GROSSSTADTGEFLÜSTER, 21.03.2019, Im Wizemann, Stuttgart

Grossstadtgefluester

Foto: Martin Schniz

Ich hatte Lust auf das Konzert von Grossstadtgeflüster. Große Lust. Jetzt nach dem Konzert bin ich leider etwas zwiegespalten. Und daran hat nicht allein die Band Schuld.

Die Vorzeichen sind gut. Immerhin schon seit 2003 machen Grossstadtgeflüster Musik, seit 2008 in endgültiger Vollbesetzung (zu dritt). 2006 das erste Album, dann alle zwei, maximal drei Jahre ein Neues. Und im Laufe der Jahre sind immer wieder Singles mit Potential dabei, die breitere Aufmerksamkeit erfahren. „Ich muss gar nix“, „Weil das Morgen noch so ist“ und natürlich „Fickt-Euch-Allee“ laufen in den Clubs auf Heavy Rotation und sie tun das nicht ohne Grund: treibende, eingängige Beats irgendwo zwischen Elektro-Pop und Elektro-Punk werden begleitet von Texten, die intelligent, hintersinnig und trotzdem durchweg unterhaltend sind. Grossstadtgeflüster zeigen sich dabei kompromisslos und authentisch, was dann auch mal so weit gehen kann, dass im Entstehungsprozess der Musik alle Personen ausgeschlossen werden, die nicht explizit um ihre Hilfe gebeten wurden. Auf diese Weise werden Fremdeinflüsse so gut es geht vermieden. Das Produkt ist dann auch mal nerdig, sperrig oder kitschig. Aber eben immer ‚real‘.

Dann seit 2013 Album-Pause. Ab und an erscheint eine EP oder eine Single, darüber hinaus lassen Jennifer Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk ihre Fans aber warten. Bis jetzt. 2019 erscheint endlich das neue Album, „Da kann ja jeder kommen“, und begleitend die Tour durch die Großstädte Deutschlands und Österreichs. Die Konzerte sind meist ausverkauft. Das Wizemann schafft das nicht ganz, aber die Halle ist doch angenehm gefüllt. Wer kommt, ist echter Fan; man kennt die Texte auswendig und zeigt das auch. Das macht es der Band einfach, das Publikum ist von Anfang an dabei und bleibt es bis zum Ende. Kommt dabei aber, so mein Eindruck, nicht zur Höchstleistung, es levelt sich bei 75% ein. Es wird getanzt, aber nicht ekstatisch. Es wird gefeiert, aber nicht enthemmt. Dinge, die bei Grossstadtgeflüster zu erhoffen und eigentlich auch zu erwarten waren. Grund genug für eine Ursachensuche. Drei davon kann ich identifizieren:

Erstens: Dem neuen Album fehlen die Hits. „Ich brauch neue Freunde“ hat ein niedliches Video, aber textlich und musikalisch bleibt es, wie die meisten neuen Songs, hinter den alten zurück. Das scheint auch die Band selbst zu empfinden; in fast zwei Stunden Konzert hören wir vielleicht fünf Songs der neuen Platte, der Rest ist ein Best-of der bekannten und beliebten alten Alben. Das funktioniert natürlich entsprechend gut, lässt einen aber auch mit dem deutlichen Wunsch nach mehr zurück.

Zweitens: Grossstadtgeflüster sind unkonventionell. Das erwartet man auch auf der Bühne. Und natürlich kommen sie diesen Erwartungen zumindest entgegen. Schlabbrige Jogginghosen und Bademäntel und Gimmicks aus dem Euro-Shop kommen genauso zum Einsatz wie Konfettikanonen und große Luftballons fürs Publikum. Und auch hier gilt: das funktioniert irgendwie schon alles. Aber es wirkt gleichzeitig auch wenig inspiriert, zu geplant. Man vermisst Spontaneität. Die meisten anderen Gruppen kämen damit durch, aber von Grossstadtgeflüster erhofft man sich einfach mehr.

Drittens: Grossstadtgeflüster spielt natürlich nicht zum ersten Mal in Stuttgart. Sie selbst weisen während des Konzerts darauf hin, dass sie vor zwei Jahren schon im Wizemann waren. Damals allerdings noch im deutlich kleineren Club. Und dieses Konzert, so ihre eigenen Worte, soll als Maßstab für das aktuelle gelten. Damals sei es eng, schwitzig und vollkommen verrückt gewesen. Und das kann man sich sehr gut vorstellen. Diese Band mit dieser Musik funktioniert in kleinen, engen, vollen Räumen vermutlich noch um einiges besser. Wenn es direkter wird, familiärer. Und wenn es große Räume mit vielen Menschen sind, dann muss wenigstens der Sound richtig stimmen und die Beats richtig treiben. Leider hat das Wizemann, so sagt man mir, an dem Abend ein Problem mit der Anlage und dem Monitoring. Mit zwei Effekten: alles ist deutlich zu leise und der Gesang versumpft leider noch extra. Direkt unter den Lautsprechern fragt man sich schon, ob das alles ist. Und an den Seiten des Publikums kann man sich ohne weiteres in normaler Lautstärke unterhalten. Tödlich für eine Band wie Grossstadtgeflüster.

Ist es also ein schlechtes Konzert? Nein. Es ist grundsolide, unterhaltend und handwerklich sauber. Könnte es mehr? Ganz sicher. Aber vielleicht sind das auch nur die Erwartungen des Autors, die zu hoch gesetzt wurden.

Grossstadtgefluester

Foto: Martin Schniz

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