GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Oho, was war das für eine Party, anno 2016 in der Schachtel… Mit Gurr und Wolf Mountains und viel Alkohol. Ich behaupte mal, keiner war nüchtern an diesem denkwürdigen Abend im Baucontainer. Im JuHa West sollen die Mädels bereits ein Jahr davor ordentlich abgeliefert haben, aber da war ich leider nicht dabei. Der Gig im Merlin 2017 war dann etwas zahmer, aber Spaß hatten wir mit Andreya Casablanca und Laura Lee Jones auch dort. Inzwischen haben Gurr aber längst den Insider-Status abgelegt. Support bei Kraftklub, große Festivals, Auftritte beim SXSW und bei der BBC – da sind sie aus Läden wie dem Keller Klub eigentlich schon fast herausgewachsen. Und es ist ihr vorletzter Auftritt im Rahmen der „intimen Club-Tour“, bevor es auf Tournee durch die USA (!) geht. Anlass für die aktuelle Tour ist die brandneue EP „She Says“. Und das ist ein wirklich wichtiges Werk für Gurr. Immerhin drei Jahre hat es gebraucht, bis die Band einen Nachfolger zu ihrem umwerfenden Debüt „In My Head“ veröffentlichte. Und was soll ich sagen? Man merkt der EP diesen Erwartungsdruck auch an. Sieben Songs in eingängigem Indiepop sind zwar ein schöner Start in den Musik-Frühling, aber die unbeschwerte Energie des Erstlings hat die Platte nicht. Wal sehen, wie das live funktioniert.

GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Der Keller Klub ist jedenfalls rappelvoll, wenn auch nicht ganz ausverkauft. Und im Publikum sehen wir – außer den alten Konzert-Säcken und der Blogger-Blase, die eh immer da sind – auffällig viele junge Frauen. Kein Wunder, authentischere und sympathischere Identifikationsfiguren als Andreya und Laura Lee wird man in der deutschen Musikszene kaum finden. Punkt Acht begibt sich aber erstmal der Support auf die Bühne, das Trio Jealous aus Berlin. Erst einen Titel haben Dane Joe, Sissy Johnny und Alice Huet veröffentlicht, im Live-Set bringen sie aber schon ein knappes Dutzend Songs auf die Bühne. Und die haben es wirklich in sich. Knackiger Garage Punk, eine rotzige Girlie-Attitüde und laszive Rockposen bringen das Publikum umgehend auf Betriebstemperatur.

GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Kurz vor neun geht’s dann los mit Gurr. Bass und Schlagzeug sind neu besetzt und ein weiterer Gitarrist verstärkt die Band. Dies sei notwendig, Andreya habe sich an der Hand verletzt. Die gewonnene Bewegungsfreiheit wird sie im Laufe des Auftritts zu nutzen wissen. Die Setlist hat eine klare Struktur: Zuerst wird die neue EP in Gänze gespielt, danach folgt Altes, eine Coverversion und Quatsch. Die neuen Songs funktionieren live gut, Gurr klingen nun eher wie eine britische Indie-Band und doch fühlt sich das Ganze eher wie ein Vorprogramm an. Als der zweite Teil mit „Walnuss“ eröffnet wird, schalten Band und Publikum sofort zwei Gänge hoch und die Party nimmt Fahrt auf. Andreyas altmodisches, rosa Bieder-Kleidchen steht in wunderbarem Kontrast zum immer wilder werdenden Treiben auf der Bühne. Zwischen den Songs gibt es witzige Episoden von der aktuellen Tour – zum Beispiel vom Gig in Nürnberg, wo Eltern, Onkel und Tante im Publikum waren – und es wird mit den Nerven-Mitgliedern rumgewitzelt, die im Publikum sind. „Rollercoaster“, „Hot Summer“ und „In My Head“ räumen natürlich komplett ab, die Jealous-Mädels sind crowdsurfend unterwegs.

GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Lustiger Höhepunkt ist aber die spontane Einlage ihres angeblichen Punk-Side-Projects „Großcontainer Kotze“. Laura Lee übernimmt – wie in alten Tagen – das Schlagzeug und der Mitgrölhit „Jung, versoffen und arbeitslos“ mündet im vielstimmigen Ruf  „J-V-A! J-V-A!“. Zum Brüllen komisch und ich wünsche mir kurz eine gemeinsame Tour mit „Pisse“ und „Acht Eimer Hühnerherzen“. (Und sei es nur der Anhäufung lustiger Punk-Namen wegen) Dennoch ist dies ein bisschen mehr als nur Gaudi: Es zeigt nämlich die raue, wilde Seite von Gurr und ich kann nur hoffen, dass wieder mehr davon in zukünftigen Songs zu finden ist. Der etwas gefällige Indiepop der aktuellen Platte mag vielleicht ein größeres Publikum erschließen und eventuell etwas Airplay bringen, der Marke „Gurrlcore“ tut er nicht gut. Und trotzdem: Gurr sind so gut wie nie, das Konzert ist definitiv das Beste, das ich bisher von ihnen gesehen habe. Die Spielfreude und die Lust auf Party sind so mitreißend und glaubwürdig, dass sich dem keiner entziehen kann. Mit „Walk Like An Egyptian“ hauen die Mädels noch einen Crowd-Pleaser raus und nach knapp 90 Minuten endet ein fulminanter Gig vor einem komplett euphorischen Publikum. Ich freue mich jetzt schon auf das Wiedersehen auf dem Maifeld Derby!

GURR, JEALOUS, 10.04.2019, Keller Klub, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

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