IMPERIAL STATE ELECTRIC, 22.09.2012, Zwölfzehn, Stuttgart

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Foto: Shakin‘ Setzphone

„I need a holiday from my vacation“. Kennt jeder, der einen aufregenden Urlaub hinter sich hat. Zwei Wochen Malle oder Kandahar und dann lieber noch sieben Tage Wellnessdingens, Rehab, Couch oder Friedhof dranhängen. Fürs eigene Gleichgewicht.

Als Imperial State Electric diese Thematik anschneiden, ist das Konzert im Zwölfzehn schon auf der Zielgeraden. Reden wir nicht lange mit der Kirche um den Brei: klarer Sieg für den Rock’n’Roll und Schweden. Und irgendwer sollte Nicke Andersson & Co. eine Goldmedaille um den Hals hängen. Aber dallidalli.

Hier ist die Welt noch in Ordnung: der Schweiß tropft vorbildlich, „School“ reimt sich auf „Fool“,  Frauen heißen „Kitten“ oder „Baby“, nach dem zweiten Refrain kommt ein Gitarrensolo und dann geht’s zum grande Finale – Gitarrenhals oder Faust in die Luft gereckt. Toll, das gute alte Spiel der Tugenden. Einfach mal „Alright!“ sagen, obwohl es „Okee. In Ordnung“ streng genommen auch getan hätte.

Cheap Trick, Blue Öyster Cult, ZZ Top und natürlich KISS grüßen wirklich – und irgendwie auch gottseidank –  an jeder Ecke. So wie bei „Grande Rock“, der grandiosen dritten Hellacopters Platte damals. Die wiederum ist tatsächlich keinen Blumentopf wert, wenn man KISS nicht besonders gut leiden kann.

„KISS“ steht auch riesengroß auf Nicke Anderssons Gürtelschnalle und mit jeder Sekunde, die Imperial State Electric im Zwölfzehn wunderbare Kurzweil anzetteln, wird klarer: sollten KISS sich endlich mal wieder entscheiden, eine gute Platte machen zu wollen, dann müssen sie schon Andersson beauftragen, die Lieder zu schreiben.

Der versteht ihr Handwerk längst besser, als sie selbst. Und machen wir uns bloß nix vor: Rock’n’Roll ist Handwerk. Thomas  Eriksson sollte sich bei der Gelegenheit auch gleich ans Schlagzeug setzen. Der Mann spielt wie Peter Criss früher, nur halt im Sinne des Rhythmus. Ein unwahrscheinlich großer Pluspunkt, gerade wenn man Drummer in einer Rockband ist.

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Foto: Shakin‘ Setzphone

Hier stehen vier Typen, die nicht nur da sind wie der Beckenbauer, sondern auch noch wirklich Lust auf Musik haben. Grande Rock, mein lieber Scholli. Unverschämt locker ist das, schon ab der ersten Note – „Hello There“ von Cheap Trick. „Hello there Ladies and Gentlemen, are you ready to rock? Would you like to do a number with me?“. Kurz nachgedacht und es spricht wirklich gar nix dagegen: „Alright, leg los!“

Und es wird noch besser: „Uh Huh“ zum Beispiel oder „Lord Knows It ain’t right“. Das hat Schmiss, kommt mit Schmackes, Herz und macht mehr Spaß als die meisten Dinge, die man angezogen tun kann. Alleine Dolf de Borst am Bass, früher immer so halbgeil bei The Datsuns, macht den Sack fast alleine zu. Jeder Ton am rechten Fleck, singen kann er auch. Echter Spielmacher – nicht auszudenken, was wäre, wenn das hier nicht das Zwölfzehn, sondern ein Sportplatz oder gar ein Stadion wäre.

„I’ll Let you Down“ kommt mit einer extra Schippe „Beatles“, Powerpop ohne auch nur ein Prozent Bullshit. Andersson schwitzt sich unter seiner Militärkappe einen reissenden Fluß. Die kleine Wampe unter der Weste trägt er mit der Würde, wie es nur wirkliche Männer zu tun vermögen.

„Guck mal Mutti – ohne Hände“ – Ich lehne mich zur Feier des Tages ganz weit aus dem Fenster und halte mich dabei nicht fest: Andersson ist derzeit einer der besten Rock’n’Roll-Sänger und -Entertainer. Auch Gitarrist Tobias Egge, der ein bisschen wie Berthold Heisterkamp beziehungsweise „Ernie“ aus der Serie Stromberg aussieht, ist ebenfalls ein kleines Juwel. Riff für Riff, Lead für Lead und Lick für Lick und dann ein bisschen so gucken, als müsste man gleich pupsen.

