I GOT YOU ON TAPE, 14.01.2013, Schocken, Stuttgart

I Got You On Tape, Schocken, Stuttgart

Foto: Michael Weiß

… und da steh ich dann so bei der ersten Zugabe und denk: „Was ist denn das jetzt bitte? Eine Psychointerpretation von Doom-Metal mit den Mitteln einer Synthie-Pop-Band? Habe ich das erwartet?“ Wobei, was war denn genau nochmal die Erwartungshaltung?

Die war ein sehr vages „irgendwie interessanter Indie“, diese I Got You On Tape. Das waren zumindest meine Gedanken nach ein paar kurzen Höreindrücken, die als Entscheidungsgrundlage dienten, um heute Abend hier zu stehen. Aber gut, am Ende fragt keiner, wie man das Spiel gewonnen hat warum man auf ein super Konzert gegangen ist. Die Vorzeichen für erhöhten Konzertgenuss meinerseits sind eher geht so. Viel zu müde durch miesen Schlaf, dank fiesem Traum um verlorene Schlüssel mit vierfach ineinanderverschachtelten Wirklichkeitsebenen, plus salzige Oliven als Abendessen. Aber das Schocken füllt sich ziemlich schnell angenehm auf, mit einigen bekannten Connaisseuren darunter, vielleicht doch die richtige Entscheidung.

Punkt 22 Uhr geht das Licht aus, die vier Dänen kommen auf die mit Strahlern und Synthies vollbepackte Bühne, und starten das Konzert mit einem beat-losen Stück. Klingt die ganze Zeit nach einem Intro für einen anderen Song, aber das ist einfach nur ein Lied, das für sich alleine steht. Sehr atmosphärisch, das fette Licht unterstreicht die besondere Stimmung noch zusätzlich. Die Tracks danach sind mit Schlagwerkunterstützung. Oftmals eher getragen, aber trotzdem auch treibend. Der Grundeindruck ist eher ein melancholischer, durchaus auch dunkler, aber trotzdem ist es irgendwie Pop. Tu mich verdammt schwer das zu kategorisieren, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Eher im Gegenteil, wirkt die Musik dadurch doch noch spannender.

I Got You On Tape, Schocken, Stuttgart

Foto: Michael Weiß

Der Matt Groening-Lookalike Jacob Bellens gibt den Songs mit seiner tiefen, charakteristischen Stimme eine ganz eigene Farbe. Die Refrains sind gerne mal vielstimmig gesungen. Hier merkt man das musikalische Können der Band deutlich, da stimmt alles. Aber ebenso kann man das an den Dynamiksteigerungen innerhalb der Songs festmachen. Dadurch fesselt einen die Musik noch zusätzlich, wenn man merkt, dass der wohlige Würgegriff der Musik langsam immer fester zupackt. Ein weiterer Bestandteil des Gesamtsounds ist die wavige, durch Effekte sehr weich klingende Rhythmusgitarre von Jacob Funch (Tim Roth-Lookalike), die für eine ganz eigene Note sorgt. Erinnert mich manchmal entfernt an einige der früheren Songs von Men Without Hats.

Ein weiteres Element, warum der Sound trotz all der Synthies, 80ies Anleihen und Düsternis, warm und organisch klingt, ist der Schlagzeuger. Keine Beats aus der Box, sondern ein lebendiger Rune Kielsgaard, der mit Jeppe Skovbakke (Bass und Synthies) zusammen das Fundament bildet. Das Konzert ist mit 60 Minuten recht kurz geraten, wenn man bedenkt, dass IGYOT schon vier Alben ihr Eigen nennen, aber trotz dieser sehr eigenen, packenden Atmosphäre, dann doch auch wieder in sich sehr variabel. Das eingangs erwähnte „Doom“-Stück, ein Pink-Floyd-artiges Intro, Stücke mit Discobeat etc. etc.. Da fühlt man sich doch recht jäh aus diesem eigenen Kosmos rausgeworfen, wenn nach besagten 60 Minuten das Licht angeht, und aus den Boxen „Baby“ von Gal Costa & Gaetano Veloso ertönt. Aber natürlich hat Fotograf Michi recht mit der Risikoaussage: das mit Abstand beste Konzert des Jahres.

I Got You On Tape

3 Gedanken zu „I GOT YOU ON TAPE, 14.01.2013, Schocken, Stuttgart

  • 15. Januar 2013 um 21:58
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    D’accord. Das Konzert war etwas zu kurz geraten, aber dafür facettenreich und mit voller Kraft. Das Omen für ein gutes Konzertjahr!

  • 17. Januar 2013 um 12:10
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    war bis 16. im Urlaub und dass ich nicht zu dieser unglaublichen Band konnte, hat mich fast umgebracht … Schön zu hören, dass es gut war – trotzdem.

  • 18. Januar 2013 um 18:57
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    ich merk gerade, dass ich das tolle Licht viel zu wenig gewürdigt habe. Also: das Licht war super, bitte mehr davon!

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