MICHAEL SETZER, 17.11.2019, Merlin, Stuttgart

MICHAEL SETZER, 17.11.2019, Merlin, Stuttgart

Foto: Madame Psychosis

Kleiner Spoiler from my family to yours: Wenn der Nachwuchs alt genug ist, kommt die sonntägliche Müdigkeit irgendwann wieder ganz normal vom Hangover. Heute liest Michael Setzer, Journalist (Prinz, Stuttgarter Zeitung) und Musiker im Merlin. Und weil es um das Thema Kinder geht, beginnt das Ganze familienfreundlich um 11:30 Uhr. Menschen mit kleinen Kindern sind um die Zeit schon seit Stunden wach. Auch wir haben es glücklicherweise pünktlich geschafft. Programm gibt es heute auf drei Floors. Im Café läuft das „Sendung mit der Maus“-Public Viewing, danach wird im oberen Bereich aus Kinderbüchern vorgelesen, parallel dazu liest Michael Setzer im großen Saal aus seinen Babykolumnen.

Im vorderen Café-Bereich herrscht ein wimmelbilderbuchartiges Gewusel. Kleinkinder haben das Kommando übernommen. Spielzeugautos, Holzeisenbahnwägen und Schnuller liegen gleichmäßig auf dem Boden verteilt, überall krabbelt und gluckst es. Ein Kind steht auf einem Schemel an der Theke und gibt mit Elternhilfe seine Bestellung auf, ein anderes legt seinen Kopf auf der Sitzfläche eines Stuhls ab, kurzer Power Nap. Gespräche mit oder zwischen Eltern von Kleinkindern enden abrupt, weil Mama und Papa schnell die Verfolgung aufnehmen müssen, nicht dass das Kind riskant irgendwohin abbiegt. Der eine oder andere Milchkaffee bleibt stehen und wird kalt.

Die Kolumnen von Michael Setzer erscheinen seit ungefähr einem Jahr in der Stuttgarter Zeitung, immer im Wechsel mit Lisa Welzhofer. Was ich an Setzers (und Welzhofers) Texten mag: Beide schaffen es, das Elternsein als etwas grundsätzlich Schönes und Erfüllendes darzustellen, aber ohne in einen übertriebenen Mutti/Vati-Kult abzudriften. Beide bleiben bei sich und was das Kind (bei Lisa: die Kinder) mit ihnen macht. Natürlich ist so ein Kind erstmal Lebensinhalt, aber Ziel von Elternsein und Erziehung ist doch am Ende das Loslassen. Wer will schon für alle Zeiten Hobby Nummer Eins seiner Eltern sein?

Bei Michael und Lisa finde ich, wird das in den jeweiligen Texten deutlich. Es geht eben nicht um die Darstellung von Familienidyll oder das Verbreiten der Erkenntnis, dass das Leben jetzt endlich einen Sinn hat, den man exklusiv und ausschließlich via Elternschaft zu erkennen vermag. Elternsein wird als Lebensereignis mit großer Tragweite dargestellt, aber eben auch als Herausforderung, als großer Spaß, als Anlass, über alles Mögliche nachzudenken. Dadurch haben die Kolumnen eine Allgemeingültigkeit, auch wenn man selbst nicht (mehr) in der Baby Bubble steckt.

Pünktlich um halb zwölf geht’s im locker gefüllten Saal los. Merlin-Chefin Annette Loers begrüßt wie üblich das Publikum und sagt den Künstler an, dann erklimmt der Autor die Bühne. Tisch, Stuhl, Manuskript, bisschen Licht und Mikrofon, mehr Ausstattung braucht es nicht. Während der ersten Hälfte der Show spaziert Setzers inzwischen einjähriger Sohn an den Händen seiner Mutter vor der Bühne herum, kichert, quietscht und grinst. Als er Anstalten macht, die Bühnenverkleidung zu zerlegen – zur Freude der Zuschauer*innen – wird er von seiner Erziehungsberechtigten diskret hinausgeleitet.

Im angenehmen Vorlesesound trägt Michael Setzer im Verlauf des Vormittags ein Dutzend seiner Texte vor. Schon in der ersten Kolumne kommt der Satz vor, bei dem mir vor Rührung ohne Spaß, auch wenn ich das hier schreibe, fast die Tränen kommen, weil ich ihn so treffend finde: „Der Kleine leuchtet.“ Fällt mir spontan keine Formulierung ein, wie man dieses Wunder, an dessen Entstehung man zu fünfzig Prozent beteiligt war, schlichter und passender zusammenfassen könnte. Jede der Setzer-Kolumnen hat ein Hauptthema, an dem der Inhalt lose aufgehängt ist. Klassische Elternthemen wie Schlafentzug, Gewichtszunahme oder Kleiderbasar, aber auch erwachsen werden, Vorbild sein, Verantwortung tragen kommen vor.

Das alles ist authentisch und pointiert, aber auch sehr relatable formuliert. Kollegin U., der ich den Besuch der Lesung zum Geburtstag geschenkt habe und ich lachen Tränen, auch wenn wir wahrscheinlich maximal die Hälfte der Metal-Anspielungen verstehen. Gerührt und beschwingt werden wir nach einer knappen Stunde in den Novembersonntag entlassen. Bleibt noch ein offensichtlicher Hinweis: Kann dem Mann bitte jemand einen Buchvertrag geben für eine (mindestens) 18-teilige Reihe? Wir würden kaufen.

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