MARCOS VALLE, 12.07.2013, Karlstorbahnhof, Heidelberg

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Foto: Michael Haußmann

Die Gelegenheit mal wirklich einen ganz Großen live zu sehen, jemanden, dessen Werk man wirklich verehrt, die sind nun wahrlich nicht häufig. So Typen, die in den 60ern mit „The Face I Love“, „Batucada“ und „Summer Samba“ dem Bossa Nova weltweite Pop-Hits bescherten, die in der ersten Hälfte der 70er ein großartig orchestriertes Brazil-Pop Meisterwerk nach dem anderen veröffentlichten, und die sich auf Hollywood Parties mit Marlon Brando anlegen mussten, weil der in angesoffenem Zustand sich an die verheiratete Liebste ranmachte.

Marcos Valle wird dieses Jahr noch 70, feiert zudem sein 50jähriges Jubiläum auf Musikbühnen, und heute dürfen wir ihn tatsächlich live sehen. Dass seine Musik, im Gegensatz zu den End 90ies, heutzutage nicht als hip angesehen wird, mag erklären, warum der Karlstorbahnhof nicht aus allen Nähten platzt, als so gegen halb zehn Marcos Valle sein Konzert beginnt.

Es braucht wirklich nur wenige Takte, und Kollegin Madame Psychosis samt unseren anderen Freunden, und eigentlich jeder im Saal, wissen, dass das hier ganz großartig werden wird. Der Sound ist perfekt, die Mitmusiker unfassbare Könner, und die Arrangements und die Songs sowieso ganz wunderbar.

Nach einem instrumentalen Intro kommt gleich das fantastische „Garra“, wozu sich noch Marcos’ bezaubernde Frau als Sängerin zu Bass, Gitarre und den zwei Bläsern hinzugesellt. Das mir unbekannte „A Paraíba Não é Chicago“ aus den 80ern wird genau so mitreißend präsentiert. Es ist diese, für mich unwiderstehliche Mischung aus hoch rhythmischem und melodischem Brazil-Pop, der mitsamt den perfekt arrangierten Bläsern und einer wahnsinnig sympathischen und zurückhaltenden Bühnenpräsenz aller Musiker, die den Abend zu einem einzigen, nicht enden wollenden Highlight werden lässt.

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Foto: Michael Haußmann

Exil-Italienerin Delia bemerkt gleich richtigerweise, dass sie nun versteht welcher Musik unsere Heroen Fitness Forever und Giorgio Tuma in ihren Werk zu Teilen bewusst und unbewusst huldigen. Kein Zufall auch, dass Elefant Records Chef Luis Calvo Besitzer der ganz großen Marcos Valle Platten-Box ist. Großer Pop, der in seinem musikalischen Anspruch den Jazz streift, der wunderbare Bilder einer idealisierten 60er-/70er Vergangenheit evoziert, und den nur Banausen als Fahrstuhlmusik bezeichnen können.

Marcos Valle steht derweil top da, und spielt virtuos Rhodes-Piano, Synthi oder E-Piano. Gute Musik und viel Surfen in Ipanema halten eben jung. Heimlicher Star ist indes der Schlagzeuger. Aussehenstechnisch irgendwo zwischen einem Melonenverkäufer aus meinem Apulien und jemanden aus der Soprano-Gang angesiedelt, kann der Mann einfach alles, und das ganz locker. Zusammen mit dem Bassisten bilden die beiden ein bombenfestes Fundament, und in den kurzen, in den Songs eingebetteten Solo-Parts brennt der Drummer ein Feuerwerk ohne gleichen ab, welches das Publikum zu Ovationen hinreißt.

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Foto: Michael Haußmann

Im ersten Drittel des Konzerts gesellt sich nun auch Lucas Santtana dazu. Ein brasilianischer Musiker der jungen Garde, der nun zusammen mit der Band und Marcos Valle drei eigene Stücke präsentiert. Interessant, da die Musik Santtanas merklich „modernere“ Einflüsse hat, und etwas ruhiger, melancholischer ist, aber die Genre-Offenheit von Marcos Valle beibehält. Schwer zu beschreiben, wie man das nennen könnte, aber hochinteressant ist das auf jeden Fall, und stellt auch keinen Bruch im Ablauf des Abends dar.

Dieser Teil des Konzerts wird mit einer gemeinsamen Version von dem Überklassiker „Samba De Verao (Summer Samba)“, mit fantastischen Bläser-Arrangements natürlich, abgeschlossen. Danach kommen mit „Mentira“, „Cricket Song For Anamaria“, „Freiro Aerodinamico“, „Parabens“ sowie einem Stück im vertrackten Baião-Rhythmus weitere Höhepunkte für die persönliche Konzert-Lebensbiographie. Die Rhythmen lassen uns unentwegt tanzen, die Bläser-Arrangements lassen die Seele frohlocken, der sichtliche Spaß am Spielen von Marcos Valle rührt uns zu Tränen.

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Foto: Michael Haußmann

Keine Frage, dass das völlig aus dem Häuschen geratene Publikum Zugaben will, und diese auch auf portugiesisch einfordert. „Batucada“ zieht uns das glückselige Grinsen im Gesicht noch ein Stück weiter Richtung Ohren. Aber auch das reicht uns nicht, so dass die Band noch einmal zurückgerufen wird, und das im Set schon mal gespielte „Estrelar“ darbietet. Ein Song, der vor allem in seiner Live-Fassung noch einmal alles aufbietet, was Valles Musik auszeichnet, der uns überglücklich in die Nacht entlässt, unserem nächsten Marcos Valle Konzert entgegenfiebernd.

2 Gedanken zu „MARCOS VALLE, 12.07.2013, Karlstorbahnhof, Heidelberg

  • 16. Juli 2013 um 17:40
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    Ich war auch da. Es war großartig. An Power, Sound und Nähe zum Geschehen kaum zu toppen. Dann die Musik, die in die Beine und das Herz gleichermaßen ging. Ein unvergesslicher Abend mit einem fantastischen Künstler.

  • 17. Juli 2013 um 13:26
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    Definitiv ein denkwürdiger Abend!! Sehr empfehlenswert sind die Re-Issues seiner 70 Alben, wobei leider das 1974er Album fehlt, mit dem schönen Meu Heroi.
    @Stefan: Du bist nicht zufällig einer der beiden Freiburger, mit denen wir uns vor dem Konzert unterhalten haben, oder?

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