ASIAN DUB FOUNDATION „LA HAINE“, 06.11.2019, Scala, Ludwigsburg

Asian Dub Foundation

Foto: Holger Vogt

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s  noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut…‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!

„La Haine“, Mathieu Kassovitz‘ Kultfilm von 1995 beschreibt einen Tag im Leben der drei Kumpel Vinz, Said und Hubert in einer Pariser Banlieue. Er ist schnell und hart, voller Gewalt und Aggression – und er nimmt in etwa den Verlauf dieser Anekdote, die dem Film vorangestellt ist. Mit seiner kühlen Schwarz-Weiß-Ästhetik und den schnellen, teilweise witzigen Dialogen der drei irgendwie doch sympathischen Protagonisten hat er mich schon mehrfach gepackt, noch nie habe ich ihn aber auf der großen Leinwand gesehen. Sogar schon viermal gesehen habe ich die Asian Dub Foundation, die Drum & Bass-Band, die 1992 aus einem Londoner Sozialprojekt für Jugendliche entstanden ist. Zum letzten Mal 2017 mit einem neuen Band-Setup und einer fulminanten Show im ClubCann.

Asian Dub Foundation

Foto: Holger Vogt

Als ich erfuhr, dass sich die Band 2001 mit der Live-Vertonung von „La Haine“ beschäftigte, hätte ich niemals damit gerechnet, dies auch mal live sehen zu können. Aber irgendjemand hatte die großartige Idee, die zweite Auflage des Festivals “Ludwigsburger Lichtspielliebe“ im Scala mit eben diesem cineastischen Ereignis zu eröffnen. Pflichttermin! Vor allem, da ich in den letzten Jahren mit Live-Soundtracks zu Filmklassikern allerbeste Erfahrungen gemacht habe. Die Vertonungen der belgischen Postrock-Band We Stood Like Kings von „Berlin – Symphonie einer Großstadt“ und „Koyaanisqatsi“ waren großartige Erlebnisse, die den beiden Filmen, die jeweils bereits mit einem hervorragenden Original-Soundtrack ausgestattet waren, nochmal eine ganz neue Qualität gegeben haben. So etwas erwartete ich nun auch von der Asian Dub Foundation und „La Haine“.

Asian Dub Foundation

Foto: Holger Vogt

Und die Bedingungen dafür sind ideal. Das Scala brilliert nämlich nicht nur als professionelle Filmvorführstätte mit wunderbar altmodischem Charme (kein Vergleich zu diesen gesichtlosen Multiplex-Kisten), es bringt auch eine üppige Bühne und ein mächtige Soundanlage mit, die Dynamik und Spektrum einer Drum & Bass-Band eindrucksvoll wiedergeben kann. Die Band nimmt sich optisch sehr zurück, um dem Film maximale Aufmerksamkeit zu garantieren. Im Halbdunkel rechts und links der mächtigen Leinwand postiert sich die zum Trio geschrumpfte Band, nachdem sie ganz unprätentiös und wortlos die Bühne betreten hat. Die letzten beiden Mitglieder der Original-Besetzung, Gitarrist Steve Chandra „Chandrasonic“ Savale und Bassist Dr. Das sowie ein Drummer.

Asian Dub Foundation

Foto: Holger Vogt

Im Verlauf des Films spielen die drei keinen durchgängigen Soundtrack, sondern eher einzelne Sequenzen, die mal mehr, mal weniger die Handlung untermalen oder dramaturgisch unterstützen. Da der Film aber, anders als die beiden oben genannten, viele Dialoge hat, muss sich die Musik immer wieder zurücknehmen. Oder es wird in Kauf genommen, dass die Zuschauer sich auf die Untertitel beschränken müssen. Und das überfordert mich – zumindest zu Anfang – erheblich. Ich kann mich entweder auf die Handlung konzentrieren oder auf die Musik. Das Stakkato des Drum & Bass unterstreicht das Tempo und die Aggression der Handlung wirkungsvoll, Verfolgungsjagden mit der Polizei werden zu einem Höllenritt. Und dennoch befindet sich die Musik permanent in Konkurrenz zur Tonspur des Films und verhindert für mich, dass der Film den Sog entwickeln kann, den er im Original hat. Dass ein großer Teil der Rhythmus-Sektion aus der Retorte kommt und das verhaltene Agieren des Drummers im seltsamen Kontrast zum Rhythmus-Gewitter steht, lenkt mich zusätzlich ab. (Dies war allerdings beim Gig 2017 auch so)

Asian Dub Foundation

Foto: Holger Vogt

Nach knapp 100 Minuten endet das Spektakel und das Trio verlässt unter großem Applaus die Bühne genauso unspektakulär, wie sie sie betreten hat. Im Hintergrund läuft derweil der Abspann und weist dezent darauf hin, dass der Original-Soundtrack mit seinem französischen Hip-Hop von Sens Unik, MC Solaar, Raggasonic etc. eben auch sehr stark ist. Und so bleibt leider der Eindruck, dass wir hier durch die Kombination aus einem großartigen Film und einer tollen Band nicht etwas erlebt haben, was über die Qualitäten der beiden hinausgeht. Im Gegenteil.

Das erwähnte Filmfestival läuft übrigens noch bis Sonntag, den 10. November und hält eine Menge an spannenden Filmen und Begleitevents bereit. Alles unter dem Motto „Eine Hommage an die große Leinwand, den berauschenden Klang und das gemeinsame Erleben.“ Und genau dies hat bereits der Eröffnungsabend eindrucksvoll geliefert.

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