COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Midirausch – Foto: Holger Vogt

Einstellungsvoraussetzung für Gig-Blogger: unersättliche Neugier und ein gewisses Maß an Un­erschrocken­heit. Ein „Festival für experimentelle elektronische Musik“? Großartig! Bedient beide Aspekte aufs Trefflichste. Und hinterher darf man über ein Nischenthema schreiben, von dem man nur bescheidene Fachkenntnis hat, während vor Ort lauter Nerds und Auskenner rumgehangen haben. Also nichts wie hin zum Festival „Cosmic Playgrounds“, das bereits zum zweiten Mal im Kulturzentrum Dieselstraße stattfindet. Das Festival-Programm ist deutlich zweigeteilt: Den Samstag teilen sich fünf Elektronik-Künstler, von denen die einzige Frau im Line-Up – die Londoner Live-Coderin Miri Kat – leider wegen Krankheit ausfällt; der Sonntag gehört allein ÄTNA, dem Indie-Jazz-Elektro-Duo, das gerade ganz eindeutig Richtung Erfolg unterwegs ist.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Melmann – Foto: Holger Vogt

Der Publikumsandrang am Samstag hält sich leider in Grenzen, dabei ist es – soviel darf schon verraten werden – der deutlich spannendere Festivaltag. Als ich um kurz nach acht eintreffe, ist im stimmungsvoll beleuchteten Foyer bereits der argentinische Künstler Melmann zugange. Zu Schwarz-Weiß-Filmen mit verfremdeten Loops historischer Dokumentarfilme aus exotischen Ländern komponiert er Soundcollagen aus O-Tönen, elektronischen Loops und Einspielungen von elektronischen und akustischen Geräuscherzeugern. Wie viel davon geplant und was Improvisation ist, ist nicht zu erkennen. Es ist auf jeden Fall ein feiner Auftakt einer musikalischen Reise und die geradezu perfekte Hinführung zum nächsten Programmpunkt.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Melmann – Foto: Holger Vogt

Und dieser findet im großen Saal statt, der mit effektvoll beleuchteten transparenten Gymnastikbällen nicht nur liebevoll dekoriert ist, sondern auch ergonomisch wertvolle Sitzgelegenheiten bietet, die freudig angenommen werden. Auf dem Programm steht – der geneigte Gig-Blog-Leser weiß es von hier, hier und hier – eines meiner Lieblingsgenres: Filmklassiker mit Live-Musik. „Nanook of the North“, der 1922 produzierte Dokumentarfilm über das Leben einer Inuit-Familie, auf der großen Leinwand. Die polnischen Musiker Stefan Wesolowski und Piotr Kalinski haben zu diesem Film als gleichnamiges Musikkollektiv einen Live-Soundtrack mit Geige, Klavier und Synthesizern komponiert, der das historische Bildmaterial kraftvoll untermalt, aber dennoch – so geht es zumindest mir – angesichts der Bildgewalt in den Hintergrund tritt. Wahrscheinlich besteht hierin die große Kunst: den avantgardistischen Soundtrack so selbstverständlich mit dem Film zu verschmelzen, dass er ihm nirgends die Show stiehlt. Ein großartiges Gesamtkunstwerk, das allein schon den Festivalbesuch wert war.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Maier Hauff // Huth – Foto: Holger Vogt

Maier Hauff // Huth, so der etwas sperrige Name der nächsten Formation, übernimmt die große Bühne und präsentiert sphärische Sounds mit Posaune, Saxofon, Gitarre, diversen elektronischen Geräten und einem Analog-Modular-Synthesizer. Im Spannungsfeld zwischen Ambient, Minimal Music und Nu-Jazz. Als der Rhythmus drängender wird und das Publikum tanzbereit auf den Gummibällen wippt, deutet sich kurz die Möglichkeit einer Party an, doch da wird der Sound schon Richtung Finale heruntergefahren.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Midirausch – Foto: Holger Vogt

Während sich die Nerds noch den Synthesizer von Maier Hauff // Huth vorführen und erklären lassen, hat Julian Peuker aka Midirausch im Foyer ein wahres Höllengerät von Modular-Synthesizer aufgebaut. Und was der Künstler hier aus rein analogen Geräten durch Regeln, Klicken und Strippenziehen spontan und scheinbar zufällig zusammenfrickelt, ist absolut spannend. Die wie ein aus den Fugen geratener Kosmos-Elektronikbaukasten daherkommende Installation ist ein Quell überraschender Sounds, die mal sphärisch ambient-mäßig, mal pluckernd als Minimal Techno erklingen. Ein wirklich faszinierender Abschluss eines durchweg spannenden Festivaltages.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Ätna – Foto: Martin Schniz

