HYMN FOR HER, 19.11.2012, Wohnzimmer in Feuerbach, Stuttgart

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Foto: Reiner Pfisterer

Es ist eine kalte, neblige November-Nacht. Ich habe mich mal kurz vor die Tür begeben, stehe aber nicht downtown Stuttgart vor einem Club, sondern in einer beschaulichen Wohnstraße irgendwo in Stuttgart-Feuerbach. Und ich bestaune ein Konzert, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe: vor mir ein schmuckes Häuslein mit Panoramascheiben, drinnen gut dreißig Leute und eine Band, die gerade mit derbem Country-Trash eben diese Scheiben heftig zum Zittern bringt. Drumherum gutbürgerliche Nachbarschaft, lautstark beschallt, aber wohl tolerant.

Was genau passiert hier gerade? Claudia, musik-begeisterte Stuttgarterin, hat in den USA das Duo Hymn For Her kennengelernt. Sie lädt diese ein, auf ihrer Europa-Tournee einen Stopp in Stuttgart zu machen, findet dann aber keinen Club, in dem die beiden auftreten können. Kurzerhand funktioniert sie ihr Wohnzimmer um, lädt Freunde und Bekannte ein, stellt ein paar Kisten Bier kalt und lässt die Band einfach ein Hauskonzert veranstalten. Das an sich ist schon eine wunderbare Idee. Dass sie dann aber auch noch dran denkt, Stuttgarts Zentralorgan für gehobenen Musikgeschmack einzuladen, dafür sind wir ihr sehr dankbar.

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Foto: Reiner Pfisterer

Denn eines wird sofort klar: Hymn For Her sind eine Entdeckung! Lucy Tight und Wayne Waxing kann man getrost als „Originale“ bezeichnen. Das Paar kommt aus der Folk-Szene von Philadelphia, lebt mit seiner Tochter in einem dieser typisch amerikanischen Vintage-Caravans (ein 16-Fuß-Modell vom Typ „Bambi 1961 Airstream“) und reist in Sachen Musik kreuz und quer durch die USA. Was sie musikalisch veranstalten, klingt ebenfalls sehr, sehr amerikanisch. Irgendwo zwischen Folk-Trash und Alternative-Country. Jack White würde es mögen. Mit Schlagzeug, Gitarre, Banjo und einer reichlich skurrilen Cigar Box Guitar machen Sie jedenfalls ordentlich Radau.

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Foto: Reiner Pfisterer

Zwei Alben haben sie im Gepäck: das klassisch-folkige „Year of the Golden Pig“ und ihr aktuelles „Lucy & Wayne and the Amairican Stream“. Von ersterem spielen sie die eher ruhigen Songs und Balladen, von ihrem neuen die rockigen Titel wie „Slips“ oder „Sea„. Und diese Tracks gehen in die Beine. Schon nach ein paar Titeln wird das edle Eichenparkett zum Tanzboden. Das dominierende Instrument für den schmutzigen Sound von Hymn for Her ist die erwähnte Cigar-Box-Guitar, eine Konstruktion aus einer Zigarren-Kiste, einem abgesägten Besenstiel und zwei Saiten, davon eine für den Bass. Gespielt wird das Unikum meist mit einem Bottleneck, die entstehenden Jaul-Töne werden dann noch ordentlich durch einen Verzerrer gejagt. Der ideale Soundtrack für staubige Road-Movies – oder halt schwäbische Eigenheime.

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Foto: Reiner Pfisterer

Absoluter Glücksfall übrigens, dass sich im Bekanntenkreis der Gastgeberin ein Mischer befindet, der mit einem Equipment anreist, das manchen Club erblassen lässt. Und der seinen Job so gut macht, dass ihm die Band glatt anbietet, ihn für den Rest der Tour mitzunehmen.

Als H4H dann auch noch ein Medley der absolut zu vergötternden und leider zu früh von uns gegangenen Kult-Band Morphine durch den musikalischen Häcksler jagen, haben sie mich endgültig gepackt: „Thursday“ und „You Look like Rain“ höre ich da raus. Einfach genial.

