MICHAEL GIRKE (JETZT!), 31.01.2020, Manufaktur, Schorndorf

Michael Girke, Manufaktur, Schorndorf, 31.01.2020

Foto: Michael Weiß

Also Jetzt! In Schorndorf. Endlich. Michael Girke singt über die „Liebe in großen Städten“ und „wie es war“– die Titel der beiden Platten sind zugleich Programm dieses musikalischen Lebenskunde-Seminars in den sehr zugänglichen und wenig elfenbeinturmhaften heiligen Hallen der Manufaktur. Ansonsten kann wohl niemand besser das Setting beschreiben als unsere hochstudierte Madame Psychosis, weshalb sie direkt zu Anfang hier zitiert werden soll: „Wie es manchmal so ist, gilt aber auch heute wieder, dass die überschaubare Menge des Publikums nicht zwangsläufig etwas über die Qualität der anstehenden Darbietung aussagt. Diejenigen, die hergefunden haben, dürfen sich wie üblich zu ihrer exzellenten Entscheidung beglückwünschen. Die anderen haben mal wieder keine Ahnung.“

Und das obwohl laut Begleitung (der zwar meines Wissens nach nie eine Universität von innen gesehen hat, aber dennoch summa cum promoviert hat im Orchideenfach namens Pop!, und sein Studium in den einschlägigem Hörsälen –Plattenladen und Konzertlocations – akribisch absolvierte und es noch tut) Michael Girke und seine Band Jetzt!, sowie das Mini-Label „fast weltweit“ ein AUF KEINEN FALL zu unterschätzender Einfluss für (hier bitte Name-dropping vorstellen), sprich sämtliche später der Kategorie „Hamburger Schule“ zugeordneten Bands gewesen ist.

Thematisches Leitmotiv des Abends ist die Provinz. Aus derselben stammt Girke, und zwar aus Herford. In der verschlungenen Pop-Geschichte passiert es ja immer wieder, dass intelligente und gelangweilte Jugendliche sich zusammentun und etwas schaffen, das so noch nie dagewesen ist. In der Nähe von Bielefeld geschah dies im schönen Luftkurort Bad Salzuflen Mitte der 80er Jahre. Von dort breitete sich die musikalische Jugendbewegung dann „fast weltweit“ vorallem durch Kassetten, aber auch einige Singles und LPs, entstanden im Studio „Klangforschung“, aus. Wer es noch genauer wissen möchte, dem sei fürs Heimstudium ein Feature von Deutschlandfunk Kultur allerwärmstens ans Herz gelegt, zu hören hier.

Veröffentlichungen betreffend ist die Bandgeschichte von Jetzt! einigermaßen null-linear. Tapete Records veröffentlichte 2017 erstmals Aufnahmen, die zwischen 1984 und 1988 entstanden waren, mit dem schönen, mich persönlich sehr ansprechendenTitel „Liebe in großen Städten“ und dann letztes Jahr das erste reguläre Album „Wie es war“ – quasi Debut und Spätwerk zugleich.

Nach Schorndorf ist Girke ohne Band gereist. Obwohl keine ausgemachte Freundin von Singer-Songwriter Akustikabenden wird es heute hier keine Sekunde langweilig oder gleichförmig. Durch die klare Stimme und reine Gitarrenbegleitung fällt es leichter, sich auf die Texte zu konzentrieren, in denen mehr Fragen gestellt werden als Antworten gegeben, wo bestimmt keine einfachen Lösungen zu finden sind, ohne um sich selbst kreisende akademische Diskurse zu produzieren. Ist das alles, was das Leben fragt: Kommst du mit in den Alltag? Ist Familie eine Wunde, die niemals heilt? Er besingt das Dazwischen, die Unsicherheit, die Liebe vor, während und danach in den Songs „ Eins und eins das sind unendich viel“, „Die Welt wird größer wenn wir sie teilen“, ganz wunderbar in „Wir sind Wolken, sind Momente“ (Meine Wunden wissen, der Zauber wird gehen) und schließlich „So sieht es aus wenn das Herz bricht“. Michael Girkes Musik vermittelt eine Echtheit und Unmittelbarkeit, die man im deutschen Pop nur selten findet. Zugleich spürt die Zuhörerin den Schmerz, das Ungewisse, das Dazwischen-Sein, und aber auch den Willen, diese Zustände auszuhalten und in Kunst zu verwandeln. Ich kann nicht umhin, mich zu fragen, welche persönliche Geschichte dahinter steckt und vielleicht werden wir ja auch irgendwann noch genaueres davon erfahren, denn Girke ließ durch einen gelesenen Text auch etwaige literarische Ambitionen anklingen.

Und ja, immer wieder die Provinz oder was man in jugendlichem Alter dafür hielt: Die gefühlte Enge bzw. Leere, Langeweile, Bushaltestellen, an denen man nie nach irgendwohin abgeholt wird, wo denn mal was loswäre, die Gelegenheits-Nazis oder -Punks, die Flirts in Badeanstalten etc. pp.

Freunde, peer Group, Prägung. Könnte man jetzt langwierig soziologisch beschreiben. Ihr könnts euch aber auch denken, fast jeder war ja irgendwie auch dabei, außer den paar Glücklichen (?), die vielleicht im Schanzenviertel oder am Prenzlauer Berg aufgewachsen sind. Mit zunehmendem Alter dann die Erkenntnis: Proviniziell ist die Dummheit, nicht der Ort – besungen in „Wie es war“ und Heimat muss wiederum nicht unbedingt ein Ort sein:

Die Liebe leuchtet so schön am Beginn
Dann wird Dir bedeutet, die Glut verglimmt
Alles ist ein Schwanken, kommt anders als man denkt
Dieses zu erreichen, das man Heimat nennt

Nach drei Zugaben, davon eine mit interaktivem Part in Form von Zuschauer Jens, der spontan das Textblatt für eine Version von The Jams „That’s Entertainment“ hochhält, endet das abendliche Musikseminar. Schriftliche Hausarbeit zum Glück nicht vonnöten, lediglich hören, hören, hören. Und zwar Jetzt!

Michael Girke

4 Gedanken zu „MICHAEL GIRKE (JETZT!), 31.01.2020, Manufaktur, Schorndorf

  • 2. Februar 2020 um 17:14
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    In der Überschrift stimmt’s noch. Girke, mit einem e.

  • 2. Februar 2020 um 18:31
    Permalink

    Schöner Text zum Auftritt in Schorndorf! Ich bin der Zuschauer namens Jens. Es gibt nicht zufällig ein Foto, wie ich da auf der Bühne stehe?

  • 2. Februar 2020 um 19:27
    Permalink

    Vielen Dank für das aufmerksame Lesen. Wir haben es korrigiert. ;)

  • 3. Februar 2020 um 12:42
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    Lieber Jens, ich fürchte eher nein, da hatte der Fotograf die Kamera glaub schon eingepackt.
    Und sorry nochmal wegen des Verschreibers. Wenigstens hab ich aus der Band nicht jetzte! gemacht ;-)

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