SOKONINARU, 10.03.2020, Climax, Stuttgart

Soko Ni Naru

Foto: Steffen Schmid

Irgendwie fühlt es sich seltsam an, in das Climax herabzusteigen. Zum einen ist es exakt 27 Jahre her, seit ich das letzte Mal diese Treppen heruntergelaufen bin. Damals hieß der Club noch Blumenwiese, The Ukrainians haben gespielt und an der Kasse saß, wenn ich mich richtig erinnere, derselbe Veranstalter wie heute. Es war ein exzessiver und unbeschwerter Abend damals, der Bürgermeister hieß noch Rommel, Internet gab es noch keines, und auch keine Pandemien. Und damit sind wir beim zweiten Grund, warum dies heute alles etwas beklemmend anmutet. Sollte dieses Konzert der japanischen Math-Rocker Sokoninaru eventuell das letzte sein, bevor uns der Virus erstmal eine längere Konzertpause verordnet? Nicht ganz unwahrscheinlich.

Soko Ni Naru

Foto: Steffen Schmid

Dennoch haben sich etwa 50 Zuschauer im Tiefkeller eingefunden. Darunter ein paar offensichtliche Die-Hard-Fans, die die erste Reihe vor der winzigen, improvisierten Bühne einnnehmen. Um halbzehn betreten Gitarrist Juko Suzuki und Bassistin Misaki Fujiwara – sehr elegant in schwarz-weiß konstrastierenden Klamotten – eben diese Minibühne, die von zwei beachtlichen Pedalboards fasst komplett ausgefüllt wird. Im Stahlkäfig dahinter nimmt Drummer Shiyu Platz, der uns im Laufe des Abends viel Freude machen wird. Denn was dann in den nächsten 60 Minuten passiert, das lässt sich kaum in Worte fassen.

Soko Ni Naru

Foto: Steffen Schmid

Aus dem Stand auf gefühlte 200 BPM beschleunigt, hauen die drei zierlichen Gestalten ein derartiges Gewitter aus unfassbar schnellen Gitarren- und Bassläufen nebst vertracktem Drum-Stakkato raus, das einem ganz schwindlig wird. Als Liebhaber des leicht verqueren, aber immer mitreißenden Genres Math-Rock war ich ja auf einiges gefasst, aber dieses Inferno erwischt mich doch härter als erwartet. Denn diese drei beschränken sich bei weitem nicht auf einen Stil. Hier werden verwegen Prog- und Alt-Rock, Metal, Hardcore und – ganz krass – J-Pop und Jazz gemischt. Das ist experimentell, eklektisch und sehr fordernd. Da prügelt gerade noch die Doublebass gegen einen Hihat-Offbeat, schon zaubert Suzuki mit Tapping auf dem Griffbrett Melodien zutage, die jedem Jazzvirtuosen die Kinnlade runterklappen würden. Und natürlich haben die beiden Frontleute auch einige schöne Rockposen drauf, die unseren Konzertfotografen erfreuen.

Soko Ni Naru

Foto: Steffen Schmid

Aber wo viel Licht ist, da gibt es auch Schatten: und das ist der Gesang. Was auf der Platte – dank üppiger Effekte – durchgeknallt und spacig klingt, kommt hier im Climax – zumindest bei den ersten Songs – nur quietschig und schräg daher. Zumal die Anlage auf den Stimmkanälen ziemlich mulmig klingt. Die Gesangsmelodien hinter dem ganzen Drum & Bass-Geknatter sind übrigens erstaunlich simpel und (j-)poppig. Trotzdem kann dies den Genuss kaum schmälern, denn die instrumentale Darbietung ist außerordentlich präzis und druckvoll und lässt über die volle Stunde nicht einen Moment lang nach.

Und wenn dies wirklich das letzte Konzert vor einer längeren Durststrecke gewesen sein sollte, dann war es eines, das uns ganz großen Spaß bereitet hat. Und wir erkennen eine Serie: kürzlich noch bei Fate Gear, jetzt bei Sokoninaru und am 02.06. mit Tshushimamire im Goldmark’s – japanische Rockbands sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!

Soko Ni Naru

Foto: Steffen Schmid

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