TAMINO, Interview, 17.06.2018, Maifeld-Derby, Mannheim

TAMINO, 17.06.2018, Maifeld-Derby, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Tamino ist 20 Jahre alt, Sänger, Musiker und kommt aus Belgien. Das alles und noch viel mehr erfährt man in diesem kompakten Bericht aus dem Juni 2017. Die Fragen, die sich mir stellten, kurz nachdem ich die Anfrage für ein Interview mit Tamino Moharam Fouad im Rahmen des Maifeld-Derbys bekommen hatte und einen 15-minütigen „Slot“ zugewiesen bekam, lauteten:

  • Was soll ich fragen, was ein/e interessierte Leser/in nicht woanders schon nachlesen konnte?
  • Daran anschließend: Ist es denn in der heutigen Online-Welt noch sinnvoll, immer neue Interviews mit meist immer ähnlichen Fragen zu geben, wenn gleichzeitig ein Klick entfernt schon alles zu lesen ist?
  • Ist ein solcher Interview-Marathon mit getakteten Zeiten nicht nur der Versuch dem/der Künstler/in Aufmerksamkeit, im besten Falle Umsatz zu verschaffen?
  • Hab ich eigentlich eine Aufnahmefunktion auf meinem Smartphone?

Diese Fragen erscheinen profan, allerdings bin ich völliger Novize im Interview-Business. Unerfahrenheit schützt mich somit ganz gut vor dem Vorwurf der Naivität, denke ich.

TAMINO, 17.06.2018, Maifeld-Derby, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Vor dem Termin steht allerdings noch der Aufritt des Künstlers auf der in den Berichten zum Maifeld Derby schon viel gerühmten „Parcours d‘ Amour“-Bühne im Reitstadion des Maimarktgeländes zu Mannheim. Ganz in schwarz tritt er auf (Frage nach möglicher Bedeutung/Aussage) und fasziniert sehr schnell die anwesenden Zuhörerschaft. Gerade einmal vier Songs befinden sich auf seiner in diesem Jahr erschienenen EP „Habibi“. Doch diese kleine Auswahl reicht, um die Vielfalt des Belgiers aufzuzeigen. Das Titelstück – und der Abschluss seines Festival-Auftritts – ist eine Ballade, die nicht nur Dank des Titels an die Herkunft seines Vaters, Ägypten, erinnern (und deren ersten drei Töne an Bonnie Tylers „Total Eclypse Of The Heart“ erinnern). Vor allem in der Melodieführung des Refrains klingt dieser Einfluss an. Dabei zeigt sich ein weiterer Vorzug Taminos: ein erhebliches Spektrum in der Höhe und Tiefe seiner Stimme. In den tieferen Lagen und bei etwas poppigeren Songs, wie dem großartigen „Cigar“, kommt man kaum an einen Bezug zum ebenfalls aus Belgien stammenden Sänger Maarten Devoldere (Balthazar, Warhaus).

Während des Auftritts beginne ich allmählich zu zweifeln, ob Fragen nach der Bedeutung seiner Kleider-Farbe so passend sind. Tamino macht einen sehr ernsten Eindruck auf der Bühne. Konzentriert, ohne viel Ansprache an das Publikum, lässt er lieber seine intensiven Songs und seine ausdrucksstarke Stimme sprechen. Viel mehr als solche Allerweltsbeschreibungen sind irgendwie nicht drin. Zu sehr bin ich auf der Suche nach Anknüpfungspunkten in Musik und Text. Als es dann soweit ist, ergibt sich folgende Szenerie: Im abgeschirmten „Friends“- und Pressebereich sitzt Tamino auf einer Bierbank. Eben noch das Selfie mit der Interviewerin des vorigen 15-Minuten-Slots. Der Blick und die Haltung, wie sie auf einer Bierbank nach x Interviews halt so sind: Leicht gelangweilt und müde. Aus dem Zelt, das einen Steinwurf entfernt steht, dringen die ersten Takte der Eels. Kurzes Händeschütteln, dann mein Einstieg:

TAMINO, 17.06.2018, Maifeld-Derby, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

„Das ist tatsächlich mein erstes Interview überhaupt.“

Die Miene wechselt zu Verwunderung: „Wirklich? Dein erstes Interview?“

Damit sind die Fronten geklärt. Ob er nun gespannt ist oder plant, seinen Tourmanager an der nächsten Autobahnraststätte zurückzulassen, lässt sich nicht ganz erschließen. Also hinein in mein erstes Interview auf der führenden Seite.

