STONE SOUR, PAPA ROACH, 29.11.2012 Ludwigsburg Arena

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Foto: Dominic Pencz

An diesem kalten, verregneten Novemberabend, mache ich mich auf nach Ludwigsburg in die Arena, in der Hoffnung, den Ruf von Corey Taylor wieder ein wenig rein zu waschen, nach dem dieser ja vor zwei Jahren ordentlich zu leiden hatte unter den Gig-Blog Lesern, nach einem niederschmetternden, doch wahren Bericht von Kollege Claus Kullak. Selbst der Name Corey Taylor entwickelte sich zu einem Synonym für junge Großkotze, die gerne im Mittelpunkt stehen und sich an der selbst eingeforderten Aufmerksamkeit ergötzen. Da muss er einiges bieten, aber vor allem unterlassen, um diesen Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.

Als ich in der Arena Ludwigsburg ankomme, ist  der Innenraum-Bereich schon voll. Keine Verwüstungsspuren vom Motörhead-Konzert am Vortag zu erkennen. Das Erste, was auffällt, wo sind all die langen Haare hin? Eine Epidemie, die sich auf Metal-Konzerten mehr und mehr ausbreitet. Baseball-Caps und die Winterkollektion von H&M sind auch am heutigen Abend, ähnlich wie vor zwei Jahren, wieder ganz groß im Trend. Langhaarige Kuttenträger zählen hier zu den Exoten.

Um von der Kälte wieder auf normale Betriebstemperatur zu gelangen, gibt’s zum Aufwärmen die Electro Punks Hounds aus Essex, die auch eine ordentliche Portion Dance-Style miteinbringen. Mit viel Synthies und fettem, wirklich fettem Base-Drum-Sound, erinnert das Quartet an eine Mischung aus Dope Stars Inc, The Prodigy und Rob Zombie. Steht das Publikum zu Beginn noch recht steif und erfroren rum, mit vereinzeltem Kopfnicken, taut es doch während dem halbstündigen Set auf. Vorallem bei Stampfern wie „The Wicked Witch“ kann man eigentlich gar nicht anders, als mitzunicken, da der Bass den Nacken förmlich nach unten presst und ihn wieder nach oben saugt. Jeder Song wird vom Publikum mit ordentlichem Beifall honoriert und auch die Band agiert mit jedem Song selbstbewusster, ist es doch ihr erster Stopp vor deutschem Publikum. Auch die Lautstärke hat es bereits bei der Vorband schon in sich und soll sich auch während des Abends noch um einiges steigern. Die erste Überraschung für mich an diesem Abend gibt es, als Sänger Chad die Menge auffordert mal ein bisschen Lärm zu machen für Stone Sour und Papa Roach und dieser um einiges lauter für Papa Roach dröhnt.

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Foto: Dominic Pencz

Da wenig Umbauarbeiten erforderlich sind, weil sich der gesamte Bühnenaufbau während allen drei Auftritten recht überschaubar und schlicht hält, dauert es nicht lange, bis das Licht wieder ausgeht und die ersten Klänge des Intros von Papa Roach ertönen. Der Mob tobt und schreit und doch finden sich auf den Zuschauertribünen noch unzählige freie Plätze. Das soll auch den Rest des Abends so bleiben. Papa Roach beginnen ihr Set mit dem Opener „Burn“ und Sänger Jacoby Shaddix macht schnell klar, dass er eine richtige Rampen- und Drecksau ist. Im Minuten-Takt pflastert er die Bühne mit wildem Rumgespucke nach jeder Songzeile. Da bleibt auch kein Security-Nacken trocken. Man kann davon natürlich halten, was man will, doch unbestritten ist das große Sanges- und Entertainment-Talent, das hier an den Tag gelegt wird. Berührungsängste mit dem Publikum? Fehlanzeige. Immer wieder fordert er das Tribünen-Publikum auf, sich von ihren faulen Ärschen zu erheben, man ist schließlich auf einem Rockkonzert, for gods sake! Dann steigt er noch herunter ins Publikum und erklimmt die Pressetribüne. Das wirkt dann schon ziemlich surreal, wenn der Sänger eine Bank hinter einem steht und singt und das komplette Publikum sich von der Bühne abwendet und einen ansieht. Auch der Sound ist wirklich super und die Jungs aus Vacaville (Kalifornien), haben die Menge fest im Griff. Es wird gesprungen, gemosht und gesungen, was das Zeug hält, zwar nur die vordere Hälfte der Halle, doch die machen es in ihrer Intensität für den Rest gleich mit. Papa Roach spielen sich durch sämtliche Alben, doch man merkt schnell, dass vor allen Dingen die älteren Sachen vom Publikum begeistert aufgenommen werden. Ich selbst habe nie bewusst Papa Roach gehört, doch manches erkennt man einfach, da es in der Rofa rauf und runterlief. Das lauteste Aufschreien der Menge an diesem Abend geht definitiv an Papa Roach, als sie ihren letzen Song des Sets einleiten und um Mithilfe des Publikums bitten. Und jeder der mal in der Rofa war, weiß, was auf folgende Textzeile folgt:

Cut My Life Into Pieces …“

Super Auftritt.

