HASNAIN KAZIM, 23.03.2020, Wien, Facebook

Lesen ist eine der Aktivitäten, mit der man die in den nächsten Wochen zwangsläufig freiwerdende Zeit sinnvoll nutzen kann. Wie an anderer Stelle schon gesagt: Wenn man in der glücklichen Situation ist, tatsächlich Zeit zu haben.

Sehr zu empfehlen, wer noch Tipps braucht, ist das eben erschienene Buch von Hasnain Kazim „Auf sie mit Gebrüll! … und mit guten Argumenten.“ Nach eigener Beschreibung des Autors eine „Streitanleitung“ zum Umgang mit Hassrede und Pöbeleien – im Internet, aber auch im nicht-virtuellen Leben. Das Buch schließt an an den vor zwei Jahren (2018) erschienenen Band „Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte.“

Darin hat Hasnain Kazim, der bis vor kurzem Auslandskorrespondent bei Spiegel Online war, Leserzuschriften und seine eigenen Antworten darauf zusammengestellt. Liest sich super lustig und unterhaltsam, hat aber einen ernsten Hintergrund. Bis zu tausend Zuschriften erhielt Kazim, Sohn indisch-pakistanischer Eltern, teilweise pro Tag als Reaktionen auf seine Artikel. Die meisten Mitteilungen waren unsachlich, beleidigend, hasserfüllt und rassistisch. Morddrohungen waren auch immer wieder dabei.

Eben aus diesem Werk „Post von Karlheinz“, und nicht aus dem neuesten Buch, liest Hasnain Kazim heute in der Facebook-Live-Lesung. Vielleicht, weil sich das „Karlheinz-Buch“ besser in Häppchen vorlesen lässt. Möglicherweise ist der Stressfaktor auch etwas geringer, wenn man als Autor in der ohnehin schon anspruchsvollen Live-Situation aus einem Text vorliest, den man schon sehr gut kennt. Egal, hochgradig lesenswert und unterhaltsam sind beide Bücher. Für mich also so oder so gut.

Wie bei meiner ersten Livestream-Experience gestern läuft auch hier alles technisch wie am Schnürchen. Facebook finde ich als Kanal etwas angenehmer als Instagram, da der Bildausschnitt um einiges größer ist. Auf fünfhundert bis sechshundert Zuseher*innen pendelt sich das Live-Publikum schnell ein. In der Kommentarspalte auf der rechten Seite wird fleißig geschrieben. Ich höre lieber konzentriert zu. Auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren fällt mir schwer.

Einmal muss ich aber zwischendurch dann doch rüber in die Kommentare schauen. „Martin Sonneborn sieht sich das ebenfalls an“, ploppt da unübersehbar eine grün unterlegte Info auf. „Huhu Hasnain, kannst du mich sehen? Viele Grüße aus Europa…“ schreibt er. Sehr nett.

Hasnain Kazim erläutert erstmal, dass ihm sehr wohl klar ist, dass sein Buch, das er zu Anfang ins Bild hält, spiegelverkehrt gezeigt wird. Das habe technische Gründe, die sich theoretisch beheben ließen, dann wäre aber die restliche Übertragungsqualität schlechter. Zum Ausgleich hält Kazim andere „teure Hardware“ bereit. Einen Kosmetikspiegel. Wer also das Buchcover unbedingt richtig rum sehen möchte, kein Problem. Führt der Autor kurz vor.

Wie die andere Künstlerin, die ich mir gestern im Stream angeschaut habe, habe ich auch Kazim schon mal „in echt“ live gesehen. Vor gut einem Jahr war das, im Scala in Ludwigsburg. Auch damals las er aus „Post von Karlheinz.“ Das Besondere an dem Auftritt damals war, dass vor ihm eine Berufsschul-Theater-Gruppe im Teenageralter aufgetreten ist, die sein Buch in einer szenischen Lesung aufgeführt hat. Schultheater mag ich sowieso und die Interpretation der Texte war wirklich sehr gelungen und begeisternd. Habe leider im Netz keinerlei Mitschnitt gefunden, schade. Doch zurück zum aktuellen Auftritt.

