JOEL SARAKULA, 14.11.2019, Krone Alt-Hoheneck, Ludwigsburg

Foto: Madame Psychosis

These: Musik ist gut für die mentale Gesundheit und macht im besten Fall sogar glücklich. Wir hier bei Gig-Blog testen das derzeit für Sie in einer aufwendigen Langzeitstudie. Zwischenergebnis nach zehn Jahren und weit über tausend Konzertbesuchen: Spricht alles dafür, dass das stimmt.

Einer, der das auch so sieht, ist Joel Sarakula, gebürtiger Australier, inzwischen in London lebend und im Moment mit neuer Single im Gepäck unterwegs. Sarakula gehört zu den bedingungslos geliebten All-Time-Faves hier auf dem Blog (Auszeichnung wird ab drei unabhängig voneinander verfassten, begeisterten Live-Reviews vergeben). „Love Club“ heißt sein nach wie vor aktuelles Album. Und die positive Botschaft verbreitet er nicht nur implizit, sondern auch ganz ausdrücklich. Unter der Überschrift „Soul ist gesund“ erläuterte Sarakula kürzlich im Deutschlandfunk-Interview, dass er der festen Überzeugung sei, dass Musik, vor allem Soul, Disco und Funk, das Potenzial hätte, das seelische Wohlbefinden von Menschen positiv zu beeinflussen. Tanzen wird dabei als ergänzende körperliche Aktivität empfohlen. Und wer wären wir, dass wir die Fachkompetenz von Dr. funk. Joel Sarakula in Frage stellten?

Es ist erst wenige Tage her, dass Sarakula im Café Galao in Stuttgart aufgetreten ist. Heute steht Ludwigsburg auf dem Tourplan. Die Fetzerei in der Krone Alt-Hoheneck kannte ich bisher noch nicht, ist aber in Fast-Laufweite zu den Feldern meiner Kindheit. Richtig schön eigentlich dieser Ort, erkennt man ja als von Idyll betroffene Jugendliche immer nicht so gut. Aus der Sicht einer New-York-Times-Reise-Kolumnistin hätte das hier aber sicher das Zeug zu einem pittoresken Off-Location-Geheimtipp. Verwinkelte Gässchen, Fachwerkhäuser, direkt nebenan fließt der Neckar. Gibt es eigentlich den legendären Schrägaufzug zum Heilbad Hoheneck noch (klicken Sie hier für die psychedelische Experience)?

Freundliche Menschen weisen mir den Weg zum Haupteingang, drinnen geht es rechts steil die Treppen runter in die Fetzerei, den eigentlichen Veranstaltungsort. Ich habe zwar einen Gästelistenplatz, aber ich komme gerne der sehr nett formulierten Aufforderung nach, man könne natürlich trotzdem etwas spenden. So wird das nix mit dem Häusle, aber ich möchte auch gar kein Häusle. Im gemauerten Keller sind Tische aufgestellt, auch eine Speisekarte liegt aus. Das Weinschorle kommt mir sehr günstig vor und schmeckt ausgezeichnet.

Der sympathische Künstler begrüßt persönlich, CDs und Platten liegen aus und am Merch-Tisch werden noch ein paar T-Shirts zurecht gezupft. Neue Musik kann man noch nicht kaufen, im Frühjahr 2020 soll es aber soweit sein. Mir fällt auf, wie akzentfrei Joel alle möglichen deutschen Ortsnamen ausspricht, und siehe da, Small Talk geht auch sehr gut auf Deutsch. Immer diese kultivierten, mehrfach begabten Musiker mit ihren umfangreichen Fremdsprachkenntnissen. Man muss sie einfach hassen.

In den aktuellen Pressebeiträgen zu Sarakula wird übrigens immer wieder betont, wie gut die Musik doch gerade in diese dunkle Jahreszeit passe, Stichwort Stimmung aufheitern. Abgesehen davon, dass am Monat November meiner Meinung nach überhaupt nichts auszusetzen ist, passt Sarakulas Musik interessanterweise in jede Jahreszeit sehr gut. Ein Vorteil im Sommer, beim Open-Air-Auftritt,  ist natürlich, dass es um einiges einfacher ist, Fotos zu schießen, die das Gute-Laune-Feuerwerk Joel Sarakula & Band adäquat einfangen. Ich bin heute als Amateurfotografin unterwegs und muss sagen, Hut ab Konzertfotograf*innen. Ist gar nicht so einfach, einen fröhlich herumspringenden Musiker im Schummerlicht halbwegs scharf aufs Bild zu bekommen.

