BASTILLE, LEWIS CAPALDI, FOURS, 24.02.2019, Porsche Arena, Stuttgart

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Foto: Patrick Grossien

Ich kenne niemanden der viel auf Konzerte geht und sagen würde, dass Hallenshows das Größte sind; zu nervig sind die langen Schlangen, Stehplätze in 100 Metern Entfernung von der Bühne und in letzter Konsequenz die Anzahl der Mitfans. Mich eingeschlossen. Allerdings liebe ich die kollektive Vorfreude in der Bahn und vor der Halle bei Großveranstaltungen. Die Kapazität der Porsche Arena würde das alleine nicht schaffen, dafür ist sie doch das kleine Bisschen zu wenig Arena. Zu meinem Glück spielen nebenan twenty one pilots in der fast vollen Schleyerhalle. Win-Win-Situation dank gemeinsamer Vorfreude auf die Konzerte in der Bahn aber räumlicher Trennung beim eigentlichen Konzert. So bekomme ich trotz Sonntagabend eine fast schon kindliche Vorfreude, befeuert vom Geruch nach Konzertadrenalin, den allgegenwärtigen Selfieposen und der Aussicht auf Bastille plus zwei Supportacts.

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Foto: Patrick Grossien

Erfreulicherweise ist die Halle schon zur ersten Vorband halb voll (Spoileralarm: viel mehr sollte es dann leider auch nicht werden), obwohl der zunächst spärliche Applaus vermuten lässt, dass der Opener Fours dem Publikum nicht sonderlich bekannt ist. Fours kommen, wie Bastille selbst, aus London und sind quasi die Mini-Me-Variante des Hauptacts. Allerdings ist ihr Indie Pop ein bisschen weniger opulent und eingängig, zudem musikalisch ein bisschen eintöniger. Alleinstellungsmerkmal in der Schlangengrube des Genres ist mit Sicherheit der kantige und vielseitige Gesang von Frontfrau Edith Violet. Violet ist auch der Aktivposten auf der Bühne und nimmt damit die Aufmerksamkeit ein bisschen von der Restband, die im Hintergrund sauber abliefert. Ohne große Gesten, viele Worte aber mit starker Präsenz und Spielfreude schaffen Fours es, ein perfektes Warm-Up hinzulegen. Ob es irgendwann zu mehr reicht, entscheidet vermutlich das Ohrwurmpotential der nächsten Veröffentlichung.

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Foto: Patrick Grossien

Die Stimmung wird gespannter und das Geschrei nimmt deutlich zu. Nächster Act des Abends ist Lewis Capaldi. Und er soll zumindest teilweise recht behalten wenn er sagt: “everybody who likes fat boys singing sad songs, is in for a treat“. Ich stimme ihm nur teilweise zu. Die Songs sind nur textlich traurig, musikalisch machen sie doch eher glücklich und ob er nun dick ist oder nicht muss jeder selber entscheiden. Aber definitiv kriegt die Porsche Arena mit ihm und seiner Band einen echten Leckerbissen geliefert. Das augenscheinlichste Treat ist seine absolute Gänsehautstimme. Bei den tiefen Passagen sind für mich Parallelen zu Hozier nicht zu leugnen, mit dem einzigen Unterschied, dass Capaldi noch ein bisschen unaufgeregter dabei ist. Das nicht minder wichtige, aber weniger auffällige Merkmal seiner Musik ist für mich das absolut großartige Songwriting mit klarem, durchgängigem Stil aber dennoch eingängigen Eigenheiten in jedem einzelnen Lied.

Als sich Capaldi zum zweiten Mal auf ein Gespräch mit dem Publikum einlässt (ja, bei einer Arena-Show) habe ich kurz Bedenken. Aber mit seinem Charme, und verstärkt durch seinen schottischen Akzent, lässt er sämtliche Liebesbekundungen und die wenig zielgerichteten „Woooooh’s“ einfach an sich abprallen und beweist zudem noch echte Komikerqualitäten. Insgesamt legt Capaldi mit seinem Auftritt den Balken für den restlichen Abend sehr hoch: ungeschickt für Fours deren gutes Set ein bisschen in den Hintergrund rückt und unangenehm für Bastille. Für mich aber ein perfektes Vorprogramm mit einer sehr ähnlichen Band zum Start, gefolgt vom stimmgewaltigen und deutlich reduzierteren Lewis Capaldi.

Schon mit seinem Bühnenabgang wird klar, dass eine Strategie von Bastille dem entgegen zu treten, eine massive Bühnenshow ist. Der Bühnenvorhang fällt und das Tourmotto „Still Avoiding Tomorrow“ wird, in meinen Augen eher unpassend, übersetzt als „Morgen vermeiden“ darauf projiziert. Ab jetzt reißen die vielen kleinen Details der durchchoreografierten Bühnenshow nicht mehr ab, obwohl noch kein Akkord gespielt wurde.