Größer könnte der Kontrast nicht sein, als wir am Sonntagabend in die Dieselstraße zurückkehren. Locker drei- bis viermal so viele Zuschauer wie am Samstag haben sich an diesem nasskalten Abend in die Pliensauvorstadt locken lassen. Wie schon kürzlich bei 5K HD an gleicher Stelle ein bunt gemischtes, recht junges, eher schickes Publikum. ÄTNA, die mich anno 2018 auf dem Maifeld Derby nicht wirklich überzeugen konnten, ziehen doch ganz ordentlich. Ein kurzer Blick auf Spotify zeigt: 6,7 Millionen Plays allein für ihre Ballade „Remission“ könnten eine Erklärung für den Andrang sein. Das Publikum ist jedenfalls vom ersten Moment voll dabei, als Inéz Schaefer und Demian Kappenstein pünktlich um 20:15 Uhr den Abend eröffnen. Und die Bedingungen sind brillant. Der Soundingenieur, der gestern noch wunderbar räumliche, transparente Elektronik-Sounds in den Saal zauberte, haut jetzt ein mächtiges Brett raus, das ein Merkmal von ÄTNA, nämlich wie eine mindestens doppelt so große Band zu klingen, sehr wirksam unterstützt.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Ätna – Foto: Martin Schniz

Das eigentlich Besondere ist aber, dass ÄTNA tatsächlich einen ganz eigenen Stil entwickelt haben, der sie sowohl für ein pop-affines Publikum als auch für Jazz-Freunde interessant macht. Demians Drumkünste (davon konnten wir uns schon bei seiner früheren Band Tann überzeugen) sind ebenso vertrackt wie verspielt. Eine ganze Kiste von Utensilien hält er bereit, um wieder neue Sounds hervorzuzaubern, die weit über die Möglichkeiten eines klassischen Rock- oder Jazz-Schlagzeugs hinausgehen. Dies alles aufs Feinste verwoben mit Inéz‘ ausdrucksvollem Gesang, der durch unzählige Effekte verdoppelt, verfremdet und dramatisiert wird. Dazu ihr kaum zu bändigender Bewegungsdrang, der sich in einem markanten Sitztanz ausdrückt. (Warum spielt sie eigentlich nicht im Stehen?)

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Ätna – Foto: Martin Schniz

Dies alles kommt sehr gut an, die Ansprache ans Publikum ist (anders als damals in Mannheim) sehr freundlich und sympathisch. Die Stimmung ist – zumal für einen Sonntagabend – hervorragend. Ein Technotitel in der Mitte des Sets, bei dem beide tanzend über die Bühne wirbeln, bringt auch die bemerkenswerte Garderobe zur Geltung, die zum Gesamtkunstwerk Ätna gehört. Und dennoch – ich kann es nicht verhehlen – wird mir der effektbeladene Gesang irgendwann zu viel. Wie vom Genuss einer überzuckerten Torte wird es mir nach ein paar Stücken blümerant und ich wünsche mir etwas Reduziertes, Geradliniges.

COSMIC PLAYGROUNDS, 29.02.-01.03.2020, Dieselstraße, Esslingen

Ätna – Foto: Martin Schniz

Und ich frage mich, als einer der wenigen, die das Festival an beiden Tagen besucht haben: Ist dies wirklich experimentelle, elektronische Musik, wie das Festivalmotto verspricht? Oder ist es nicht in erster Linie der üppige und aktuell recht verbreitete Einsatz von digitalen Vokal- und Sound-Effekten? Haben hier die Kuratoren der Dieselstraße vielleicht nur ganz schlau die Klammer eines „Festivals“ um zwei Events gepackt, die zufällig an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden, die aber unterschiedlicher kaum sein könnten? Sei’s drum, auch dies gehört zu den Freuden des Gig-Bloggens: musikalische Wechselbäder zur Stärkung des allgemeinen Wohlbefindens. In diesem Sinne: Wir freuen uns auf die kosmischen Spielplätze 2021.

Tag 1 – Cosmic Playgrounds

Tag 2 – ÄTNA

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