LAURIE ANDERSON, NIK BÄRTSCH & EIVIND AARSET, 22.05.2015, Reithalle, Karlskaserne, Ludwigsburg

Laurie Anderson

Foto: X-tof Hoyer

Freudestrahlend kehrt Laurie Anderson mit Nik Bärtsch und Eivind Aarset nach gut eineinhalb Stunden Performance noch einmal auf die Bühne der Reithalle auf dem Gelände der Ludwigsburger Karlskaserne zurück: Mit einer Zugabe war freilich nicht zu rechnen, umso frenetischer fällt der Applaus aus, der den außergewöhnlichen Musikern entgegenschlägt. Anderson, die Grande Dame der Pop-Avantgarde, der Zürcher Jazzpianist Bärtsch und der norwegische Gitarrist Aarset mit seinem Hang zu elektronisch geprägten Jazz haben mit ihrem – nach einem Konzert im Stuttgarter Kunstmuseum am Vortag – zweiten und wohl auch letzten gemeinsamen Auftritt in dieser Konstellation Großes geleistet.

Das Publikum wird Zeuge eines ambitionierten Avantgarde-Spektakels, eines exklusives Konzerts, das Hörgewohnheiten auf die Probe stellt und einen begeistert zurücklässt. Ohnehin sind Gastspiele der New Yorkerin Anderson hierzulande ausgesprochen rar. 2009 verpasste ich ihr legendäres Konzert mit Lou Reed in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Ihren inzwischen verstorbenen Ehemann sah ich zwei Jahre später schließlich in London, sie selbst nun nach über einer halben Dekade zu einem Abend zwischen Begeisterung und Melancholie, zwischen Avantgarde-Pop, Jazz und Klassik.
Die international ausgerichteten Schlossfestspiele Ludwigsburg haben sich längst den Ruf eines aufregenden Pflichttermins im Musikkalender des Stuttgarter Großraums erarbeitet. Die Festspiele vereinen Klassik, Jazz und Pop mit einem Programm, das mit dem Unwort Crossover keinesfalls angemessen zu erklären ist.

Laurie Anderson

Foto: X-tof Hoyer

Die fantastische Song Conversation ist die vielleicht spannendste Eigenproduktion. Hierbei treffen drei Musiker aus unterschiedlichen Genres aufeinander und kommunizieren auf der Bühne mittels ihrer Stücke. Deutlicher lässt sich die kulturstiftende Kraft der Musik kaum greifbar machen. Diese Unterhaltung lebt von den heterogenen Grundvoraussetzungen und den unterschiedlichen musikalischen Kontexten, denen die Protagonisten entstammen. Seit 2010 haben sich Künstler wie Brad Mehldau, Joe Henry und Bill Frisell (2010) oder Rebekka Bakken, Till Brönner und Dieter Ilg (2014) auf das Konzept eingelassen. Dass in diesem Jahr zwei großartige Virtuosen um die New Yorker Ikone Laurie Anderson gefunden wurden, ist ein absoluter Glücksfall. Zuvor jeweils nur mit Eivind Aarset persönlich bekannt, lernten Laurie Anderson und Nik Bärtsch sich erst anlässlich der geplanten Konzerte kennen. Für die zwei Abende im Rahmen der Schlossfestspiele hat sich ein gleichberechtigtes Trio gebildet, dessen Auftritt formvollendet lehrt, wie die grenzübergreifende Funktion von Musik per se aus ihrem Entstehen selbst zustande kommt.

