film geskriptet wurde, um einen schlüssigen Soundtrack gestalten zu können. Der Plot handelt von der Mailänder Tierpräparatorin Barbara, die zu einem Auftrag ins Fleischermuseum nach Böblingen im Schwarzwald reist (für das internationale Publikum sei das geografisch hinreichend genau) und dort unter mysteriösen Umständen verschwindet. Diese Story bildet nicht nur den roten Faden durch die aneinandergereihten Songs, sie ist auf dem Album (und dem beigelegten Filmplakat) mit Illustrationen von Adrian Keindorf auch kongenial in Szene gesetzt.

MONTAGE-REIHE GIALLO mit MONDO SANGUE, 29.11.2021, Theater Rampe, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Die komplette Musik kommt aus der Feder von Christian Bluthardt, der auch sämtliche Instrumente einspielt und arrangiert, während Yvy Pop die Gesangstimme beiträgt, die von Genre-Auskennern als geradezu Morricone-würdig beschrieben wird. Zwei Gastmusiker kann das Album auch noch aufweisen, einer davon ist Enrico la Freccia. Er wird in einer Live-Schalte in Köln angerufen und entpuppt sich als der Musiker und Autor Eric Pfeil. Wie die beiden von Mondo Sangue ist er äußerst italophil und steuert in „Taxi Auriga“ ein sonor gerauntes Nancy-und-Lee-artiges Duett mit Yvy Pop bei. Spannender Ausblick: hier hat sich wohl eine musikalische Freundschaft gebildet und man dürfe weiteres erwarten, wie Yvy Pop augenzwinkernd andeutet.

Wie sich Pfeil und Mondo Sangue gefunden haben, ist schnell erzählt: Christian Baudisch, Leiter des Fleischermuseums Böblingen und aktiver Unterstützer des Projekts, hat die beiden in Kontakt gebracht, obwohl sie sich – wie beide betonen – eigentlich bereits vorher kannten. Der zweite Gastmusiker ist übrigens Alberto Rocca alias Bela B., seines Zeichens ebenfalls ausgewiesener Giallo-Fan und bereits zum dritten Mal für Mondo Sangue tätig.

Der zweistündige Radioabend über das visuelle Thema Film dürfte auch für die Zuhörer daheim höchst unterhaltsam gewesen sein, für Zuschauer im Saal hat Bluthardt als Zugabe dann aber noch einen 10-minütigen Best-of-Giallo-Clip zusammengestellt, der tatsächlich große Lust macht, sich tiefer mit diesem schrägen Genre zu befassen. Und dafür dürfte demnächst auch ausreichend Zeit sein, denn beim Abschied verfestigt sich leider das ungute Gefühl, dass dies die letzte Kulturveranstaltung für längere Zeit gewesen sein könnte. Oder wie ein Zuschauer zum Abschied sarkastisch in die Runde ruft: „Fröhlichen Lockdown allerseits!“

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Traurige Parallele: auch die letzte Plattenpräsentation von Mondo Sangue im Oktober 2020 war das letzte Event vor dem Lockdown.

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