NIKKO WEIDEMANN „ICH SEH MONSTER“, 07.12.2019, Kammertheater, Stuttgart

Nikko Weidemann

Foto: Björn Klein

„Ich seh‘ Monster – Von und mit Nikko Weidemann“. Nikko wer? Die Einladung des Schauspiels zur Premiere der aktuellen Produktion lässt uns erstmal rätseln. Ein Musiker, dessen Lebenslauf sich mit denen vieler Musik-Promis gekreuzt hat, erzähle in einer Mischung aus Konzert und Performance aus seinem Leben, erfahren wir. Na, wenn das mal gut geht. Ein Abend berlinerisch-großmäuligen Name-Droppings und eine klamaukige Nummern-Revue? Hoffentlich nicht.

Nun ja, zumindest die Liste seiner Bekanntschaften klingt ganz interessant. Warum also nicht mal wieder ins Theater? Zumal uns das Kammertheater in dieser Saison noch nicht enttäuscht hat. Veranstaltungsort ist das Foyer, café-mäßig bestuhlt, mit einer Bar und einem zur Bühne umfunktionierten Treppenpodest. Dort sehen wir einen einfachen Aufbau aus ein paar Musikinstrumenten und einigen lose über die „Bühne“ verteilten Leuchtbuchstaben, die in Summe das Wort „Monster“ ergeben.

Als Weidemann in grauem Jacket und mit markanter Augenklappe zur Eröffnung dann ausgerechnet (das von mir schon immer gehasste) „Bobbie Brown“ anstimmt, wächst meine Skepsis. Noch ahne ich nicht, dass wir gut zweieinhalb Stunden später überwältigt und restlos begeistert aus dem Kammertheater taumeln werden.

Nikko Weidemann

Foto: Björn Klein

Denn wir hatten ja keine Ahnung, was für ein großartiger Musiker und einnehmender Erzähler der 58-Jährige ist. Im Wesentlichen rollt er tatsächlich seine Lebensgeschichte aus. In Form kleiner Anekdoten, in denen immer die Musik eine zentrale Rolle spielt. Viele seiner Episoden handeln von seiner Adoleszenz, dem drögen Leben eines Jugendlichen in der nordhessischen Provinz, dem Trampen zu Konzerten. Von den Künstlern und den Songs, die in der jeweiligen Lebenssituation besondere Bedeutung hatten. Liebevoll und augenzwinkernd werden alte Freunde und Weggenossen – und natürlich auch seine Familie – vorgestellt. Mit seinem Umzug nach Berlin kommt er dann in den Dunstkreis von Blixa Bargeld und Nick Cave, erzählt vom legendären Club „Risiko“, vom Plattenladen „Zensor“ und Gudrun Gut. Zwei von den ungefähr fünfzig Songs, die er im Laufe des Abends (an-)spielt, stammen aus dieser Zeit oder diesem Themenkomplex und sind absolute Highlights: Nick Caves „Into My Arms“ und Joy Divisions „Atmosphere“, das er in einer ganz minimalen Akustik-Gitarren-Version spielt. Spätestens hier hat er mich endgültig gepackt. Mit Musik-Nerds, in deren Jugend Joy Division eine wichtige Rolle gespielt hat, identifiziere ich mich nur zu gern.

Nikko Weidemann

Foto: Björn Klein

Großen Anteil am Gelingen dieser Aufführung hat übrigens die geschickte Strukturierung der Textbeiträge. Die sind nämlich nicht streng chronologisch, sondern eher assoziativ gegliedert. Und so passiert es, dass sich Begebenheiten wie das skurrile Zusammentreffen mit Zappa erst später erklären, wenn eine weitere Erzählrunde plötzlich die Lücke zum bereits Gehörten schließt. Sein Fundus und seine popmusikalischen Referenzen scheinen jedenfalls unerschöpflich zu sein. Ohne allzu viel zu verraten: Nena, Udo Jürgens, Paul McCartney, James Brown, Rio Reiser, Katja Ebstein, Dr. Motte und viele andere werden eine Rolle spielen.

Nikko Weidemann

Foto: Björn Klein

Und dazu natürlich auch die Musik von Weidemann selbst. Der hat nämlich nicht nur eine Band und eigene Songs (wie zum Beispiel „Ich seh‘ Monster“), er ist vor allem im Bereich der Filmmusik ziemlich erfolgreich. Vor allem mit der musikalischen Betreuung der Serie „Babylon Berlin“ hat er größere Bekanntheit erlangt. Und die Entstehung des Titelsongs „Zu Asche, zu Staub“ präsentiert er mit ebenso viel Verve wie entwaffnender Offenheit. „Mach etwas wie Frankie Goes To Hollywoods ‚Relax‘, nur halt für das Jahr 1929“ soll Regisseur Tom Tykwers Briefing gelautet haben. In einer temperamentvollen Session lässt Weidemann nun die Zuschauer den Entstehungsprozess des Songs miterleben. Wie das musikalische Motiv gefunden wird, wie sie etwas Doktor Schiwago und Zarah Leander beimischen, kurzum: wie sie einen Song konstruieren, der das ganze Drama der Serie zusammenfasst, ganz neu und irgendwie doch wohlbekannt klingt. Das ist ganz großes Kino, wie sich Weidemann hier in das Finale des Abends wirft. Und mit der Textzeile „Erkenne mich, ich bin bereit / Und such mir die Unsterblichkeit“ endet der Abend im frenetischen Applaus eines restlos begeisterten Publikums.

Und alle Zweifel sind ausgeräumt. Wir haben einen fulminanten Abend erlebt, einen Parforceritt durch die Popgeschichte voller Witz und Emotion. Und einen Performer, der mit seinem Charme und seiner Energie den gesamten Laden mitreißt. Oder wie der anwesende Kollege ebenso spontan wie treffend ausruft: „Pures Popkultur-Gold!“ Bis Juni 2020 wird das Stück noch aufgeführt und von unserer Seite gibt es eine klare Empfehlung: Hingehen!

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