BILDERBUCH, 07.04.2019, Liederhalle, Stuttgart

Bilderbuch

Foto: Martin Schniz

Noch am Morgen saß ich mit der Sängerin der übrigens sehr zu empfehlenden Gruppe Odd Beholder beim Frühstück zusammen und wir diskutierten angeregt, ob Roboter, Maschinen und Computer irgendwann Musik machen können, die es mit der bis heute aus Menschenhand entstandenen aufnehmen kann. Um es vorwegzunehmen, die Überlegungen blieben offen und ohne Ergebnis.

Bilderbuch scheint diese Frage jedoch schon positiv für sich beantwortet zu haben: Über der Bühne, ganz versteckt an einer hohen Traverse hängt am Abend ein Schild mit der Aufschrift „Music made by humans“. Es wird, so könnte man meinen, klar vermittelt, dass es menscheln wird am Abend, dass hier nichts aus der Konserve kommt, dass die Maschinen zumindest dieses Konzert noch nicht übernommen haben. Dabei fühlt man sich doch oft an eine perfekt abgestimmte und unglaublich rund laufende Maschine erinnert. Nichts ist an dem Abend dem Zufall überlassen. Jede Geste sitzt, jede Bewegung ist einstudiert, alles ist Teil einer umfassenden Choreografie.

Bilderbuch

Foto: Martin Schniz

Das beginnt beim Bühnenbild. Das ist gestaffelt, die beiden Drummer sitzen hinten erhöht, der Zuschauer hat jederzeit alle fünf Musiker im Blick. Umrahmt werden sie unter anderem von einem riesigen Wasserhahn mit Leuchtdiodenwasserstrahl, großen schwebenden Planeten und Sternen, einer riesigen Wand sich individuell bewegender Hausventilatoren und einer römischen Säule inklusive installierter Überwachungskameras. „Ein Spielplatz für Erwachsene“, wie uns Maurice Ernst, der Sänger der Gruppe, wissen lässt. Das Auge ist beschäftigt und hat seine Freude daran.

Die Band füllt diesen Raum gekonnt aus. Die Moderationen sind denkbar knapp und laufen nach einem Script („Stuttgart, yeah, der Frühling kommt“). Der Fokus liegt auf einer Hochglanzoptik, auf Präsenz, auf guten Bildern und überzeugendem Sound. Jede Einstellung könnte für gute Fotos herhalten, keine Geste der Musiker ist zu viel und wirkt spontan oder unbeholfen. Die perfekte Maschine. Das wird dann noch sehr beeindruckend unterstützt durch zwei brillante Lichttechniker an einem überragendem Lichtaufbau, die dem Publikum vorführen, wie man Musik durch Lichtstimmung zu neuer und stärkerer Geltung verhelfen kann.

Bilderbuch

Foto: Martin Schniz

Und auch die Setlist strahlt diese maschinenhafte Perfektion aus. Ganz gezielt wird mit ‚Bungalow‘ als viertem Song ein erster Hook gesetzt, um das Publikum zu aktivieren. Um dann ein paar Songs später mit der Dreiherfolge ‚Baba‘, ‚Maschin‘ und ‚Spliff‘ ein pures Feuerwerk der Begeisterung im Publikum zu zünden. Alles hochgradig inszeniert, inklusive Anziehen der vorgekühlten Handschuhe aus dem von hinten strahlenden Kühlschrank auf der Bühne, Stage-Diving und Zurückziehen der Gitarristen für ein langes gemeinsames Solo der beiden Drummer.

Und ich stelle mir die Frage: darf ich das mögen? Darf ich Freude haben an der perfekten Maschine? An duchgängiger Inszenierung und einem komplett durchdachten Konzert? Fehlt da nicht etwas, sei es ein wenig Spontaneität oder das Gefühl, als Zuschauer nicht komplett austauschbar zu sein?

Bilderbuch

Foto: Martin Schniz

Zumindest dem Publikum scheint es zu gefallen. Der Beethoven-Saal ist fast komplett gefüllt, die Stimmung ist gelöst und an den richtigen Stellen auch enthemmt. Und auch ich komme zu dem Schluss: „Ja, ich darf das mögen.“

Bilderbuch machen an diesem Abend alles richtig. Natürlich ist es inszeniert, natürlich übertrieben perfektioniert. Aber das gehört zum Konzept dieser Gruppe. Sie inszenieren und stilisieren sich bewusst zum Kunst- und Kommerz-Objekt. Und brechen dies aber in der Art und Weise wie sie das tun, immer wieder ironisch auf, nicht zuletzt durch die intelligenten und hintersinnigen Texte. Dabei und dadurch bleiben Bilderbuch trotz allem maschinenhaften authentisch und vor allem menschlich. Und machen verdammt viel Spaß.

Bilderbuch

Foto: Martin Schniz

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