JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Es ist ein milder Frühsommerabend im Mai, Lichterketten hängen in den Bäumen, Erdbeerbowle und eisgekühlter Prosecco werden gereicht. Passender könnte das Setting für Joel Sarakulas „Love Club“ wohl kaum sein. Zumindest nicht hier in Stuttgart-Heslach (gesprochen „Hääslach“), wo es an Sandstrand, Palmen und sanfter Brandung als ultimative Romantik-Szenerie halt einfach mangelt.

Wer wie ich aus den aufgeräumten Doppelkennzeichen-Suburbs stammt, hat dem Charme des urbanen Hinterhofidyll ohnehin nicht viel entgegenzusetzen. Und die Nachbarn töten einen nicht, wenn man am Sonntagabend nach neunzehn Uhr noch Lebenszeichen von sich gibt (Musik hören, lachen, atmen)? Im Gegenteil, hier kommen die sogar vorbei und grillen Würste mit. Ungeprüfte Behauptung: Die Großstadt bringt das Allerbeste in den Menschen heraus.

Toll, dass Fotografin Özlem sich noch spontan bereit erklärt, Bilder zu machen. Einen freien Parkplatz gibt es trotz Sonntagabend auch ganz in der Nähe für mich.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Als ich gegen acht Uhr ankomme, ist am Büffet schon viel Betrieb. Sommerlich gekleidete Besucher*innen und interessierte Nachbarskinder stehen in Smalltalk-Grüppchen herum bzw. wuseln durch die Gegend. Den Bühnenhintergrund bildet ein orange-roter Vintage-Wohnwagenanhänger, dahinter, einen Stock höher, lugt eine Dachterrasse mit Rosenbüschen hervor, am Baum ist ein Vogelhäuschen angebracht. Auch hartgesottene Ambiente-Skeptikerinnen müssen zugeben, schon ganz schön.

Diverse Freund*innen wollen noch begrüßt werden, während der Künstler am Bühnenrand letzte Feinjustierungen am Merch-Tisch vornimmt. Das Konzert heute Abend wird veranstaltet von InDieWohnzimmer, Gastgeber ist Jörg, der hier auch wohnt. Joel Sarakula hat hier auch schon einmal (oder öfter?) gespielt, allerdings drin und nicht Open Air, wie heute.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Vor einem Dreivierteljahr erst habe ich Sarakula zum ersten Mal bei einer privaten Veranstaltung live gesehen. Vorher gehörte er für mich zu den Namen, die so herum schwirren und auf die sich alle einigen können. Wahrscheinlich (sicher) war es der doof-schnöseligen Einstellung geschuldet, dass man aus Prinzip nicht sofort alles toll finden will, was die Anderen toll finden (ja, ja), dass ich mich mit der Musik von Sarakula erst einmal nicht näher befasste. Schön blöd, hätte ich die Schwärmereien der begeisterten Freundis lieber mal früher beachtet (2015).

Seit meiner letzten Begegnung mit Sarakula im Spätsommer 2017 ist einiges passiert. Das Album „Love Club“ ist mit wohlwollendem PresseEcho erschienen, im Moment läuft eine Europatour durch durchaus namhafte Clubs. Die Ausdauer, Euphorie und Spielfreude, mit denen Sarakula ans Werk geht, scheinen sich ausgezahlt zu haben.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Dazu kommen, und das ist natürlich das Entscheidende, eine Reihe großartiger Songs. Allen voran der (kleine) Radiohit „Northern Soul“, aber eben auch noch viele andere Stücke, die sich angenehm beharrlich weigern, einem aus dem Kopf zu gehen.

Özlem versucht, noch ein paar datenschutztechnisch einwandfreie Publikumsaufnahmen zu machen (Hände, Drinks, Salatteller, Stühle) und dann geht es um viertel vor neun los. Jörg begrüßt die Gäste und erläutert das übliche Prozedere, nämlich dass üppige Spenden willkommen sind und wie immer komplett der Band zugutekommen.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Bühne frei für Joel Sarakula am roten Nord-Stagepiano und seine Berliner Band Micha (Schlagzeug), Ritchie (Bass) und Alex (Gitarre). Das erste Stück ist „In Trouble“, eine soulige 60s-Midtempo-Nummer. Neben 60er-Soul ist das 70er/80er-US-Popduo Hall & Oates eine weitere musikalische Referenz, wie mir Musikfreund J. W. vor Konzertbeginn zuraunt.

