GET WELL SOON, SAM VANCE-LAW, 28.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Welcome to the Horror-Show, gepriesen sei der Alptraum im Namen des Gropper – Amen! Get Well Soon feiern eine Messe der Melancholie. Die Kirche an diesem Abend befindet sich im Theaterhaus in Stuttgart, der letzten Station der „The Horror“-Tour. In die Rückwand sind hohe, gotisch anmutende Kirchenfesten gebaut. Doch, doch, ich hab es gesehen und es hängen riesige aber filigrane und fantastische Zeichnungen davor und es gibt eben genau soviel verträumtes Licht auf der Bühne, wie zu dieser Stunde durch Kirchenfenster fallen kann…

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

„Das wird sentimental heute. Keine Jokes, nur Tränen“ prophezeit Konstantin Gropper, seines Zeichens Erfinder und Mastermind von Get Well Soon. Als er diese Prophezeiung ausspricht und damit den Großteil des Publikums durch diesen (hoffentlich) ironischen Satz wieder ins Leben holt, zum Bewegen der Augenlider und schließen von Mündern animiert, haben sich bereits unfassbar traurig-schöne Klänge über die Gemeinde ausgebreitet, die sich ein wenig verstört und akustisch erleuchtet zugleich fühlt.

Nach dem schönen Meer-Intro „A Mist Bay (At Dawn)“ schließen sich nämlich die ersten beiden Hymnen von „The Horror“ an. „Future Rains“, das auf magische Weise Pop, Klassik und Jazz anbetet und das den Zuhörer in jenseitige Gefilde zu führen wollen scheint, ohne dass sich einen Moment der Gedanke aufdrängen könnte, dass dieser Song von Kriegsruinen inspiriert wurde. Darin eingebetet, das aus dem arabischen Mittelalter stammende Lied „Lama Bada Yathatanna“, das auf der Platte von der tunesischen Sängerin Thalia Benali gesungen wird und das uns heute Schwester Verena Gropper ebenfalls gänsehautreif vorträgt. Und direkt danach das Titelstück „The Horror“, das verführerisch fröhlich beginnt, nur damit uns die betörende Crooner-Stimme Groppers und die Streicher eine Gänsehaut heraufkriechen lassen „… the Horror comes to life“.

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Insgesamt 14 Musiker stehen auf der Bühne. Neben der Get Well Soon Tour-Besetzung bestehend aus sechs Musikern, die Gitarre, Trompete, Glockenspiel, Bass, Geige, Gesang, Keyboard und Schlagzeug bedienen, gesellt sich zur Horror-Show noch die Get Well Soon Big-Band. Das bedeutet drei Violinen, ein Cello, eine Querflöte und drei Blechbläser, die in Trompeten, Posaune und Horn stoßen. Und nicht nur die Stücke des neuen Albums, das ja bewusst so traumhaft orchestral arrangiert wurde, strahlen in diesem perfekten, vollen Sound, der seinesgleichen sucht. Nein, auch für ältere Songs wurden entsprechende Arrangements geschrieben und beglücken die Sinne mit dieser perfekten Melange. 

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die Aufführung ist theaterhaft: Das Publikum darf sitzen und klatscht nur an den richtigen Stellen, ansonsten ist es still. Welch Wohltat! Während des gesamten Auftritts habe ich bewusst lediglich zwei Handys wahrgenommen. Diese Form liegt Gropper, der sowohl gut ausgebildeter Multiinstrumentalist als auch Perfektionist ist. Nichts, kein Flötenton, kein Schellenklang bleibt dem Zufall oder gar der Improvisation überlassen. Und dass ist gut so für diese Musik, die durch das perfekt Durchkomponiertsein und einer ebenso perfekten Umsetzung beängstigend schön und dennoch umwerfend emotional daherkommt.

Die Vorbilder von „The Horror“ sind die schwelgerischen Töne von Hitchcock-Komponist Bernard Hermann oder des französischen Soundtrack-Meisters Philippe Sarde, klassische US-amerikanische Werke des 20. Jahrhunderts von Charles Ives oder Morton Feldman und natürlich Nelson Riddle, der in den 50ern für Sinatra arbeitete.“ heißt es in der offiziellen Information und das trifft wohl – ohne dass ich nun mit Fug und Recht behaupten könnte, ein ausgewiesener Kenner der Oeuvres genannter Herren zu sein – ins Schwarze.

Und so bekommt auch die 8-köpfige Get Well Soon Big Band Raum für eine traumwandlerisches Stück, das zwischen Jazz, Popp, Filmmusik und Klassik changiert und dem man noch ewig hätte hingeben können. 

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Konstantin Gopper, Jahrgang 1982, ist gebürtig nicht nur Oberschwabe, sondern auch Melancholiker (wie ja auch bereits beim Konzertbericht aus dem Jahr 2015 von mir konstatiert wurde). Und er hat sich sowohl mit dem neuen Machwerk als auch dessen kongenialer Live-Umsetzung einmal mehr übertroffen.

Das Philosophie-Studium scheint ebenfalls nicht spurlos an ihm vorübergegangen. So denkt Gropper in „(How to stay) Middle Class“ mithilfe von Kierkegaard, Foucault und beschwingten Streichern über die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg nach. „The Horror“ ist eine Art abgrundtiefgründiges Konzept-Album, in dessen Epizentrum der Alptraum wabert – drei persönliche Gropper-Alpträume, die ihm Inspiration waren und die er musikalisch ausschmückt, bis sich ihr wohlig-spektakulärer Horror ganz entfalten kann. Drumherum entspinnen sich düstere Phantasien, Geschichten und Themen, in denen Ängste spür- und hörbar werden.

GET WELL SOON, SAM VANCE LAW 29.10.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Aber der Prediger spendet Trost: „Gemeinsam durchhalten. Am Ende wird es schon gut ausgehen, auch wenn es jetzt gerade echt schwierig aussieht. Meine Musik mag desillusioniert sein, aber sie soll nicht desillusionieren.“ Die Angst kann uns Get Well Soon nicht nehmen, aber Gesellschaft leisten:

It’s sure
And will always be
This is no cure
But company
So join hands
In horror unite!
Together we stand
In darkest night.

Der ausverkaufte Saal spendet vollkommen zu Recht Standing Ovations, bevor es noch drei wunderschöne Zugaben (unter anderem „It’s love“) gibt und man einfach nicht glauben mag, dass dieser traumhafte Abend nun wirklich vorbei ist.

Nicht vorenthalten möchte ich Sam Vance-Law, der das Vorprogramm bestreitet. Ein in Berlin lebenden Kanadier, der mit seiner kleinen, feinen Band feinste Pop-Perlen zum Besten gibt. Er verarbeitet textlich in erster Linie schwule Themen, aber auf eine sympathisch-witzige Weise. Denn er selbst war wohl etwas frustriert von „gay music“. Nicht nur Humor hat der Mann („let’s get married“ klingt einfach besser als „let’s get eingetragene Lebenspartnerschaft), nein auch noch eine wunderbare Stimme und er scheint Gropper in Sachen Perfektionismus nacheifern zu wollen, ohne dabei aber künstlich zu wirken. Er trägt zudem zu einem Höhepunkt des Get Well Soon Konzerts bei, als er gemeinsam mit Konstantin Gropper „Nightmare No. 2“ im Duett singt. Und als Zugabe gibt Sam Vance-Law mit seiner Band eine kongeniale Cover-Version von Grauzones „Eisbär“.

Sam Vance-Law

Get Well Soon

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