THE ANATOMY OF FRANK, 28.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart
Auf jedem Kontinent ein Album produzieren, das nenn ich mal ein ambitioniertes Konzept. Genau diesen Plan verfolgen The Anatomy of Frank aus Virginia. Und den ersten Schritt haben sie bereits getan. „North America“ ist in zweijähriger Arbeit entstanden und die vier jungen Musiker präsentieren es im Rahmen einer kleinen Europa-Tour. Dass sie dabei auch im Stuttgarter InDieWohnzimmer landen, da habe ich sogar ein wenig meine Finger drin gehabt. Auf dem letztjährigen Iceland Airwaves Festival habe ich sie gesehen. Was auch fast unvermeidbar war, haben The Anatomy of Frank doch glatt fünfzehn Konzerte im Rahmen des fünftägigen Festivals gespielt. Mit ihrem zarten Folkpop, skurrilem Humor und vierstimmigem Harmoniegesang haben sie mich so begeistert, dass ich spontan ankündigte, im Falle einer Deutschland-Tour ein Wohnzimmerkonzert für sie anzuleiern. Lässt sich ja leicht so dahersagen, wenn man selbst gar nicht die geeigneten Räumlichkeiten hat.
Aber glücklicherweise gibt es ja in Stuttgart einen Ableger des InDieWohnzimmer e.V., und es war nicht allzu schwierig, Claudia und Christine für den Besuch vier junger sympathischer Musiker zu begeistern. Und man kann sich auch darauf verlassen, dass die Stuttgarter Wohnzimmer-Gemeinde selbst an einem trüben Mittwochabend mit gut vierzig Mann anrutscht.
Überraschung: Kyle und seine Mannen versuchen es ohne jegliche Technik. Unplugged im wahrsten Wortsinn. Da der Frontmann das Konzert solo eröffnet und ohnehin eher die leisen Töne bevorzugt, müssen alle mucksmäuschenstill sein, was dem Abend diese typische, intime Hauskonzert-Atmosphäre gibt. Ein Stimmwunder ist er nicht unbedingt, aber ein großer Entertainer, Bandleader und Witzereißer.
In der vollen Bandbesetzung geben die vier dann ihre fein arrangierten Songs zum Besten. Mit zwei Gitarren, einem notorisch stimmbedürftigen Banjo, einem Akkordeon, einer Melodica und einem Glockenspiel zaubern sie ihre federleichten Folksongs mit Einsprengseln von Country und Kammerpop auf die Bühne, dass es eine wahre Freude ist. Und die vierstimmigen Refrains zaubern immer wieder ein entrücktes Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer.
Da die Songs meist Orte in Nordamerika zum Thema haben, erzählt Kyle zu jedem eine kleine Episode und gibt Nachhilfe in Geografie – auf der Landkarte, die das Band-T-Shirt ziert. Wie er seinen Kumpel Max Bollinger kennengelernt und damals im Sommer 2011 die Band gegründet hat, wie die Karriere aber gleich ins Stocken kam, weil Max nach den Ferien wieder zur „Schule“ musste.
Ihr Set von knapp einer Stunde vergeht wie im Flug. Höhepunkte sind das vierhändig gespielte Glockenspiel und die Zugabe, in der The Anatomy of Frank das Publikum zu einem lautstarken, mehrstimmigen Gesangswettbewerb herausfordern, was den Abend in ausgelassener Partystimmung enden lässt. Mehr als ein Bier sollten wir nach dem Konzert aber nicht mehr trinken, mahnt Kyle mit erhobenem Zeigefinger, schließlich sei morgen ein Schultag.
In wenigen Tage steht wieder das Iceland Airwaves Festival an und es gibt diesmal immerhin zwölf Chancen für die vielköpfige Stuttgarter Delegation, die vier sympathischen Jungs aus Charlotteville, Virginia im Rahmen des gemeinsamen Lieblingsfestivals wieder zu treffen.