LEWSBERG, 31.01.2019, Manufaktur, Schorndorf

LEWSBERG, 31.01.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Armin Kübler

Der Musik-Nerd: Eine ganz besondere Spezies. Ohne die der Konzertbetrieb, wie wir ihn mögen, zwar möglich, aber sinnlos wäre. Die beiden größten Unterarten kann man grob darin unterscheiden, ob sie vor oder auf der Bühne stehen. Von der zweiteren haben wir heute Abend in der Manufaktur mit Lewsberg einen sehr ausgeprägten Vertreter. Optik, Sozialverhalten, Mimik und Gestik signalisieren nur eines: Hier geht es nicht um uns, hier geht es nur um unsere Musik. Theo-Koll-Brille, ausgebeulte Hochwasser-Cordhose und Mephisto-Schuhe. Jedes Detail am hochgeschossenen Frontmann Arie van Vliet ist ein modisches „So What?“, die einzige Publikumsansprache im knapp einstündigen Gig ist ein „Any questions so far?“. Das ist entweder unglaublich raffiniert ausgespielte Attitüde oder authentisch. Ich denke, es ist echt.

LEWSBERG, 31.01.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Armin Kübler

Vor der Bühne: Knapp fünfzig Vertreter des klassischen Konzert-Nerds, zu 75% männlich, Ü40 (mindestens) und in unzähligen Konzertbesuchen in Ehren ergraut. Kurzum: heute Abend sind wir unter uns. Und dass unter diesen Laborbedingungen ein gutes Konzert entstehen könnte, hatte ich im Stillen erhofft, der Abend hat meine Erwartungen aber noch weit übertroffen. Was die vier Niederländer hier auf die Bühne bringen, hat alles, was einen hervorragenden Live-Auftritt ausmacht: lässige Perfektion, makelloser Sound, Verzicht auf alles Überflüssige, einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen und Überraschungen.

LEWSBERG, 31.01.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Armin Kübler

Als die Rotterdamer Velvet Underground werden Lewsberg gerne bezeichnet. Kann man so gelten lassen, wenn man noch eine ordentliche Portion Talking Heads dazu packt. Wie eine Mischung aus Lou Reed und David Byrne mit niederländischem Akzent sprechsingt sich Arie van Vliet mit sonorer Stimme durch die Titel des Debütalbums. Diese sind von spröder DIY-Schlichtheit, und entwickeln – gerade durch den Verzicht auf jeglichen Effekt – eine ganz eigene Magie. Bis auf Bassistin Shalita Dietrich, die die ebenso heftige wie monotone Bearbeitung der E-Saite mit einem dezenten Hüftschwung begleitet, verharrt die übrige Band nahezu bewegungslos. Gitarrist Michiel Klein streut mit versteinerter Miene seine Soli ein, die zwischen schräg-minimalistisch und schmerzhaft-schrill changieren. Das ganze auf einem stoisch-repetitiven Beat von Schlagzeuger Dico Kruijsse.

LEWSBERG, 31.01.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Armin Kübler

Bands mit ähnlichem Nerd-Faktor habe ich auf dieser Bühne schon einige gesehen: Freudige Erinnerungen an Car Seat Headrest stellen sich ein, aber auch an Yo La Tengo oder die Limiñanas. Und das Bindeglied zwischen all diesen Käuzen auf und vor der Bühne ist natürlich: der Veranstalter-Nerd. Er steht dezent im Hintergrund und freut sich mal wieder diebisch darüber, dass er all die Musik-Sonderlinge zu einem rundum begeisternden Abend zusammengebracht hat.

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