ANTJE SCHOMAKER, TV-Noir Wohnzimmer, 19.03.2020, Facebook + Instagram

Antje Schomaker

Foto: Christian Seyffert

Spezielle Zeiten erfordern spezielle Formate. In Zeiten von #BleibZuhause und #StayTheFuckHome sind der neue heiße Scheiß Streaming-Events. Der Pianist Igor Levit spielt schon seit ein paar Tagen von seinem Zuhause aus oder von unterwegs Beethoven, Schubert und andere Größen der klassischen Klavier-Musik und in den letzten beiden Tagen folgen immer mehr Formate. Ich gebe der Szene noch eine knappe Woche, bis sie ziemlich unübersichtlich wird und es erste Überschneidungen geben wird, die wirklich wehtun. Auch wir vom gigblog wollen uns diesem Trend nicht verschließen und so hat Kollege Holger standesgemäß gleich mal vorgelegt und einen Bericht über den Release von Dub-Guru Jah Schulz rausgekloppt.

So ganz einfach ist dieses nun überall aufploppende Format für mich nicht, stelle ich am gestrigen Abend fest. Das eigentliche Konzert, über das ich berichten will, ist Avec beim Format „Stay-At-Home-Sessions“ des tollen Radiosenders FM4 aus Österreich. Pünktlich um 19 Uhr sitze ich in einem halbwegs herzeigbaren Outfit (man muss ja irgendwann mal aus dem Schlabber-Look raus) auf der Couch in der erst kürzlich bezogenen Wohnung und stelle ernüchtert fest: Ist gar nicht live, wird nur ab dieser Zeit online gestellt. Ungekannte Herausforderungen, die da in den nächsten Wochen auf uns Konzert-Berichterstatter*innen zukommen. Live, relive, Livestream, welche Plattform?

Antje Schomaker

Foto: Christian Seyffert

Also warte ich eine Stunde auf Antje Schomaker, die 2018 bei den Böblinger Songtagen auftrat. Dieses Mal ist das Format „Aus meinem Wohnzimmer“ von TV Noir – man kann virtuelle Tickets kaufen und alles über 400 € wird am Ende unter allen teilnehmenden Künstler*innen aufgeteilt. Und auch darum geht es bei den Livestreams: Sie sind eine Möglichkeit für Bands und Künstler*innen, ihr gerade fertiggestelltes Album zu präsentieren (siehe Jah Schulz) oder wenigstens einen winzigen Ersatz für die ausgefallenen Konzerte anzubieten. Und hier kommt schon ein erstes „Problem“ bzw. etwas, an das ich mich gewöhnen muss. Einer der Reize an einem Konzert ist dessen Einmaligkeit. Ich kann eine Band mehrmals erleben, aber jedes Konzert ist auf seine Weise einmalig. Die Konstellation wird nie mehr dieselbe sein. Diese Einmaligkeit ist allein durch das Netz ausgehebelt, denn alle können zuschauen. Für uns Musik-Snobs gesprochen: Niemand muss die sich die Mühe machen zu einer abgelegenen Location zu kommen oder eines der begehrten Tickets zu ergattern. Jetzt gibt es nur noch die Hürde, davon überhaupt etwas mitzubekommen – und schon bin ich dabei.

Nun gut, dafür ist die Getränke-Versorgung stabil, umgebende Gespräche kann ich mit einer Flucht ins Gästezimmer aus dem Weg gehen und den besten Platz habe ich sowieso. Nur den besten Sound kann ich mir im Zweifel nicht durch eine Platzwahl wählen. Wenn, wie z.B. bei Antje Schomaker geschehen, ein technisches Detail nicht passt, bekomme ich daheim vor allem ein sonores Kratzen über meine schlechten Laptop-Lautsprecher zu hören. Das Schöne dabei: Man kann per Kommentar darauf aufmerksam machen. Das Unschöne dabei: Dann wird eben mal ein paar Minuten am Kabel gepfriemelt. Der Vorteil dabei: Ich kann rüber zu Jah Schulz und seinem optimalen Dub-Sound. Der Nachteil dabei: Nun wechsle ich permanent zwischen zwei offenen Tabs und konzentriere mich überhaupt nicht mehr auf die Musik.

Antje Schomaker

Foto: Christian Seyffert

Die von Antje Schomaker ist nett und sympathisch, wie alles, was ich an diesem Abend vom Stream sehe. Es scheint ungewohnt zu sein für die Künstlerinnen, aber es entsteht tatsächlich eine intime Konzertatmosphäre, ähnlich wie bei einem wirklichen Wohnzimmerkonzert. Es geht um Probleme und Gefühle aller Art in sehr schöner Singer-Songwriterinnen-Manier: Klare Stimme, dazu eine Akustik-Gitarre, teilweise eine zweite Stimme von Emily Rogers. Keine Vorwürfe, aber dies sowie der tanzbare Dub von Jah Schulz sind beides nichts für mich an diesem Abend. Also doch zum dritten offenen Tab: Netflix.

Eine ganze Branche muss sich sortieren, muss Alternativen finden, muss um das finanzielle Überleben kämpfen. Dagegen sind meine bzw. unsere Gig-Blogger*innen-Probleme mickrig. Aber es ist schön zu sehen, dass versucht wird, mit der Situation irgendwie umzugehen und die Kreativität beizubehalten. Und wenn wir mit unseren Berichten nur einen ganz winzigen Teil dazu beitragen können, dann machen wir das, wie auch zuvor schon, herzlich gerne!

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