JOSH VON STAUDACH: PENNY LANE AND SURROUNDINGS, 02.06.2013, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Meine früheste musikalische Erinnerung (die mütterlichen Wiegenlieder mal ausgenommen) sind die Beatles. Als Pennäler saß ich jeden Mittag am Radio und hoffte, dass ein Beatles-Song gespielt würde. Mit dem Kassetten-Rekorder wurden die seltenen Ausstrahlungen aufgezeichnet, mit Mitschülern ausgetauscht und so bekam ich nach und nach eine ansehnliche Sammlung zusammen. Vermutlich wurde hier der Grundstein für meine Musik-Leidenschaft – die mich dann letztlich zum Gig-Blog geführt hat – gelegt. Jedenfalls hat sich jeder dieser Songs – zusammen mit den Texten und Illustrationen aus dem Beatles Songbook – tief in mein musikalisches Gedächtnis eingeprägt. Penny Lane, Abbey Road, Strawberry Fields: das waren für mich magische Begriffe, ohne dass ich damals ahnte, dass sich dahinter echte, meist recht profane Orte verbergen.

Foto: Michael Haußmann

Vermutlich hat der Stuttgarter Fotograf Josh von Staudach eine ähnliche musikalische Sozialisation erfahren. Er hat allerdings all diese Orte – und noch viele mehr – 2010 im Rahmen einer England-Reise besucht und fotografiert. Einen Teil des 52 Bilder umfassenden Zyklus zeigt er  im Theaterhaus und eine große Schar von Beatles- und Foto-Fans haben sich zur Vernissage eingefunden.

Und wer glaubt, schon alles über die Beatles zu wissen, darf sich heute eines besseren belehren lassen. Schon im pointenreichen Einführungsvortrag von Andreas Langen wird ein Füllhorn von Beatles-Facts ausgeschüttet. Und die Bilder selbst dürften auch für profunde Kenner der Fab Four viel neues bringen. Oder wer kannte vorher die Haltestelle, an der der Bus zur Magical Mystery Tour abgefahren ist? Oder den Saal, in dem die Kartenspiel-Szene für „Help“ gedreht wurde? Oder die Tatsache, dass der Londoner Marylebone-Bahnhof in „A Hard Day’s Night“ sowohl für die Ankunftsszene als auch für die Abfahrt in Liverpool als Kulisse verwendet wurde?

Josh von Staudach fotografiert 360-Grad-Panoramen. Seine Bilder heben sich von denen anderer Fotografen dieses Genres allerdings durch extreme Perspektiven und hochpräzise Detailbearbeitung ab. Die auf die plane Fläche gebrachten Rundum-Fotos bringen fast immer ein Detail extrem in den Vordergrund während der Rest der breitbandigen Bilder mit perspektivischen Verzerrungen und Krümmungen eine ganz besondere Dynamik bekommt. Das wirklich spannende daran: spezielle Orte, die wir aus einer besonderen Perspektive kennen, wie zum Beispiel der berühmte Zebrastreifen in der Abbey Road, werden dadurch in den 360-Grad-Kontext gesetzt. Die gesamte Umgebung ist zu sehen, quasi der Raum hinter dem Fotografen, der berühmte Ort wird fast zur Nebensache.

Zu jedem der ausgestellten Bilder werden auf Texttafeln gründlich recherchierte Hintergrundinformationen und liebevoll ausgewählte Anekdoten präsentiert. Es ist wohl das erste Mal, dass ich bei einer Ausstellung wirklich jeden Text gelesen habe.

Foto: Michael Haußmann

Als musikalische Umrahmung für die Vernissage wurde die Cover-Band The Appleseeds angekündigt und ich hatte so meine Befürchtungen. Coverbands an sich sind ja schon eine heikle Angelegenheit (und für den Gig-Blog eigentlich auch nicht unbedingt einen Bericht wert). Und wer sich dann auch noch an den Beatles versucht, der riskiert grandioses Scheitern. Aber siehe da: die Appleseeds sind gut. Sogar sehr gut. Jenseits aller peinlichen Nachahmung. Die Band, fünfköpfig (!) und mit einer Frau (!!) an Gitarre und Backing Vocals, versucht gar nicht, möglichst exakt wie die Beatles auszusehen und zu klingen. Und das ist gut so. Auch die Song-Auswahl – eher aus dem Spätwerk, das die Beatles ohnehin nicht mehr live gespielt haben – ist gelungen. Es wird zwar nah am Original intoniert, aber kleine Freiheiten hier und da machen daraus einfach richtig gute Live-Musik.

Foto: Michael Haußmann

Ich nutze den musikalischen Vortrag als Background für den Ausstellungs-Rundgang. Und die Kombination aus Songs und Bildern bereitet immer wieder echte Gänsehaut-Momente. In der Zugabe spielen die fünf dann auch noch das unwiderstehliche Dear Prudence. Großartig.

Here Comes The Sun: ein wunderbarer Sonntag-Vormittag. Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. September wird hiermit nachdrücklich empfohlen. Fast alle Bilder gibt es übrigens auch als interaktive Rundum-Panoramen auf der Website von Josh von Staudach zu sehen. Die optimale Ergänzung zur Ausstellung.

2 Gedanken zu „JOSH VON STAUDACH: PENNY LANE AND SURROUNDINGS, 02.06.2013, Theaterhaus, Stuttgart

  • 3. Juni 2013 um 12:34
    Permalink

    Holger: Eine schöne Betrachtung, gut, darüber aufm Gig-Blog zu lesen. Coverbands: Siehe Australien Pink Floyd Show – Eine Gradwanderung.

    Michael: Ein „gefundenes Fressen“ für Deine Kunst, sehr schön!

  • 4. Juni 2013 um 10:31
    Permalink

    Die gezeigten Fotos laden zu einem Besuch ein. Ich werde auf jeden Fall die Ausstellung besuchen, da mich Rundum-Panoramen faszinieren. Mich würden auch Infos zu weiteren Ausstellungen interessieren.

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