ACID MOTHERS TEMPLE, 18.10.2019, Manufaktur, Schorndorf

Acid Mothers Temple

Foto: Armin Kübler

Die besten Idee kommen einem ja stets zu spät. So hätte es doch seinen unbestreitbaren Charme gehabt von meiner nachmittäglichen Pilzsuche Fliegenpilze zum Konzert mitzubringen. Der Wald gäbe es her zur Zeit, und bei unfachgerechter Publikumsdarreichung der rotweißen Waldstrolche wäre von Massenekstase über -hysterie hin zur -vergiftung eine Menge Spannung geboten gewesen. Und vom Ding und Ästhetik her sind Acid Mother Temple und Fliegenpilz eh brothers in style. Aber so halt nur Konzert. “Nur” im Sinne von “eh schon bewusstseinserweiternd genug”.

Die sich stark verzweigende Bandgeschichte des japanischen Psychedelickollektivs kann man prima im Internet nachlesen, wichtig für uns ist, dass sich kurz vor 21 Uhr fünf sehr interessant aussehende Herren auf der Bühne einfinden. Die Manufaktur ist angenehm gefüllt, und nach anfänglichem Leitungskabelstöpselproblemen des Keyboards geht es auch mit “Dark Stars in the Dazzling Sky” sehr laut los. Spätestens seit “Tomorrow Never Knows” wissen wir: orientalisches Saiteninstrument und europäisch-amerikanische Beatmusik vertragen sich gut, und bekommen vom Musik-TÜV den Stempel “psychedelisch”. Anderes Psychelement: gerne mantraartig sich wiederholende Gesangs- oder Instrumentalpassagen. Alles verbucht unter ansprechendem Beginn.

Acid Mothers Temple

Der zweite Song ist ein Instrumental, während im darauffolgenden Stück eine Hendrix-Gitarre geboten wird. Selbige nimmt das anfängliche Vocal-Solo-Motiv im Song dann auf. Die Band lässt sich Zeit mit dem Aufbauschen ihrer Lieder. In den Vordergrund spielt sich der wilde Sachen trommelnde Drummer. Für Liebhaber protagonistischer Schlagzeuger, zu denen ich mich zähle, ein Fest. Die anderen müssen ganz tapfer sein. Weitere gern genommene Stilmittel der Band sind Hawkwindsches Keyboardgefiepse im Hintergrund sowie in kalkuliertem Krach und Chaos endende Songfinals.

Kawabata Makoto, Bandgründer, Sologitarrist und fernöstliches Lookalike von Ex-Faith No More Jim Martin, der übrigens zur Zeit wohl hauptsächlich Riesenkürbisse züchtet…egal, Makoto also zählt auch Krautrock zu seinen Haupteinflüssen. Der vierte Song belegt dies durch die krautige Monotonie und unendliche Wiederholung des Bassmotivs, während das Schlagzeug stoisch durchswingt. Und so, Dezibel um Dezibel, hebt der Psychedelic-Lift das Ganze Richtung Kraut-Heaven. Sehr fein! Wird laut bejubelt!

Acid Mothers Temple

Gegen Ende drängt sich mir immer mehr der Vergleich zu der Musik von Gong in ihrer Steve Hillage Phase auf. Und siehe da, ein Song klingt nicht nur nach den Canterburisten, es ist mit “Flying Teapot” sogar ein Cover. Und siehe da #2, mit Gong Gründer Daevid Allen haben sie auch schon kollaboriert. Das erklärt auch ein wenig die Vorliebe für die Bühnenoutfits der Herren (siehe Internetbildersuche “Gong Band”).

Es ist jetzt bestimmt nicht jede Sekunde des Konzerts ergreifend, und etwas Spannungsabfall beim Zuhören kann ich bei mir ab und an mal feststellen, aber zwei Sachen sind schon sehr bemerkenswert. Die ungeheure Energie mit der die Gruppe zu Werke geht. Und, vielleicht ist es auch nur eingebildet, aber eine irgendwie besondere, für mich nicht näher zu definierende Spielweise, die ich mir gerne mit der Herkunft aus einem anderen Kulturkreis erklären möchte. Klares Plädoyer für mehr Überfremdung, meine Meinung. Aber man darf ja hierzulande seine Meinung nicht mehr sagen (außer halt ständig und überall).

Irgendwas um die 80 Minuten irdischer Zeitmessung rum dauert das Vergnügen. Zugabe gibt es nicht, aber dafür kann man sich am prächtig ausgestatteten Merchstand kleine, bunte Katzen kaufen. Dafür aber keine Fliegenpilze.

Acid Mothers Temple

Foto: Armin Kübler

2 Gedanken zu „ACID MOTHERS TEMPLE, 18.10.2019, Manufaktur, Schorndorf

  • 21. Oktober 2019 um 06:50
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    „Aber man darf ja hierzulande seine Meinung nicht mehr sagen (außer halt ständig und überall).“ Ich liebe Linos Rezensionen. Ganz besonders die gekonnte Herstellung des zeitgeistigen Kontexts. Bitte mehr davon!

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