Deine Musik klingt anders, als vieles, was ich sonst auf diesem Festival gehört habe. Hörst Du diese Einschätzung häufig?
In welcher Hinsicht anders?

Vielleicht ist es der Einfluss Deines Vaters, der aus Ägypten stammt?
Ich vergleiche meine Musik selten mit der Anderer. Ich denke, ich erschaffe etwas, das wirklich von Herzen kommt, mit viel Leidenschaft. Das könnte ein Grund sein, was Leute sagen lässt, es gäbe einen Unterschied.

Findest Du es seltsam, dass ich im Jahre 2018 als möglichen Grund für die Unterschiedlichkeit Deiner Musik als erstes den ägyptischen Einfluss genannt habe?
Natürlich haben meine ägyptischen Wurzeln etwas mit meiner Musik zu tun. Aber es ist nie eine bewusste Entscheidung, sondern ein ganz natürlicher Prozess. Wenn man sich das Album anhört, kann man das hören. Ich meine, falls ich überhaupt sagen kann, was meine eigene Musik ausmacht, ist es das: Ich mache keine Kompromisse, niemals.

Aber nehmen wir an, Dein Label kommt zu Dir und sagt: Hey, um Deine Musik besser zu verkaufen und noch größere Konzerte zu spielen, solltest Du dies oder jenes machen.
Nein, auf keinen Fall würde ich das machen. Ich erkenne die Bedeutung von z.B. Radio an und einige meiner Songs sind auf jeden Fall radio-kompatibel – was eine glückliche Fügung ist. Sprich, wenn es auf natürlichem Wege passiert, habe ich nichts gegen Erfolg. Aber wichtig ist dabei, dass ich mein Ding mache und nicht bewusst Musik für das Radio.

Thema Internationalität der Musik: Ist es nicht seltsam, dass man teilweise kaum Bands eines Nachbarlands kennt – in meinem Fall z.B. Tschechien oder Dänemark – obwohl wir in einer globalisierten Welt leben?
Ja, das ist komisch. Es ist bemerkenswert, dass alle die berühmten Bands aus den USA oder Großbritannien kennen, aber kaum jemand Bands aus Polen oder Russland. Das ist ja sicherlich nicht eine Frage der Qualität, sondern eine Frage der Stärke. Da spielt auch die Kolonialgeschichte eine Rolle: Großbritannien als frühere Eroberer der Welt. D.h. wenn es eine Band dort schafft bekannt zu werden, schafft sie es auch in der restlichen Welt.

Oder liegt es nicht vielleicht an der Ignoranz? Dein Großvater war ein in Ägypten berühmter Musiker und Schauspieler. Es gab vor kurzem einen neuen Film über die berühmteste Sängerin des arabischen Raums…
Umm Kulthum

…ja, von beiden habe ich zuvor noch nie gehört.
Nun ja, nehmen wir nochmals Großbritannien: Sie schauen hauptsächlich auf sich. US-Bands genießen natürlich noch Aufmerksamkeit. Aber was in Ägypten diesbezüglich passiert, interessiert die meisten nicht. Europäer sind da anders. Vielleicht nicht so anders, wie es möglich wäre. Aber einige Leute, mit denen ich spreche, kennen Umm Kulthum. Es gibt auch Begegnungen: Robert Plant hat sich viel mit ihr auseinandergesetzt und Led Zeppelin haben einmal mit ägyptischen Musikern zusammen gespielt. Aber es ist doch schon eher noch so, dass z.B. bei einem britischen Preis in der Kategorie „International“ einmal nur Amerikaner nominiert waren. Und ja, es gibt tolle Bands in allen Ländern. Aber auch ich kenne eigentlich kaum eine Band aus Deutschland.

Du hast schon einen gewissen Weg hinter Dir mit Deiner Musik bis zu dem Punkt, an dem Du nun bist. Letzte Frage: Was ist für Dich – Stand jetzt – das Schlimmste im Musik-Geschäft?
Das Schlimmste? (überlegt) Vielleicht die Vielzahl von beschissener Musik. Und der Umstand, dass es anscheinend nur noch eine sehr kleine Anzahl an Menschen gibt, die sich komplette Alben anhören – das ist beschämend! Erst wenn ich mir die Zeit nehme, ein Album zu hören, erkenne ich Details und kann mich vollständig auf die Musik einlassen. Und wenn teilweise keine Alben mehr veröffentlicht werden, ist das beschämend. Es ist, als würde man keine Bücher mehr veröffentlichen, sondern nur noch einzelne Texte und Passagen.

Im Herbst erscheint Taminos erstes Album, das sicherlich lohnenswert sein wird, komplett angehört zu werden.

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