THE RAILBONES, 29.12.2012, Flaming Star, Stuttgart

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Foto: Steffen Schmid

Diesen Konzertbericht zu schreiben, fällt mir ehrlich gesagt ziemlich schwer. Denn irgendwie fühle ich mich heute so gar nicht wie das Konzert war. Das war nämlich fröhlich und entspannt, während ich mich gerade eher so nachdenklich und angespannt fühle. Weil, je näher das Jahresende rückt, desto sentimentaler werde ich. Da gibt es zum einen das aktuelle Jahr mit der imaginären Bucket List abzugleichen. Was haben wir erreicht? Welche Lebensziel-To dos müssen noch abgehakt werden, bevor man es endlich ehrgeizmäßig und träumetechnisch laufenlassen kann? Ich für meinen Fall kann sagen: Gottseidank ist 2012 die Welt dann doch nicht untergegangen. Meine Liste ist nämlich noch relativ voll.

Und zum anderen haben wir die Sache mit den Vorsätzen fürs neue Jahr. Was wollen wir ändern? Welche Version von uns wollen wir in 2013 sein? Ich wär gerne glücklich, hab ich mir überlegt. „Was’n das für ein larifari Vorsatz?“ ruft es jetzt bestimmt aus den Teams „Nichtraucher werden“ und „mehr Sport machen“. Dabei ist die Sache mit dem Glück mindestens genauso tricky. Weil, es gibt so viele Wege dorthin. Und mindestens genauso viele Sackgassen. Und im Gegensatz zu den Teams Healthy Living ist es mit dem Glücklichsein so, dass man es erstens meist erst im Rückblick erkennt. Also im Sinne von: „Mensch, da war ich ja Jogger. Verrückt, hab ich gar nicht mitbekommen.“ und es sich zweitens ständig zu wandeln scheint. Da hat man gerade das Around the World Ticket ausgereizt, schon kommt ein anderer mit ner Schwangerschaft um die Ecke oder der perfekten Karriereleiter, dem interessanten Freundeskreis, der krisenfesten Beziehung, dem dicken Bankkonto usw. – und schon sinkt das Glückslevel wieder gegen „naja.“ Unlösbar also, diese Glücks-Kiste? Oder nur die falsche Herangehensweise? Nikotinkaugummi statt Alan Carr quasi. Aber vor allem: was hat das mit dem Konzert zu tun?

Vielleicht täusche ich mich, aber was ich am Rande des Railbones-Konzertes beobachtet habe, sah mir verdächtig nach Glücksmoment auf. Wieso? Auf den ersten Blick standen da doch nur jede Menge alternde Rocker herum, tranken Bier und wippten halblebig im Takt coverspielender Freizeitbands herum.

Vielleicht liegt es an meiner Silvester-Melancholie, aber irgendwie lag bei dieser Veranstaltung eine allgemeine Zufriedenheit in der Luft. Das ganze Ding fand nachmittags statt und präsentierte sich als ausgewachsener Familienevent. Da sprangen vor dem Flaming Star jede Menge Rocker-Kinder durch die Gegend, erzählten sich die Erwachsenen nicht nur von den neusten Tattoos und Vintage-Schallplatten sondern auch von Eigenheimen, Urlaubsplänen und den jüngsten Weihnachtsmomenten. Zwischendurch tingelte man immer mal wieder in Richtung Band, bewunderte den grandiosen Look von Sängerin Bica, freute sich an der Freude der restlichen Bandmitglieder und lies sich gemütlich aus der Feiertagsträgheit schrammeln. Man möge es mir verzeihen, aber ich bin leider kein Rockabilly-Spezialist. Daher verkneife ich es mir, die Authentizität der Cover-Songs zu bewerten. Ehrlich gesagt, kannte ich die meisten gar nicht und kann daher nur sagen: Ich fand’s gut. Ich hätt’s mir gerne noch länger angehört. Ich hab gerne mitgewippt. Ich komm nächstes Jahr wieder.

Und was hat das nun mit Glück zu tun? Müssen wir jetzt alle Rockabillies werden, Bands gründen und nachmittags Bier trinken? Nee. Das wäre ja zum einen zu einfach und zum anderen schon wieder zu ultimativ. Aber vielleicht sollten wir damit aufhören, unser Glück an dramatische Einzelereignisse oder ferne Zukunften zu knüpfen und stattdessen überlegen, wer wir im ganz normalen Alltag sind, wann wir uns selbst wirklich treu sind – und wie wir das in unseren sich ständig wandelnden Lebensläufen leben können. Oder einfacher gesagt: Glück hängt wohl weniger an dem, was wir planen und tun, sondern mehr an dem, wer wir eigentlich sind. Und gute Musik an einem trüben Dezembertag schadet wahrscheinlich auch nicht…

In diesem Sinne: Happy 2013.

Railbones

Foto: Steffen Schmid

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