Sarakula trägt stilechtes Siebziger-Jahre-Outfit mit überdimensionierter Brille, blonder Wallemähne, auffällig gemustertem Hemd und Goldkette. Wirkt an ihm absolut natürlich. Das zweite Stück ist das etwas ruhigere „Present Tense“ vom 2012er- Album „The Golden Age“.

„What’s the sound like?“, fragt Sarakula und dreht zwischendrin nochmal etwas an den Reglern. Das dritte Stück („When The Summer Ends“, 2015) wird als „funk song“ angekündigt und mit der Bitte verbunden, man dürfe auch gerne etwas näher kommen, und sich in die „funk area“ direkt vor der Bühne begeben. Dem wird gerne nachgekommen.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Der nächste Song, „Coldharbor Man“ nimmt Bezug auf die Straße Coldharbor Lane, in der Sarakula in London lebt. Neben der Bühne bereitet sich indes ein Special Guest vor. Für „We Used To Connect“ vom aktuellen Album hat Sarakula Alexander Mink (FOTL, Torben Denver) mit am Start, der als Querflötist souverän Akzente setzt*.

Noch beeindruckender Minks Einsatz beim nächsten Stück „Theme From The Love Club“ („It’s an instrumental, that doesn’t mean you can all talk“, warnt Sarakula das Publikum scherzhaft). Schwindelerregende Tonfolgen, vorgetragen, als ob es das Normalste von der Welt wäre und dann eben nicht aufdringlich oder posermäßig sondern bezaubernd und viel zu schnell vorbei. „Thanks to Alex on the lead flute and the backing flute“, verabschiedet Sarakula seinen versierten Gastmusiker fürs Erste.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Es folgt u.a. das entspannt groovende Discopop-Stück „Coney Island Getaway“ (live einer meiner Favoriten) oder das grandiose „Understanding“.

Wenn man Joel Sarakulas Songs hört, könnte man meinen, es sei das Einfachste von der Welt, ein Dutzend plus x radiotaugliche Hits aus dem Ärmel zu schütteln. Da kommt an keiner Stelle Langeweile auf, die Dramaturgie des Abends ist makellos.

Noch gar nicht erwähnt habe ich dabei den Gesang, der neben dem Songwriting ein weiterer dicker Pluspunkt auf der Habenseite ist. Weich und soulful, aber kräftig und akzentuiert an den richtigen Stellen.

Höhepunkt des Sets ist „Northern Soul“, das aber zwischen den anderen sehr überzeugenden Kompositionen viel weniger heraussticht, als ich erwartet hätte.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Natürlich muss es nach insgesamt fünfzehn regulären Stücken noch eine Zugabe geben. „I’m upgrading my drink“, erläutert Sarakula und tauscht die Sprudelflasche gegen Stuttgarter Hofbräu. Die Stimmung bei „Parisian Woman“ fängt Ö. mit einer Facebook-Liveschalte ein, in die sich H. von Brighton aus dankbar einloggt. The future starts here.

Zur Coverversion von „What Is Love“ (Haddaway) kommt Alexander Mink nochmal auf die Bühne. Eurodance mit Querflötensolo, zwei meiner Lieblingsmusikwelten vereint, dass ich das noch erleben darf. <3

„War ja fascht a bissle funky“, fasst meine Nachbarin fachmännisch zusammen. Joel muss noch Fanbilder machen, Merch an die Frau/den Mann bringen, abrechnen, Formulare ausfüllen und was sonst in einem Ein-Mann-Pop-Betrieb so anfällt. Das alles mit einer unerschütterlichen guten Laune und Engelsgeduld, dass es einem das Herz aufgehen lässt. Love Club Stuttgart – Mission erfolgreich.

JOEL SARAKULA, 27.05.2018, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

* Offenlegung: A. M. und die Verfasserin dieser Zeilen sind zsm.

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