THE JOY FORMIDABLE, 03.02.2013, Zwölfzehn, Stuttgart

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Foto: Steffen Schmid

Glückliches Stuttgart: in einem so intimen Rahmen wie im lauschigen Zwölfzehn kann man The Joy Formidable wohl auf keinem Date ihrer Europa-Tournee sehen. Vor dem Laden parkt jedenfalls ein Monstrum von Nightliner, der auf seiner Reise noch vor weit größeren Läden stehen wird. Vor dem E-Werk in Köln, dem Knust in Hamburg oder gleich drei Tage in Amsterdam vor dem Paradiso und dem Melkweg. Kurzum: Heute ist eine Band zu Gast, die eigentlich größere Hallen gewohnt ist. In England sind die drei Waliser ein großes Ding, haben die großen Bühnen und Festivals wie das Glastonbury gespielt und wenn das Sprichwort „Glanz in die Hütte bringen“ eine Berechtigung hat, dann hier und heute.

Als wir kurz vor neun den Laden betreten, läuft bereits die Brühe an den Fenstern herunter, drinnen ist es so voll, wie wir es hier noch nicht gesehen haben. Bis in den letzten Winkel steht das erwartungsfrohe Publikum und applaudiert gerade dem letzten Titel des Support Acts We Are Animal. Nun müssen wir uns – im Sinne einer hautnahen Berichterstattung, und um Sängerin Ritzy auch ganz aus der Nähe sehen zu können – noch schnell einen Platz in der ersten Reihe sichern.

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Foto: Steffen Schmid

Und wir sehen: den lustigen Versuch, ein großes Equipment auf allerkleinstem Raum unterzubringen. Vor der Bühne hat einer der Roadies sein Gitarren-Servicecenter aufgebaut. Die Rückwand ist flächendeckend mit Verstärkern vollgebaut und am rechten Rand steht (schon halb im „Backstage“-Bereich) das opulente Schlagzeug von Matt Thomas. Dahinter noch der Backline-Mischer mit seinem Pult. Alles mit dem Ziel möglichst viel Bewegungsfläche zu schaffen, denn die wird noch gebraucht. (Das Setting erinnert mich übrigens an das Konzert der Shoegaze-Legende Ride im Schützenhaus anno 1992, wo man extra ein Zelt mit Verbindungsgang aufbaute, aus dem immer wieder neue Gitarren hereingereicht wurden) Das riesige Backdrop und die Visuals hat man jedenfalls gar nicht erst ausgepackt und so kommen zu Unterstützung der Lichtanlage nur einige kleine, aber sehr wirkungsvolle LED-Balken hinzu.

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Foto: Steffen Schmid

Kurz nach halbzehn werden dann die drei Musiker hinter der Bar zur Bühne durchgeschleust, und wir stellen erstmal fest: Ritzy Bryan sieht einfach toll aus. (fraglich, ob sie angesichts ihrer Größe und der niedrigen Bühne überhaupt aus den hinteren Reihen gesehen wird) Im schicken Minikleid tritt sie auf, mit schwarzen Strumpfhosen und Turnschuh-Creepers. (Bin beileibe kein Modeblogger, hier wäre sachkundige Kommentare gewünscht) Jedenfalls ist sie das Markenzeichen des Band. Mit ihrem unverkennbaren Style und Charme. Hachz.

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Foto: Steffen Schmid

Ähm, zurück zur Musik. Mit „Cholla“ vom aktuellen Album „Wolf’s Law“ beginnt das Set und wir reiben uns verwundert die Ohren: so toll und so laut kann das Zwölfzehn klingen? Die Riffs sind schneidend, Ritzy springt von einem Bühnenende zum anderen und Matt trommelt sich die Seele aus dem Leib. Unglaublich, welchen Alarm nur drei Musiker machen können. Das ist wahrhaft treibend, die rollenden Drums und der aggressive Bass, darüber Ritzys Mädchenstimme. Klar, man könnte jetzt rummäkeln, dass Joy Formidable den Indie-Rock nicht neu gefunden haben, dass man das ein oder andere Riff auch schonmal woanders gehört hat. Aber wozu? Diese Band liefert eine perfekte Show, Ritzy kokettiert mit dem Publikum und mit ihren Mitstreitern, Bassist Rhydian Dafydd sieht sich mehr als einmal den Kopfstößen der zierlichen Sängerin ausgesetzt.

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Foto: Steffen Schmid

Alle kommen auf ihre Kosten. Die Band genießt den Club-Gig sichtlich, und die Glücklichen in den vorderen Reihen können sicher sein: so nah werden sie ihrer Band nie wieder kommen. (Ganz besonders der Fan in der Mitte, der nicht nur die Haare gewuschelt bekommt, sondern auch noch herzlich an die Brust gedrückt wird) Besondere Momente sind „While the Flies“ von der EP „I Don’t Want To See You Like This“ und „Silent Treatment“, der einzige ruhige Titel mit akustischer Gitarre.

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Foto: Steffen Schmid

Direkt darauf folgt der brachiale „Maw Maw Song“ und mit „The Ever Changing Spectrum of a Lie“ endet das Set in mächtigem Rückkopplungslärm. Als Zugabe gibt’s dann weitere drei Titel und mit dem ultimativen „Whirring“ werden nochmal alle Rock-Posen ausgepackt. Vor den Verstärken knieend werden fiese Bass-Feedbacks produziert, die Fans dürfen auch herzhaft in die Saiten greifen und zum endgültigen Abschluss wird die Gitarre auf den Boden geschmissen… Ein formidabler Gig!

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Foto: Steffen Schmid

Die Setlist (hier auch als Playlist):

Cholla
Austere
This Ladder is Ours
The Greatest Light Is The Greatest Shade
Little Blimp
While The Flies
Cradle
Tendons
Silent Treatment
Maw Maw Song
I Don’t Want To See You Like This
The Everchanging Spectrum of a Lie

Forest Serenade
Wolf’s Law
Whirring

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Foto: Steffen Schmid

5 Gedanken zu „THE JOY FORMIDABLE, 03.02.2013, Zwölfzehn, Stuttgart

  • 5. Februar 2013 um 00:32
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    Ganz sicher bei den Top 10 Konzerten des Jahres dabei!

  • 5. Februar 2013 um 23:30
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    Schöner Bericht und tolle Fotos!
    War der Photograph derjenige auf dem „Fensterbrett“ mit dem riesigen Objektiv :-)?! Ist jedenfalls gut geworden!

  • 6. Februar 2013 um 09:07
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    Sorry,
    aber das viel zu laut für den kleinen Raum!

    Die Band war gut, aber in solche Begeisterungsstürme ich nicht ausbrechen ;-)

  • 6. Februar 2013 um 21:25
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    @DoE: Genau derjenige welche.

  • 30. Juli 2013 um 12:41
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    „Look Ma! I’m in the internets!“

    Ich hab‘ TJF im Zwoelfzehn in Stuttgart, und in Muenchen in den Muffat-Werken und im Kesselhaus gesehen.

    Das Konzert im Zwoelfzehn uebertrifft alles, was ich je gesehen habe, an Intensitaet, Drive, Lautstaerke und Intimitaet zur Band. Ganz grosses Kino.

    Gruesse vom dickhalsigen Halbglatzkopf mit Ohrring, der auf Deinen grossartigen Fotos (thanks for sharing!) direkt vor Rhydian steht :)

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