Zunächst erzählt der Autor etwas zur eigenen Biographie: Dass er in Hollern-Twielenfleth (Schreibweise musste ich im Internet nachschauen) im Norden Niedersachsens aufgewachsen ist. Dass er Anfang der 1990er nach den rechtsradikalen Übergriffen in Rostock-Lichterhagen als Schüler einen ersten, kritischen Artikel für die Schülerseite der Lokalzeitung verfasst hat. Dass es damals losging mit den Hassbriefen und seitdem offenbar nie wieder wirklich aufgehört hat.

Interessant auch: Die Hassmails kommen keineswegs nur von abgehängten oder weniger gebildeten Menschen (könnte man vermuten), sondern auch von Ärzten, Professoren und Juristen. Und zu neunzig Prozent von Männern. Über den Hinweis, man sollte solchen Menschen „auf Augenhöhe“ begegnen, kann Kazim mittlerweile nur noch lachen. Seine Antwort darauf: „Soll ich mich auf den Bauch legen, um diesen Leuten auf Augenhöhe zu begegnen?“

Über Rassismus darf man nach Hasnain Kazims Überzeugung nicht nur Bericht erstatten, man muss sich solchen menschenverachtenden Äußerungen entgegenstellen. Und das, mit dem er in den allermeisten Nachrichten konfrontiert werde, seien eben nicht „Sorgen und Nöte,“ sondern „verbale Gewaltakte.“ Außerdem gebe es, betont er, selbstverständlich das Recht auf Meinungsfreiheit. Aber eben nicht das Recht auf Widerspruchsfreiheit. Darum habe er 2016 begonnen, allen Leuten, die ihm schreiben, zu antworten.

Im Anschluss an diese Einführung liest er einige der so entstandenen schriftlichen Dialoge vor. Teilweise machen die minimal Hoffnung, dass die Absender*innen in Zukunft zumindest den angeschlagenen Ton ändern. Teilweise (meistens) wird am anderen Ende der Kommunikation aber eher nichts dazugelernt.

Kazims Typologie der Verfasser*innen sieht wie folgt aus – das mengenmäßige Verhältnis der Gruppen zueinander ist jeweils ein Drittel: Es gibt die Frustrierten, die keine inhaltliche Kritik üben, es gibt die Pöbler und es gibt die waschechten Rassisten. Herausragend finde ich Kazims Antwort an einen Vertreter der letzten Gruppe. Der Schreiber gab sich übrigens als „Volljurist“ und Universitätsprofessor zu erkennen und formulierte folgendes:

„Wissen Sie, Herr Kazim: Eine Ratte, die in einem Pferdestall geboren wird, bleibt doch immer eine Ratte. Sie wird niemals Pferd sein. So sehr sie das auch glauben und betonen mag.“

Kazims Antwort:

„Lieber Herr Doktor, danke für Ihre längliche Zuschrift. Wissen Sie, Herr Doktor: Manche Leute können sich noch so sehr um Titel und akademische Grade bemühen und unter dem Namen „Volljurist“ schreiben – sie bleiben für immer ein Vollidiot.
Mit freundlichen Grüßen, Hasnain Kazim – Atommacht -“

Am Schluss bleibt noch Zeit, um Zuschauer*innenfragen zu beantworten. Und spätestens jetzt ist einem dann doch nicht mehr zum Lachen zumute. Eine Frage lautet, ob Hasnain Kazim angesichts der Flut von Hassnachrichten und Todesdrohungen Angst hätte. Eine andere, wie es seiner Familie damit gehe. Kazims Antwort ist unter anderem, dass seine Lesungen nicht immer, aber je nach Ort, unter Polizeischutz stattfinden müssen. Und dass er versucht, seiner Familie möglichst nicht alles zu erzählen. Sein aktuelles Buch sei, so sagt er nochmal, eine „Streitanleitung“ und eine Ermutigung, den Mund aufzumachen. Let’s do it.

Die Lesung war übrigens mit der Bitte verbunden, gerne für die Amadeu-Antonio-Stiftung zu spenden, die sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einsetzt. Kurze, erfreuliche Rückmeldung dazu später auf Facebook: Es sind deutlich über 1.000 Euro zusammengekommen.

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