Im optimal gefüllten Zwölfzehn wird derweil gelächelt, gewippt und mitgesungen. Mehr Gaudi haben höchstens Senioren Mittwochs beim Warmbadetag im Stadtbad Heslach. Zwei Jungs in Turbodingensjacken ballen in der ersten Reihe freundlich die Fäuste und duellieren sich mit Luftgitarren, weil die Headbangerei einfach nicht klappen will. Denn dafür haben Imperial State Electric zu viel Hüftschwung.

Auch wenn Fred Estby am Mischpult steht. Alter, schwedischer Death Metal Pionier aus dem Hause Dismember und Carnage. Ach, wenn wir schon dabei sind. Kurz, etwas Nickepedia: Andersson spielte Schlagzeug bei Nihilist und Entombed, Gitarre bei The Hellacopters, Soul am Schlagzeug mit The Solution und Death Metal mit Death Breath.

Ist halt irgendwie so: Nicke Andersson ist der bessere Dave Grohl. Er hat nicht das Buddy-tum zu seiner Aufgabe gemacht, sondern den Rock’n’Roll. Den selbstlosesten Freund, den man haben kann. Er fordert nicht ein, sondern gibt nur – und Imperial State Electric sind am Samstagabend in fast verschwenderischer Geberlaune.

Deren Rock’n’Roll stellt höchstens rhetorische Fragen: „Do you wanna Rockenroll tonite, yeahheheh?“ zum Beispiel. Da werden die einfachen Dinge des Lebens zusammengefasst. Denn an denen scheitern bekanntlich die Genies. Wer echte Probleme im Leben hat, fragt nicht Bloc Party oder meinetwegen The Mars Volta, der muss schon beim alten Mann Rock’n’Roll im Mietshaus klingeln – er gewährt immer eine Audienz. Der Sack weiß zwar auch nicht, wie das mit dem „Baby“ so richtig funktioniert, aber er lenkt für 2 Minuten 40 zuzüglich Gitarrensolo bestens vom Malheur ab.

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Foto: Shakin‘ Setzphone

Und bitte nicht den Boogie vergessen. Spätestens an dem zeigt sich, wer „Rock’n’Roll“ oder doch nur ein dusseliger Spaßmacher ist: Andersson und seine Freunde zelebrieren ihn mit all‘ der nötigen Klasse und Sorgfalt. Und das ist auch der Knackpunkt: keine ironische Distanz, keine Nummernrevue – hier gibt’s echtes Herz, und Knaller wie „Throwing Stones“ oder das dermaßen fantastische „Déja Vu“.

Imperial State Electric spielen ihren R’n’R wie Leute, die ihn nicht nur wegen der sexy Äußerlichkeiten lieben – sie verehren das ganze Paket. Wenn das Magazin „Rolling Stone“ nur einen Funken Ehre übrig hat, dann sollte es Andersson jeden Monat auf den Titel nehmen.

Was noch fehlt? Schlagzeugsolo, natürlich. „Are You ready for yet another Drummer?“ fragt Nicke Andersson und Danny Young von Smoke Mowhak (ehemals Gluecifer) kloppt mit Thomas Eriksson um die Wette. Herrliches Gepolter, absolut sinnfrei aber dafür umso lustiger. Später wird sich auch noch Nicke hinter das zweite Drumset setzen. Und jedem einzelnen im Raum versichern, dass es die einzig richtige Entscheidung war, diesen Samstagabend im Zwölfzehn zu verbringen. Nicht bei Imperial State Electric, sondern „mit“ Imperial State Electric. Das ist der Unterschied, den nur die verstehen, die ihren Rock’n’Roll so lieben wie Nicke Andersson. King of Rock.

Ein Gedanke zu „IMPERIAL STATE ELECTRIC, 22.09.2012, Zwölfzehn, Stuttgart

  • 26. September 2012 um 14:46
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    Groß und wahr: „Der Mann spielt wie Peter Criss früher, nur halt im Sinne des Rhythmus. Ein unwahrscheinlich großer Pluspunkt, gerade wenn man Drummer in einer Rockband ist.“ Nice one.

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