Das Konzept geht blendend auf: Vor einem aufmerksam lauschenden Kulturpublikum verschmelzen einzelne Stücke aus dem Werk der individuellen Akteure mit gemeinsam anlässlich des Festivals Komponiertem zu einem homogenen Ganzen. Die instrumentale, Walking Into A Song genannte Eröffnung weist den Weg des Abends. Der 54-jährige Norweger Aarset, der einst mit Ray Charles spielte, glänzt mit einer vorsichtig eingesetzten E-Gitarre, deren Klang sich zunehmend gen elektronischen Klangexperimenten nahezu krautig verschiebt. Laurie Anderson spielt verstärkte Violine, nimmt den ganzen Saal mit beeindruckender Präsenz für sich ein, während Nik Bärtsch als gewiefter Jazzpianist brilliert, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Laurie Anderson

Foto: X-tof Hoyer

Modul 42, komponiert von Nik Bärtsch, schließt unmittelbar an. Laurie Anderson ist nun ganz in ihrem Element. Eine stilvolle, jugendliche Erscheinung – obschon fast 68 – ist die ungemein charismatische New Yorkerin mit ihrem berühmten Bürstenhaarschnitt im weiten Karohemd. Mit angenehmer Stimme zeigt sie sich als Dichterin, die in bekannter Spoken Word Poetry Tradition das musikalische Intermezzo zwischen Bärtsch und Aarset lyrisch unterbaut. Flow von ihrem letzten – unter anderem von Lou Reed produzierten – Studioalbum Homeland (2010) ist ein betörendes Instrumentalstück, das im Zusammenspiel mit den Virtuosen an Gitarre und Klavier und ihrem eigenen mitunter schiefen Violinspiel einnimmt und in eine Gemeinschaftskomposition übergeht: Black Science, geschrieben von Aarset und Anderson nimmt den musikalischen Grundgedanken auf, bevor durch ein gänzlich unsentimental vorgetragenes Lou-Reed-Cover der emotionale Höhepunkt des Konzerts erreicht wird. Einen berührenderen Nachruf, als jenen, den Anderson 2013 über ihren verstorbenen Ehemann und besten Freund verfasste, kann man sich kaum denken. Ihre Interpretation des großartigen Titeltrack Magic And Loss (The Summation) von Reeds unterschätztem 1992er Album schließt an dieser Stelle an. Es ist eine aufrichtige Würdigung voller Liebe und anerkennender Wertschätzung für den Künstler und Menschen, damit quasi ein weiterer Nachruf, dessen Wirkung durch die eindringliche Vehemenz des Vortrags unterstrichen wird:

They say no one person can do it all / But you want to in your head / But you can’t be Shakespeare and you can’t be Joyce / So what is left instead.

Bärtsch schmückt den Song mit perkussiven Elementen aus, Anderson schaut über die aufsteigenden Zuschauerreihen hinweg. Die auf der Bühne verteilten Teelichter sorgen für heimeliges Flackern. Mit bedrohlicher Stimme und auf Deutsch schlüpft die 67-Jährige nun in die Rolle der Märchenerzählerin, adaptiert die Geschichte von Hänsel und Gretel in Fortschritt als faszinierende Zeitgeistkritik. Alban Bergs Vertonung von Friedrich Hebbels Schlafen, schlafen, nichts als schlafen passt in der Folge ausgezeichnet.

Laurie Anderson

Foto: X-tof Hoyer

Mit Langue D’Amour und vor allem mit den in einander übergehenden The Birds und Leonard Cohens Bird On A Wire endet der Abend mit fantastischen Momenten. Anderson stellt mit ihrer Spoken Word Version Cohens Ausnahmestellung als Dichterfürst des Pops heraus, während Bärtsch und Aarset das wohlvertraute Stück Popgeschichte mit unerwarteten Wendungen versehen. Nach andächtiger Stille folgt tobender Applaus, der eines beweist: Die Zuschauer sind den Akteuren auf der Bühne bis zuletzt aufmerksam gefolgt, waren zufrieden lauschende Zaungäste einer spannenden Konversation großer Musiker, die in dieser Form so einmalig wie spektakulär ausgefallen ist.

Ein Gedanke zu „LAURIE ANDERSON, NIK BÄRTSCH & EIVIND AARSET, 22.05.2015, Reithalle, Karlskaserne, Ludwigsburg

  • 28. Mai 2015 um 21:07 Uhr
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    Großartig, Jens! Eine wunderbar faktenreiche Würdigung eines tatsächlich einmaligen Events.

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