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Nach angenehm kurzer Wartezeit startet Bastille den Abend mit ihrem Cat Stevens Cover „Wild World“, begleitet durch eine Lichtprojektion der Band auf den weißen Bühnenvorhang. Ganz cool. Bis hier hin bin ich noch dabei. Aber quasi ab dem Abschlag des ersten Liedes startet die absolut übertriebene Inszenierung des Konzertes als Gesamtkunstwerk, das mir nicht den Abend, aber zumindest das Bastille Konzert ein wenig versauen soll. Es geht weiter mit einem Mix aus Liedern vom ersten Album „Bad Blood“ und zweiten „Wild World“, allerdings gespickt mit Radio- bzw. Nachrichtensamples. Sowohl zwischen den Liedern aber auch innerhalb der Lieder selbst. Absolute Dauerbeschallung. Garniert wird das ganze durch eine komplett übertriebene Lichtshow inklusive Videoinstallation. Besonders verstörend für mich ist jedoch das permanente und überflüssige Anpeitschen der Menge durch Schlagzeuger Chris Wood, sobald er nichts bzw. nicht viel spielen muss. Musikalisch klingt das was Bastille macht wunderbar, bis auf eine Ausnahme… aus den Lautsprechern tönt auf einmal Hintergrundmusik und dazu spielt Chris Wood das kürzeste und uninspirierteste Schlagzeugsolo was man sich nur vorstellen kann.

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Foto: Patrick Grossien

Danach wird die Bühnenshow noch abstruser. Auf einer kleinen Empore in der Mitte der Bühne erscheint ein Sofa. Den nächsten Song „4 AM“ singt Frontmann Dan Smith während er sich lustlos auf dem Sofa wälzt. Als Edith Violet noch mal auf die Bühne zurückkommt, muss sie ihr Duett sitzend neben Smith auf dem Sofa singen. Die Magie verpufft. Lewis Capaldi darf auch noch mal wiederkommen. Er darf zwar stehen, aber dafür nicht sonderlich viel Gesang übernehmen. Trotzdem reißt er damit die Aufmerksamkeit, wenn auch unabsichtlich, an sich. Eigentlich kann Dan Smith stimmlich absolut mithalten, aber er wirkt oft abwesend und abgelenkt vom Drumherum. Mal liegend auf dem Sofa, mal zwischen aufgesetzten Tanzeinlagen oder beim sich durchs Publikum kämpfen, kommt sein Charme und seine ebenfalls vorhandene Stimmgewalt bei mir heute nicht an.

Irgendwann wird das Sofa durch eine eingetretene Tür ausgetauscht. Das Motto der nächsten paar Lieder: „Moving on“. Schön plakativ, aber zumindest mir wiedermal zu generisch. Irgendwo im Bastille Theaterstück gibt es dann auch noch ein bisschen Politik:

Dan Smith: [Generische Parolen zum Brexit]… This song is a big fuck you to them.
Person aus dem Publikum: I loooooove you!
Dan Smith: I love you, too. And if you want to say a big fuck you, jump as hard as you can.

Ich bin mir nicht sicher, wer von den beiden hier weniger Fingerspitzengefühl beweist.

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Die Samples zwischen den Liedern verschwinden irgendwann, dafür verschmelzen die neueren Lieder im Mittelteil passend zur aktuellsten Veröffentlichung zu einem mixtapeähnlichen Gesamttrack. Danach kommt Bastille zu ihren mittlerweile doch recht zahlreichen Hits. Den Abschluss des Hauptsets macht das 80er Cover „Of The Night“ in einer Party Version. Das Infield bebt. Als Zugabe versöhnt Bastille mich persönlich dann mit einer ganz schnörkellosen Version meines Lieblingslieds „Flaws“.

Wie oben schon mal angedeutet liefert Bastille musikalisch ein absolut solides Set mit kleinen Begeisterungsspitzen. Aber mich macht das Drumherum fertig. Gemessen an früheren Auftritten von Bastille wirkt das ganze komplett aufgesetzt. Im Laufe des Abends erwähnt Dan Smith ihr kürzlich veröffentlichtes Mixtape „Other People’s Heartache, Pt. IV“. Er erwähnt, dass Bastille auf Drängen des Managements viel ändern musste, bevor es veröffentlicht wurde. Also ist das Showkonzept vielleicht auch Managementidee? Passen würde es, aber ist mit Sicherheit auch zu viel Spekulation. Bald erscheint das dritte Album „Doom Days“ und dann dürfte man sehen wo die Reise hingeht für Bastille. Für mich geht die Reise erstmal, leicht verwirrt von dem Bastille Auftritt und begeistert von Lewis Capaldi, nach Hause.

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