KING ROCKO SCHAMONI, 09.08.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Rocko Schamoni in den Wagenhallen

Foto: Michael Haußmann

Punkt einundzwanzighundert locken sirenengleich weiche Playback-Damenstimmen King Rocko Schamoni auf die Bühne. Er lässt sich nicht lange bitten, denn pünktlich beginnen – das ist echter Punk! Das erwarten die geschätzten 300 überwiegend bürgerlichen Zuschauer in den Wagenhallen beileibe nicht.

Das ist Euer Applaus, von Euch, für Euch!

Zur Einstimmung liest Rocko aus seinem Roman „Tag der geschlossenen Gesellschaft“ eine Kolumne, die der Roman-Antiheld Michael Sonntag verfasst: Ein Marketingtext für Hamburg wird durch absonderliche Gewaltphantasien konterkariert. Harter Einstieg, quasi Humorprobe.

Hier herrscht Rauchverbot. Ich steck mir erst mal eine an, denn ich muss rauchen, gegen… gegen AIDS.


Rocko Schamoni in den Wagenhallen

Foto: Michael Haußmann

Da sitzt also ein Mittevierzigjähriger allein auf der Bühne, kredenzt bayrischen Sekt und lacht sich kaputt über seine albernen, spontan wirkenden Witze, über seine kruden Texte, über sich selbst. Durchironisiert, lakonisch, keiner offensichtlichen Regel folgend. Das ist so weit entfernt vom pointenvorhersagbaren RTL-Comedy-Pro7-Quatsch, dass es eine Wohltat an den Menschen ist. Und deshalb sind Rocko Schamonis Fans heute Abend hier.

Um das hier einordnen und genießen zu können, ist es ungemein hilfreich, Vorkenntnisse über den anwesenden Künstler zu haben. Schamoni, dessen Personalausweisname Tobias Albrecht lautet, ist Teil des Hamburger Humoristentrios Studio Braun, erzeugte mit dessen Mitgliedern Heinz Strunk und Jacques Palminger die fantastische Mockumentary „Fraktus“, schrieb mehrere Romane, u. a. das Coming Of Age „Dorfpunks“, in dem er seine Jugend in Lütjenburg, einem Kaff in Schleswig-Holstein beschreibt. Das Buch wurde ebenfalls als Theaterstück und als Film umgesetzt. Hierzu eine Empfehlung: Film anschauen und danach noch mal anschauen mit Audiokommentar vom Regisseur und Autor = Schamoni – sehr erheiternd und sehr aufschlussreich! Nebenbei oder hauptsächlich, das wechselt, macht er Musik. Zwischenzeitlich hat er außerdem den Golden Pudel Club in der Hafenstraße in Hamburg betrieben. Weil die deutsche Sprache für ein so diversifiziertes Schaffen keinen Berufsbegriff kenn, wird im Englischen gewildert und heraus kommt: Entertainer. Wahnsinn.

Ich lasse Pausen, das ergibt den subjektiven Eindruck eines Rockkonzerts, dabei ist das hier ja nur Buchstabenpolonaise.

Tatsächlich wird der Abend segmentiert: Zusammen mit Studio Brauns viertem Gründungsmitglied Tex Matthias Strzoda wird abwechselnd zur Lesung im sog. „Rockblog“ zu Akustikgitarren und Beat gesungen. „Mauern“, „Leben Heisst Sterben Lernen“ usw. Beim Song „Weiter“ raunt mir Hamburg-Humor-Experte Lino zu, dass das hart nach Blumfeld klänge. Kaum gesagt, meint Schamoni, dass das hart nach Distelmeyer klang, wäre aber nicht so gemeint, kam nur so raus.

Rocko Schamoni in den Wagenhallen

Foto: Michael Haußmann

Strzoda hat u. a. für Andreas Dorau Songs geschrieben und unter dem Namen Californiae den Song „Tasse Kaffee“ produziert. Der Song ist der Soundtrack zum Katerfrühstück. Ich kenne das Stück seit zehn Jahren und erst jetzt im Rahmen der Recherche kapier ich, wer dahinter steckt – Erlösung. Zurück zum Geschehen:

Die Mischung aus extrem lustigen Albernheiten wie z. B. mit dem PorNo-Beerper, den es für 49,90 € bei Conrad Elektronik gäbe und der die schlimmen Wörter des nächsten Textes wegbeepen soll, was natürlich nicht funktioniert, und den vordergründig spaßigen aber eigentlich melancholischen Songs ergeben einen ganz eigentümlichen Tiefgang, der lange haften bleibt. In der Sendung „Zimmer frei“ sprach Schamoni relativ offen mit Christine Westermann über depressionsartigen Stimmungsphasen. Humor als Waffe gegen Mme Tristesse. Dazu passend, aber nicht unmittelbar in Zusammenhang stehend:

Zum Ende des Abends lassen Rocko und Matthias das Publikum Und die Sonne geht auf, und die Erde geht unter singen. Was will man mehr?!

Rocko Schamoni in den Wagenhallen

Foto: Michael Haußmann

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