NICK MASON’S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Auf eines müsse er dann doch hinweisen, nur um das noch einmal klarzustellen: Er sei weder „South Yorkshire’s Roger Waters“ noch „the Danish David Gilmour“. Wenn der von Grund auf sympathische Nick Mason für seine wenigen Ansagen aufsteht und in den selbstverständlich ausverkauften Beethovensaal der Liederhalle blickt, sieht man ihm an, wie froh und dankbar er ist, dass sein Konzept aufgeht. Denn der mittlerweile 74-jährige Schlagzeuger hat anders als seine berühmteren einstigen Pink Floyd-Kollegen keine überbordende Live-Erfahrung als Solomusiker, noch sich dafür entschieden eine Hit lastige Nummernrevue oder Materialschlacht auf die Bühne zu bringen.

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

„Es soll auch nicht wie The Australian Pink Floyd klingen“, verriet er jüngst dem Deutschlandfunk ganz in diesem Sinne. Und tatsächlich spielen Mason und seine vier Mitstreiter am zehnten Todestag von Keyboarder Rick Wright ausschließlich Lieder aus dem Frühwerk der Band. Dabei handelt es sich um Songs aus den Jahren 1967 bis 1972, also der Phase vor The Dark Side of the Moon, als das eigensinnige Genie Syd Barrett  (bis 1968) Frontmann der Gruppe war und die sich schon andeutende Water’sche Gigantonomie noch in weiter Ferne lag. Dementsprechend taufte er sein ambitioniertes Projekt nach dem zweiten Pink-Floyd-Album Nick Mason’s Saucerful of Secrets.

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

War das zu großen Teilen männliche und in die obligatorischen Pink-Floyd- und Roger-Waters-Tour-T-Shirts gekleidete, etwas in die Jahre gekommene Publikum beim überzeugenden Auftritt der italienischen Singer-Songwriterin Emma Tricca, die gerade ihr Album St. Peter mit Gastmusikern wie der Folkikone Judy Collins und Steve Shelley von Sonic Youth veröffentlichte, im Vorprogramm unangenehm unaufmerksam, herrscht gegen 21 Uhr große Euphorie.  Eine psychedelische Klangcollage als hörbarer Trigger, dass das Konzert von Nick Mason bald los geht, sorgt für tosenden Applaus und gellend laute – aber wohl positiv-enthusiastisch gemeinte – Pfiffe. Zahllose Smartphones werden gezückt, einige werden gar nicht mehr herunter genommen. Dann betreten sie nacheinander die Bühne, Keyboarder Dom Beken, Gitarrist Lee Harris, der langjährige Pink-Floyd-Live-Bassist Guy Pratt und der als Hauptsongwriter und Leadgitarrist von Spandau Ballett sowie Schauspieler bekannte Gary Kemp. Nick Mason nimmt hinter dem Schlagzeug Platz und das Konzert beginnt mit einer infernalen, aber gekürzten Version von Interstellar Overdrive.

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Das Instrumentalstück vom Debütalbum The Piper at the Gates of Dawn gibt die Richtung des Abends vor. Mason, den der hervorragend aufgelegte Gary Kemp, später als „the heartbeat of Pink Floyd“ adeln wird, nutzt sein spätes Debüt als tourender Solokünstler nicht nur für eine erneute Würdigung der frühen Jahre seiner Band, sondern ganz entschieden auch für eine packende Hommage an Syd Barrett. Mason erinnert würdevoll an dessen verschrobenes, genuines Songwriting. Dieses pendelt zwischen psychedelischem Pop (Astrononomy Domine und See Emily Play), versponnenen Songskizzen und -miniaturen (etwa Arnold Layne und Bike) sowie eruptiven Geniestreichen wie dem geradezu protopunkigen Vegetable Man. Songs, die Mason und seine Band mit wunderbarer Bescheidenheit, aber umso energischer Improvisationsfreude spielen.  Gerade letztgenanntem Lied widerfährt auf diese Weise späte Gerechtigkeit. Schließlich kam es den Pink Floyd-Kollegen weiland 1967 so ungelegen, dass es keinen Platz auf dem Album fand. Barrett verließ kurz darauf, zusehends dem Wahnsinn verfallend die Band und verschwand schließlich von der Bildfläche.

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Man muss es Mason, der sowieso als das netteste ehemalige Pink-Floyd-Mitglied – zugegebenermaßen ist das nicht so schwer neben berüchtigten Egomanen und Galionsfiguren der antisemitischen BDS-Bewegung – gilt, hoch anrechnen, dass er das Konzert nicht zur großen Egoshow aufbläst, sondern das Frühwerk seiner Band in angemessener Weise präsentiert. Dass dies über weite Strecken überhaupt nicht museal geschieht, sondern mit großer Spielfreude ist ein großer Glücksfall. Dies wird bei dem sphärischen Psychedelic-Meilenstein Set the Controls For the Heart oft he Sun – mit Seitenhieb gegen den Komponisten Roger Waters und seine mangelnde Bereitschaft Verantwortung abzugeben (so habe er bei dem Stück immer darauf bestanden, den Gong eigenhändig zu spielen) – und dem wuchtigen Nile Song ganz besonders deutlich und tröstet auch darüber hinweg, dass ausgerechnet das ewig schöne Instrumental One of These Days etwas zahnlos daherkommt.

NICK MASON'S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Als Zugaben gibt es noch das naheliegende A Saucerful of Secrets und mit dem beschwingten, ein wenig an Lucy In the Sky With Diamonds erinnernden Popsong Point Me At the Sky, ein Stück, das Roger Waters einst als „notable failure“ bezeichnete, womit er wieder einmal wie in so vielen anderen Dingen falsch lag. Dass Nick Mason den eingangs gebrachten Vergleich mit Gilmour und Waters keineswegs scheuen muss, sondern mit seiner Band ziemlich viel richtig macht, hat er am Ende eines so kurzweiligen wie begeisternden 100-minütigen Konzert hingegen längst bewiesen.

2 Gedanken zu „NICK MASON’S SAUCERFUL OF SECRETS, 15.09.2018, Liederhalle, Stuttgart

  • 21. September 2018 um 10:41
    Permalink

    Habe die tatsächlich „Bike“ gespielt? Wow, superschräg.

    Heiland, und ich war verreist.

  • 21. September 2018 um 20:27
    Permalink

    Ja ja…auch Bike. Ein unfassbar geiles Konzert. Und ein zutiefst bewundernswerter Bericht. Bild & Text – perfekt.

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