DIE NERVEN, ANGELO FONFARA, 06.02.2014, Schocken, Stuttgart

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Steffens geile Bilder bringen es auf den Punkt. Kühl, blau. Restlichtverstärkt aus dem Nachtdunkel. Voll von unserem schrulligem Leben.

Irgendwo im kleinen Stuttgart passiert etwas, das langsam Beachtung findet. Ganz schön viele sind gekommen, um beim Release von „Fun“ dabei zu sein.

Die Erwartungen sind groß und die Beatbox im Schocken zu klein: Ganze Gruppen stehen auf der Treppe. Halb zehn waren die 80 Tickets ausverkauft.

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Nervosität liegt in der Luft. Die Nerven sprechen sich rum. Lange kann das nicht mehr gut gehen mit diesen perfekten, kleinen Club-Shows.

Seit der Spiegel „Fun“ als „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“ bezeichet hat, gehen die Vorbestellungen rauf.

Danach wird vermutlich nichts mehr bleiben, wie es war. Und Die Nerven kann sich keiner in einem großen Laden vorstellen.

Denn die Band lebt von ihrer Unmittelbarkeit, von der Nähe und Enge. Und vom schrulligen Ambiente. Hier, auf dem Filmwinter oder dem ESxSW.

Die Release-Show wird sogar live übertragen: An jemanden namens Bea. Über iPhone. Von der angetrunkenen Blonden an der Bar.

Dabei muss man die Band live sehen. Da kommt auch die neue Platte nicht ran. Da kann Wigger im Spiegel schreiben, was er will.

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Ich weiß gar nicht so genau, was da musikalisch los ist: Wie kann man eigentlich eingängig und nicht eingängig zugleich sein?

Hier trifft Wave Punk auf Noise Rock mit jeder Menge Post Rock-Einflüssen. Am ehesten noch das in der Mitte. Es ist LoFi. Und laut.

Am Anfang kommt aber noch Angelo Fonfara. Musikalischer Alleinunterhalter mit Sequenzer-Dub-Glitch und Noise-Gitarre an deutschen Texten.

Was an abgedrehten Tonschnippseln aus dem Sequenzer kommt, ist rhythmusorientiert aber verspielt ohne übergeordnete Struktur.

Die Gitarren dazu mal noisig, mal melodiös und komplex. Meist ersteres. Dazu geht Angelo tierisch ab und wirft auch mal mit Equipment um sich.

Beim Publikum kommt er gut an. Mit Zugabe. Und Jonas (Eau Rouge) lobt den guten Sound (auch wenn einer der Lautsprecher gesponnen hat).

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Ich weiß auch gar nicht so genau, was da textlich los ist: Wie die so absurd einfach (einfach absurd) und aussagekräftig zugleich sein können.

Diese Texte scheinen es auch zu sein, welche die hier, in der Dresden Bar oder auf dem ESxSW beobachtete Stuttgarter Szene zusammen halten.

Das Rezept: Nimm eine einfache Aussage („Ein U-Bahnfahrer hat kein Navigationssystem …“) oder eine absurde („… und er kennt auch nicht die Route“).

Dann zwinge durch Kombination beider zum Nachdenken: („Ich stehe abends auf und gehe morgens schlafen. Wolken versperren die Sicht.“).

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Aber damit sind wir schon wieder bei den Nerven. Die sind LoFi statt HiFi (wie Angelo), aber bei allem Geschrei irgendwie melancholischer.

Vor allem aber sind die Nerven mehr von allem. Mehr Einflüsse, mehr Dynamik, mehr Tempo, mehr Aggression, mehr Schweben. Mehr als auf Platte.

Die Stücke werden live ausgewalzt. Abstimmung per Blickkontakt. Stücke wie „Eine Minute Schweben“, zeigen unsere Fotos, sind ein Schlachtfeld.

Bei „Hörst Du mir zu?“ gilt das noch mehr, während Steffen vor der Bühne versucht, beim Fotografieren keinen Finger zu verlieren, wie Max vorschlägt.

Eigentlich sagt er das erst vor der Zugabe: „Stuttgart Kaputtgart“ von Ätzer 81 als letzte Chance für die Tanzwütigen.

Am Ende sagen Flo (Human Abfall) und unser Tox fast das Gleiche: „beste Nerven-Show“. Steffen, X-tof und alle anderen sind auch begeistert. Gut so.

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Die Nerven wollen nicht schön sein oder gefällig. Das Wortspiel im Namen ist kein Zufall. Vielmehr gefallen sie sich darin nicht zu gefallen.

Und das ist auch gut so. Man muss kantig bleiben. Und weil Die Nerven live kantiger sind, müssen sie klein bleiben – auf Club-Show-Level.

Auf der anderen Seite gönnt man ihnen ja den Erfolg. Auch weil im kleinen Stuttgart eben viel passiert. Nicht nur mal, nicht nur etwas.

„Wenn Du zum Denkmal erstarrst, machst Du Dich unsterblich“, singen sie. Doch es geht nicht um Unsterblichkeit, es geht um unser schrulliges Leben.

Das geht nur ohne Stillstand und Erstarrung. Und Stillstand gibt’s hier daher auch nicht, so wenig wie auf Steffens Bildern. Nur Bewegungsunschärfe.

DIE NERVEN + ANGELO FONFARA, 06.01.2014, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

2 Gedanken zu „DIE NERVEN, ANGELO FONFARA, 06.02.2014, Schocken, Stuttgart

  • 8. Februar 2014 um 20:27 Uhr
    Permalink

    Auf den Punkt gebracht.

  • 8. Februar 2014 um 22:00 Uhr
    Permalink

    Verdammt früher Aspirant für Konzert/Erlebnis/Bilder/Bericht 2014.

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