Auch der Umbau zwischen Papa Roach und Stone Sour geht ziemlich schnell über die Bühne, da nur das Backdrop und das Schlagzeug getauscht werden. Na gut, ein paar zusätzliche Backlights werden auch noch aufgestellt, aber das wars dann auch schon. Und pünktlich, wie angekündigt, geht um 21.35 Uhr das Licht aus und zig Handys an. Zeit für Stone Sour, die gleich zu Beginn das Brecheisen auspacken, mit „Gone Sovereign“ vom neuen Konzeptalbum „House of Gold and Bones pt I“, um die Marschroute für heute Abend festzulegen. 2012 ist auch für Stone Sour ein besonderes Jahr, sind doch schon zehn Jahre vergangen seit dem Debüt-Album „Stone Sour“, welches auch zu festen Teilen in die Setlist integriert ist. Mein erster Gedanke jedoch war gleich, warum können meine Haare eigentlich nicht so schnell wachsen, wie die von Corey Taylor und woher nimmt der eigentlich die Luft für solche Screams? Leider ist während der ersten beiden Songs das Mikro noch viel zu leise und man hört nur ansatzweiße die heute großartige Stimme Taylors, mit der es ja schon seit langer Zeit wieder stetig aufwärts geht und vor allem im cleanen Gesang einiges an Konkurrenz hinter sich lässt. Was auch direkt auffällt, Corey Taylor geht heute um einiges aggresiver an die Sache ran als noch vor zwei Jahren, was sehr angenehm ist. Damals hat er sich ja größtenteils während des gesamten Konzertes zur Witzfigur mit Weihnachtsmann-Mütze gemacht und sich so ziemlich viel von Stone Sours Härte selbst beraubt. Doch heute wird ins Publikum gespuckt und vor allem während der ersten Songs wenig gesprochen. Es folgen Taten. Da blitzt dann doch wieder mehr der hitzköpfige, wahnsinnige Frontman von Slipknot durch und nicht der nervige Rockstar, der in jedes Mikro seinen Senf pressen muss. Allgemein haben sich Stone Sour für eine durchaus härtere Setlist entschieden, als noch beim letzten Besuch. Doch auch heute Abend, so kommt es mir vor, will der Funke zum Publikum, im Gegensatz zum Papa Roach-Auftritt, einfach nicht 100 prozentig überspringen. Liegt es daran, dass Corey Taylor durch seine Floskeln „Best Audience in the world“ etc. so unnahbar wirkt, oder daran, dass der Rest der Band, trotz großer Namen (James Root – Slipknot, Roy Mayorga – Ex-Soulfly, Josh Rand und Shawn Economaki), nur als Bühnenfüller für Taylor zu agieren scheinen? Ich komme einfach nicht darauf. Musikalisch gesehen ist das hier gebotene auf jeden Fall erste Sahne. Mit Balladen wie „Bother“ oder „Through Glass“, was ich für die große Stärke von Stone Sour halte, nehmen sie die komplette Halle für sich ein. Corey Taylor steht hierbei allein mit der Gitarre auf der Bühne im Scheinwerferlicht und singt wie ein junger Gott. Man vermisst die anderen Band-Mitglieder nicht wirklich, was mein vorher angeführtes Argument unterstreicht. Gesanglich jedoch passt da einfach alles. Corey Taylor beweist, dass seine Stimme im Moment zum besten zählt, was es in der Metal-Welt gibt. Auch die beiden langsameren, hymnenhaften Nummern „Say You´ll Haunt Me“ und „Digital (Did You Tell)“ werden vom Publikum ausnahmslos abgefeiert. Nur mit den Songs vom neuen Album wird das Publikum noch nicht richtig warm, das scheint auch Taylor zu merken, der während diesen Songs, mehr Anfeuerungsrufe ablässt als bei älteren Sachen. Mit Konzept-Alben ist das ja öfters so eine Sache, da man weniger Wert auf einen Hit legt, als die inhaltliche Stimmigkeit. Dennoch, ist es meiner Meinung nach eins der stärksten Alben des Jahres. Man darf gespannt sein auf „House of Gold and Bones pt II“, welches 2013 bereits folgt.

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Foto: Dominic Pencz

Nach fast zwei Stunden beenden Stone Sour ihr Set mit dem starken „30/30-150“ und legen noch mal alles rein und sorgen doch für ein durchaus gelungenes Konzert. In meinem Fazit muss ich sagen, dass heute einiges anders war als vor zwei Jahren, im positiven Sinne. Man hatte eine gerade Linie, die von Taylor unbarmherzig durchgezogen wurde, auch wenn wieder die überheblichwirkende Selbstbeweihräucherung stattgefunden hat. Doch zum Glück nicht in dem Ausmaß wie damals im LKA. Was das eigentlich Traurige ist: Dass man Corey Taylor den provozierenden, aggressiven Typ, der in der ersten Reihe seine Fans bespuckt, mehr abnimmt, als den netten, sensiblen,verletztlichen Herrn, der einfach gern hören möchte, dass man ihn und seine Musik mag. Verdenken mag man es ihm aber ja auch nicht, dass so ein Erfolg irgendwann zu Kopfe steigt, denn nicht viele können heute noch behaupten, Frontman von zwei Bands zu sein, die Arenen füllt. Mir fällt im Moment wirklich keine ein. Bitte um Korrektur, falls jemand eine kennt. Ich denke jedenfalls, die Karre ist erstmal wieder raus, bzw. steckt nicht mehr ganz so tief fest. Es wird definitiv ein interessantes Jahr 2013 werden für den Herrn Taylor, da er mit Stone Sour als auch Slipknot neue Alben und neue Touren auffährt. Da kommt definitiv Gewaltiges auf Kritiker, Fans und den Rest der Welt zu.

Stone Sour

Papa Roach

Ein Gedanke zu „STONE SOUR, PAPA ROACH, 29.11.2012 Ludwigsburg Arena

  • 3. Dezember 2012 um 22:32
    Permalink

    Wow. Da ist ja ein sensationeller Bart für den Adventskalender dabei!

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