Doch der Reihe nach. Um kurz vor neun geht es los. Wirt Pascal sagt ein paar einleitende Worte und dann Bühne frei für die vierköpfige Band. Am Outfit erkennt man bei (fast) allen, dass es sich um leicht exzentrische Künstler handelt. Joel trägt sein übliches 70er-Jahre Outfit mit Walle-Frisur und Riesenbrille. Wichtig vielleicht noch anzumerken, so sieht der Mann halt einfach aus, das ist kein Kostüm. Unter der weinroten Steppjacke kommt bald ein babyblaues Fred-Perry-Shirt in XS zum Vorschein. Der Schlagzeuger trägt spitze schwarze Schuhe und Fake-Zebrafell (wird vorm Gig abgelegt), der Bassist Pyjamahosen mit Zitronenmuster. Gitarrist Alex – und später Namensvetter/Gastmusiker Alex an der Querflöte – rahmen die Band von links und rechts in eher zurückhaltenden Outfits ein.

Opener ist „In Trouble“. Joel performt gerne mal einhändig am Piano, die linke Hand zwischendrin immer wieder in der Luft. Die Band spielt tight zusammen, obwohl man tendenziell eher nicht viel Zeit zum Proben hatte. Joel ist wie immer mit persönlich bekannten, aber wechselnden Mitmusikern unterwegs. Trotzdem wie gesagt, sehr überzeugende Performance ab Minute eins.

Die Fetzerei ist inzwischen mit etwa dreißig Gästen angenehm gefüllt. Noch sitzen die meisten, doch das wird sich bald ändern. Weiter geht es mit „Understanding“, auch ein Stück vom aktuellen Album. „If you want to dance, I’m not going to stop you. … I might even encourage you“, fordert Sarakula fröhlich auf. Ein kleines bisschen Aufwärmzeit brauchen die funky Leute von Hoheneck noch.

Bei „When the Summer Ends“ ist der Bass zentrales Element, mitwippen geht jetzt schon ganz gut. Bei „We used to connect“ darf das Publikum erstmals mitsingen. Zum fünften Stück „Coldharbour Man“ kommt Special Guest Alex dazu. Auch ganz schön funky der Anfang. Softe, dezente Akzente setzt die Flöte.

„I feel very lucky to play with all these amazing musicians on stage,“ freut sich Joel. Es folgt ein Instrumental mit blubbrigen Keyboardsounds und hellen Flötenparts. Bei „Stay (If You Need Me)“ begeben sich die ersten Zuschauer*innen auf die Tanzfläche neben der Bühne. Bei „Young Man’s Game“ ist dann kein Halten mehr, mir wird quasi der Stuhl unterm Hinterteil weggezogen, voll ok.

Die Bee-Gees-artigen Gesangsparts gefallen mir sehr gut. Joel verrät einen seiner liebsten deutschen Ortsnamen (Singen), wobei Bad Kissingen sei auch nicht schlecht. Spätestens jetzt lässt sich der Funk-Express namens Joel Sarakula & Band nicht mehr aufhalten. „Coney Island Getaway“ ist so ein verdammter Überhit, das gehört doch eigentlich in die Schleyerhalle.

„Dead Heat“ schließt direkt an, Wirt Pascal steuert einen überzeugenden Schrei-Part bei (schwer zu beschreiben, aber passt sehr gut zum Song). Ekstase pur bei allen. Wer denkt, jetzt kamen schon alle Hits, wird eines besseren belehrt, es kommen natürlich noch viel mehr. „European Skies“, natürlich „Northern Soul“, „Parisian Woman“- hört das eigentlich nie auf? Zum Schluss kommt Alex (Querflöte) nochmal auf die Bühne. „Der spielt halt richtig gut“, raunen sich die Frauen neben mir kenntnisreich zu. Die aktuelle Single „London Road“ darf natürlich nicht fehlen. Joel bedankt sich bei Veranstalter und Band. Zugabe ist die kongeniale Coverversion von Haddaways „What Is Love“, einfach schon wieder völlig brillant.

„Wer ihn morgen nochmal live sehen will, fliegt einfach nach Barcelona,“ gibt Pascal den Gästen noch mit auf den Weg. Berlin – Ludwigsburg – Barcelona, gängige Tourneeroute, man kennt’s.

Verschwitzt und euphorisiert klingt der Abend aus. Freischwebende Glückshormone allerorten. Mood: Alle sind irgendwie in irgendwen verliebt. Bester Zustand.

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