SIBYLLE BERG, 25.04.2019, Wagenhallen, Stuttgart

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Eine Leinwand mit grünen Projektionen, ein Podest mit DJ-Pult, ein Sofa, ein Stuhl, zwei Europaletten, ein Scheinwerfer. So präsentiert sich die Bühne den ca. 500 Besucher*innen in den vom Kulturzentrum Merlin für die Veranstaltung genutzten Wagenhallen. Ich blicke mich um und sehe in viele Gesichter, die vermutlich ebenso vage Vorstellungen haben, was in den nächsten 70 Minuten bei der letzten Station der Tour zu Sibylle Bergs neuem Roman „GRM – Brainfuck“ auf sie zukommen wird, wie ich. Über Twitter konnte man schon ein paar Reaktionen mitbekommen, aber den Tour-Trailer z.B. habe ich mir dann doch auch erst im Nachhinein angeschaut.

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Interessanterweise verspüre ich ein kleines schlechtes Gewissen, mich nicht besser auf diesen Abend vorbereitet zu haben, was ich bei Konzerten, bei denen ich die Musik der Band oder der Künstler*innen nicht kenne, nicht verspüre. Allerdings hätte ich kurzfristig keine Chance gehabt, mir das Buch noch zu holen – alles ausverkauft im Kessel. Und so sitze ich genauso gespannt zwischen einem – zumindest was die Altersstruktur angeht – einigermaßen heterogenen Publikum und bewundere Sibylle Berg einmal mehr für ihre Eloquenz und Gewitztheit bei ihrer Anmoderation des Abends. Leider sei ihre Stimme etwas angeschlagen, aber das sei ja kein Problem, sagt sie und überlässt ihren drei Mit-Vorlesenden den Großteil der Bühne, indem sie sich am vorderen Rand der Bühne im Schneidersitz platziert.

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Otiti Engelhardt, Antonije Stankovic und Beverly Mukunyadze übernehmen einen großen Anteil des Lesens und das ist der erste gelungene Schachzug an diesem Bühnen-Konzept. Erstens lesen und spielen diese drei jungen Erwachsenen sehr überzeugend und mit hoher Bühnenpräsenz. Zweitens verleihen sie den Protagonist*innen des Buches eine glaubhafte Stimme. Ich denke, dass dadurch die Tristheit des Ortes und der sozialen Strukturen, in denen sich die vier Kinder im Roman befinden, und die Radikalität ihrer Ansichten und Reaktionen besser nachzuvollziehen sind. Natürlich hört man Sibylle Berg unglaublich gerne sprechen. Selten gehen bei einer Autorin Artikulation, Gestus und der Klang der Stimme eine solch passende Symbiose ein. Aber eine bei Lesungen immer mögliche Langeweile in der Darstellung kann an diesem Abend in keiner Weise aufkommen.

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Dass dies nicht der Fall ist, ist zudem auch dem aus Birmingham stammenden 14-jährigen Rapper T. Roadz zu verdanken. Unterstützt wird er durch den DJ Prince Rapid der Grime-Gemeinschaft Ruff Sqwad aus London. Und dieser Rapper lässt alle Anwesenden ungläubig und begeistert zurück. Mit einer großen Selbstsicherheit und einem beeindruckendem Flow – trotz teils hoher Geschwindigkeit – verleiht T. Roadz, dem Text noch eine weitere mediale Ebene hinzu. Die Texte sind dank des Tempos schwierig nachzuvollziehen, aber insgesamt ergibt sich ein harmonisches Bild eines Teils der Gesellschaft in einem Industriestaat, der bestimmt ist durch einen immer radikaler werdenden Markt. Ein positiver Aspekt ist in dieser Bestandsaufnahme durch Sibylle Berg eigentlich nicht mehr auszumachen. Dagegen werden ein perfekter Überwachungsstaat (CCTV, Digitalisierung) und maßlose „weiße, alte Säcke“ vielfach beschrieben und benannt, die ein Tempo (des Kapitals, der Informationen) vorgeben, das von einem immer größer werdenden Teil der Gesellschaften nicht mehr erreicht oder nachvollzogen werden kann – was schließlich in Lethargie und Enttäuschung mündet.

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Die Testausschnitte, die Sibylle Berg ausgewählt hat, geben einen Eindruck, was die Leserin und den Leser dieses Buchs erwartet: Eine Sprache, die direkt und poetisch ist. Eine Geschichte, die schnell und vielschichtig ist. Ein Thema, das wichtig ist. Eine Sicht auf die Gesellschaft, die ernüchternd ist. Vielleicht gibt es auf den 630 Seiten aber auch Aspekte der Hoffnung, des Muts und der Lebensfreude, welche die Musik und die Performance aller Beteiligten auf der Bühne am Ende insgesamt hinterlassen haben – trotz des Pessimismus‘, den der Text vermittelt hat.

Sibylle Berg Brainfuck

Foto: Özlem Yavuz

Ein Gedanke zu „SIBYLLE BERG, 25.04.2019, Wagenhallen, Stuttgart

  • 28. April 2019 um 22:28
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    Wahnsinns Bild mit den Motorrädern (Nr. 2). Große Kunst!

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