ROCKET FREUDENTAL, 17.10.2020, Wagenhallen Stuttgart

ROCKET FREUDENTAL, 17.10.2020, Wagenhallen Stuttgart

Foto: Yvy Pop

Von wegen Stuhlkreis. In der großen frisch desinfizierten (Wagen-)Halle saßen die Wenigen, die das Glück hatten, noch ein Ticket ergattert zu haben auf streng parzellierten Stühlen mit Maske und zwei Meter Abstand voneinander. Der Aufbau glich mehr einer Kunstinstallation als einem Konzert. Schwer zu sagen, für wen der Abend seltsamer war: für die Zweimann-Band Rocket Freudental, die einsam auf der erhellten Bühne kämpfte, oder die Zuschauer*innen, die wie Gefangene auf ihren Einzelplätzen nur zu gern zur Musik ausgebrochen wären. Gegenseitige Achtsamkeit und Respekt ist das Gebot der Stunde. So wurde der Auftritt trotz widriger Umstände durchgezogen – und bleibt stellvertretend für die aktuelle Situation der Kunst- und Kulturschaffenden als Bild wohl noch lange auf dem Monitor eingebrannt.

ROCKET FREUDENTAL, 17.10.2020, Wagenhallen Stuttgart

Foto: Yvy Pop

Dabei gab es an diesem Samstag durchaus Grund zur Freude. Die langersehnte Wiedereröffnung der Wagenhalle „Hallo Halle“ mit einer grandiosen Ateliersschau und Performances feierte ihren Abschluss nach einer Woche geballten Programms. Stuttgart hat endlich seine „Arsenale“ – ob sich der Begriff „Wagenale“ durchsetzen wird bleibt abzuwarten. Gleich nebenan lud die Containercity zur Stärkung mit internationalen Köstlichkeiten und Getränken im Freien, in der Sonne oder am Lagerfeuer immer aber eingebettet mit ausgewählt guter Musik. Und: Das lang ersehnte Album „Erdenmenschen wegtreten“ Rocket Freudentals erscheint auf dem Stuttgarter Label Treibender Teppich – gemixt von Stuttgarts Allrounder Thorsten „Putte“ Puttenat und gemastert von Mastermind Ralv Milberg. Wäre da nicht die zweite Welle am Ansteigen, der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können, das Wochenende des Jahres zu feiern.

ROCKET FREUDENTAL, 17.10.2020, Wagenhallen Stuttgart

Foto: Yvy Pop

Seit 21 Jahren kommentiert das Stuttgarter Duo mit kraftvoller pointierter Sprache das Zeitgeschehen. Dreht man die Zeit ein wenig zurück, erinnere ich mich gerne an zahlreiche Konzerte, die laut, hypnotisch, schweißtreibend, delirierend ganze Räume zum Beben brachten. In den ehemaligen Nordbahnhofwaggons, spritze die Spucke von André Möhls Aggro-Mantras, im schönsten aller Sinne distanzlos, vorbei am Mikro auf die durchgeschwitzten sich schüttelnden Körper auf Augenhöhe. Schweiß tropfte heiß und salzig von der Decke, jeder Schlag auf den dröhnenden Koffer Robert Stengs vibrierte in den Füßen nach und man wollte die beiden auch nach gefühlt Stunden nicht von der Bühne – die es ohnehin nicht gab – lassen, bis letztlich kurz vorm Kollaps sowohl Publikum und Band aus dem Waggon in die Nacht kippten. Das war Energie und Exzess.

ROCKET FREUDENTAL, 17.10.2020, Wagenhallen Stuttgart

Foto: Yvy Pop

Am 17. Oktober 2020 war davon in der Halle wenig zu spüren – wie auch. Die Kühle des nahenden Winters wurde von blauer Beleuchtung und mangelnder Körperwärme durch fehlende Nähe und Bewegung noch verstärkt. Auf der Bühne schreit Möhl in manischer Manier seine Texte, die im matschigen Sound der viel zu leeren Halle – Alptraum eines jeden Mischers – untergehen. Der Sound allgemein ist wummrig, undifferenziert und unausgewogen. Der Kern Rocket Freudentals, die grandiosen räudig-zynischen Texte – nachzulesen auf der schönen Vinylplatte – dringen zum Publikum einfach nicht durch. Wie gut die neue Platte ist, lässt sich nur erahnen. Spoiler: Sie ist sehr gut! Was durchaus spürbar ist, ist, dass die einst nihilistische humorvolle Leichtigkeit Rocket Freudentals einer zynischen Schwere gewichen ist, die den Zeitgeist treffsicher versenkt. In der Halle schwebt von Anfang bis Ende das Unbehagen bis um 21:30 Uhr der Spuk vorbei ist. Ohne Zugabe und leise leert sich die Halle.

Besser so ein Konzert als keines? Die Frage bleibt am Samstagabend ungeklärt, denn die Umstände lassen die Leichtigkeit vergangener Konzerttage nicht aufkommen und dennoch muss Kultur und Kunst sichtbar bleiben – gerade angesichts der Lage. Die rote Phase ist ausgerufen.

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