Auch sehr beeindruckend: Wayne Waxing deutet ganz nebenbei klassisch-spanische Gitarren-Spielkunst oder auch einen lockeren Bossa Nova an. Ohne Frage, hinter dem Krachmacher verbirgt sich ein Virtuose. Richtig auf die Mütze gibt’s dann nochmal mit Led Zeppelins „Bron-Y-Aur Stomp„.

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Foto: Reiner Pfisterer

Das alles ist aber nichts verglichen mit dem überraschenden Höhepunkt des Abends: Lucys und Waynes fünfjährige (!) Tochter übernimmt – völlig selbstverständlich und wirklich unglaublich charming – in einem Song den Gesangspart, während Mammi und Pappi die Backing Vocals machen. Das ist so süß, da geht auch dem härtestgesottenen Gigblogger das Herz auf.

Kurzum: ein Konzert, das glücklich macht. Eine Band, der man natürlich ein noch viel größeres Publikum wünscht. Und vor allem: eine Konzert-Form, die viel häufiger stattfinden sollte. Da kamen gestern wirklich alle auf Ihre Kosten: die Gastgeberin, die ihre Lieblingsband in den eigenen vier Wänden hatte, die Besucher, die eine großartige Band in allerkleinstem Rahmen erleben durften, den Spendenhut auch gut gefüllt und die Bude in anständigem Zustand hinterlassen haben. Und eine Band, die sicher eine schöne Abwechslung im Tour-Betrieb hatte.

Also, liebe Stuttgarter: nehmt auch ein Beispiel. Ladet euch eure Lieblings-Band einfach nach Hause ein, stellt ein paar Bier kalt und macht das Konzert eures Lebens. Und vergesst nicht, die Gigblogger einzuladen!

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Foto: Reiner Pfisterer

10 Gedanken zu „HYMN FOR HER, 19.11.2012, Wohnzimmer in Feuerbach, Stuttgart

  • 21. November 2012 um 00:39
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    Ganz großes Kino, lieber Holger. Jetzt ärgere ich mich echt, dass ich nicht da gewesen bin

  • 21. November 2012 um 08:26
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    …´was ein toller Abend, danke Holger für den Bericht, der die Stimmung nicht besser hätte einfangen können!

    Der Mischer heißt übrigens Henning Geiss und hat der ohnehin schon mitreissenden Musik einen perfekten Sound verpasst- hiermit gelikt und wärmstens weiterempfohlen!

  • 21. November 2012 um 09:09
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    Same as Seibi. Wirklich supertoll. Und bissle neidisch auch. :)

  • 21. November 2012 um 11:29
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    Keine Frage – von den Konzerten, die ich 2012 gesehen habe, eines der tollsten. Vielen Dank an Claudia, Hennig und natürlich an Hymn for Her.

  • 21. November 2012 um 16:48
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    how do i read the translation . mein deutsch ist schlecht.:(

  • 21. November 2012 um 17:05
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    Hi Lucy, Claudia is busy with translating the news article as she told me two hours ago, she´ll send the translation to you and holger ( gig-blog)…

  • 21. November 2012 um 17:59
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    Wow, was für ein schöner Bericht und was für geniale Bilder und das sag‘ ich jetzt nicht nur, weil mein Wohnzimmer darin lobend erwähnt wird! Schön, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid! Mit den passenden Musikern gerne bald mal wieder! Vorschläge sehr willkommen!
    P.S.: Lucy hat ihre Übersetzung bekommen!

  • 21. November 2012 um 18:42
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    Hi Claudia, jederzeit gerne wieder. Nächstes mal bin ich auch dabei, versprochen ;-)

    Und danke fürs Übersetzen.

  • 22. November 2012 um 19:22
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    Claudia,
    ich hatte an dem Abend keine Ahnung, wo ich lande, wie du weißt – und es war wunderbar. Was für eine tolle Gastgeberin du warst!! Wie vielFreude der Abend in die Gesichter gezaubert hat … Ich kannte dich nicht, aber ich komme gerne wieder zu dir und zu Paul.

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