LAMBCHOP, 30.10.2012, Franz K, Reutlingen

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Foto: Steffen Schmid

Schwarz-Weiß, Hell-Dunkel, Gut-Schlecht, Klein-Groß: Dieser Konzertabend wird im Nachhinein einer gewesen sein, der mit richtig krassen Kontrasten aufgewartet haben wird. Auch krass: Öfter mal Futur II benutzen.

Schon auf der Hinfahrt nach Reutlingen geht’s los in Sachen Kontraste, denn ich überlege mir einen so was von gewagten Ansatz für eine Konzertreview über Lambchop: Da deren Mastermind Kurt Wagner heißt, könnte ich doch mal die Musik von Kurt mit der seines deutschen Namensvetters Richard vergleichen! Irre kontrastreicher Ansatz, oder? Leider kenne ich mich mit klassischer Musik nicht aus. Das sieht man schon daran, dass Wagner, also der Richard, gar keine klassische, sondern romantische Musik gemacht hat. Letzteres habe ich aber jetzt gerade erst ergoogelt.

Zweiter Kontrast: Reutlingen und das Franz K. Während ich über die Stadt gar nichts weiß, kenne ich das Franz K mittlerweile recht gut. Das liegt daran, dass ich öfters auf der Webseite unterwegs bin und mich über das ausgesprochen gute Musikprogramm informiere. Ich war, vor heute, sogar schon mal da, bei einem sehr guten Konzert von GzK. Ist aber  ein bisschen Landstraßen-Gurkerei bis man ankommt. Lohnt sich dennoch, denn der Raum hat Atmosphäre, heftig Traversen voll mit Scheinwerfern, guten Sound und man sieht von überall, weil es ein altes Kino ist und der Saal zur Bühne hin abfällt. Einziges Manko: Ankündigungen zu Techno-Partys im Franz K beinhalten gerne mal das Wort „Riotlingen“. Dies sei großzügig verziehen.

Dritter Kontrast: Die Bühne ist beleuchtet, der Zuschauerraum stockfinster. Ich steche mir mehrfach den Bleistift in die Hand, weil ich meinen Schreibblock im Finsteren verfehle. Gut, wollte eh schon immer ein Tattoo. Auch wenn ich dabei an schönere Motive als kleine graue Punkte auf der Hand gedacht habe. Das in Finsternis hingeschmierte Gekrakel auf dem Block kann ich jetzt auch nicht mehr entziffern. Deshalb greife ich auch auf diese irgendwie konstruiert wirkende Kontraste-Nummer zurück, um den Artikel zu strukturieren.

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Foto: Steffen Schmid

Lambchop fängt jetzt an. Wagner und seine fünf Bandkumpane (Schlagzeug, Bass, Gitarre/Synthie, Saxophone/Klarinetten/Percussion, Flügel) sind im Halbkreis auf der Bühne aufgereiht. Kontrast: Das erste Lied, auch der Opener vom neuen Album Mr. M, gefällt mir, weil Wagners Stimme einfach unwiderstehlich gut klingt. Zwar hört es sich immer an, als habe er einen ganz trockenen Mund. Aber er füllt locker den Raum, obwohl er und die Band einen extrem leisen, reduzierten Stil pflegen. Der kommt auch im nächsten Song vor, der instrumental ist und das erste Mal mit einem Instrument aufwartet, das von nun an fast jedes zweite Lied versaut: das Saxophon.

Lambchop bewegen sich auf einem sehr schmalen Grat: Die superschönen Songs, meist die, bei denen Wagner singt, wechseln mit beliebig scheinendem Gedudel, das durch das Saxophon, man kann es nicht anders sagen, zu einer Blaupause für 80er-Jahre-Softporno-Fickmusik wird. Zweimal muss ich deshalb rausgehen. An der Bar dort klagen mir unabhängig voneinander zwei andere Flüchtlinge ihr Leid: Ihnen sei der „Candle-In-The-Wind-Faktor bei manchen Stücken zu hoch“. Bämm. Vernichtung.

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Foto: Steffen Schmid

Der Kontrast Gut-Schlecht bestimmt den weiteren Abend. Fast abwechselnd singt Wagner eines seiner grandiosen Lieder von einem seiner mittlerweile über 9.000 veröffentlichten Alben, dann kommt irgend so ein Schnulzen-Instrumental ohne Ecken und Kanten. Gone Tomorrow, 2B2 – das sind tolle Songs vom neuen Album, von denen man sich mehr wünscht. Klar, auf Mr. M sind auch einige der Instrumentals drauf, die klingen da aber bei weitem nicht so schlimm wie live. Musikalisch sehr gut ist die Band, deren Mitglieder wahrscheinlich alle Professoren an irgendwelchen Musikhochschulen sind. Aber hier liegt vielleicht auch der Knackpunkt: Zu selbstgefällig zeigen die sechs, wie sie scheinbar mühelos und mit ganz wenigen Noten die tollsten, super entspannten Kompositionen zaubern können. Aber das klappt (heute?) halt nur manchmal.

Erkenntnisse des Abends also:

  1. Das Franz K ist natürlich weiterhin eine absolut empfehlenswerte Adresse
  2. Kurt Wagner ist doch fehlbar

Und hier noch ein Witz, den der Pianist erzählt: „For Halloween, I wanted to be a Republican, but I couldn’t stick my head up my ass.“ Auch nicht das Gelbe vom Ei.

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Foto: Steffen Schmid

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