MADNESS, VINTAGE TROUBLE, NU SPORTS, 05.07.2012, Schlossplatz, Stuttgart

Madness

Foto: Steffen Schmid

Liebe Madness,

jetzt, da ihr nach so vielen Jahren mal wieder in Stuttgart wart, will ich euch mal was sagen: Danke! Danke, dass ihr den Ska bekannt gemacht habt. Ohne euch gäbe es die Ska-Musik, wie wir sie heute kennen, wahrscheinlich nicht.

Das war schon ganz schön pfiffig von Euch, damals die alten jamaikanischen Hits aus den Sechzigern aufzumöbeln. Als ich 1980 zum ersten Mal „One Step Beyond“ gehört habe – ich glaube, es war im Club AT – wusste ich noch nichts von der Geschichte eurer Musik. Ich dachte, ihr hättet das erfunden – und ich konnte ich nicht ahnen, dass diese Musik mit dem kuriosen Rhythmus mal mein musikalisches Leben prägen würde.

Madness

Foto: Steffen Schmid

Ab da liefen eure LPs nämlich nonstop auf meinem Plattenspieler. Und natürlich kamen auch schnell die von euren Kumpels The Specials und The Selecter hinzu. Andere, die selbst Musik machen konnten, nahmen euch zum Vorbild und gründeten Ska-Bands. Alles schön schwarz-weiß-kariert, und natürlich auch hier in Stuttgart: seit 1985 gab es „No Sports“, und ich weiß, dass ihr deren Vorbilder wart. Ich habe sie 1987 zum ersten Mal gesehen, war schwer begeistert, dass es Ska nun auch vor der Haustür gab, und habe seitdem unzählige Konzerte besucht. Und ich bin sicher: heute sind viele hier, die euch eine ganz ähnliche Geschichte erzählen könnten.

No Sports? Sind das etwa Nu Sports? Ja, genau, das sind die, die gerade bei euch im Vorprogramm gespielt haben. Habt ihr zufällig zugeschaut? Nein? Da habt ihr was verpasst. Die haben nämlich ihr Abschiedskonzert gegeben und siebenundzwanzig Jahre Bandgeschichte in eine Stunde gepackt. Ach, war das großartig!

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Foto: Harald Löffler

Alle „Hits“ haben sie gespielt, und alle konnten wir mitsingen. Die SHARP-Skin-Hymne „Stay Rude, Stay Rebel“, das Judge-Dread-Cover „Kansas“ und natürlich ihren Gassenhauer „King Kong„. Habt ihr auch den Japaner gesehen? Das war Daiki, der Lead Sänger und Trompeter der japanischen Ska-Band „The Spymaker„. Der ist extra aus Nagoya zum Konzert angereist, um Nu Sports zu sehen – und auch wegen euch, natürlich. Die beiden Bands haben nämlich ingesamt vier Tourneen zusammen gemacht, zwei davon in Japan: die „Rude Connection„. Ska verbindet weltweit! Aber das muss ich euch nicht erzählen, ihr kommt ja auch ganz gut herum…

Als Nu Sports dann ihre ganze Geschichte – Sinatra wird’s ihnen verzeihen – in „We played it our way“ gepackt haben, bin ich ganz sentimental geworden. Da geht für mich eine große Geschichte zu Ende. Aber ich habe auch bei anderen ein paar feuchte Augen entdecken können.

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Foto: Harald Löffler

Gut, dass die Jungs von Vintage Trouble so gerockt haben. Da konnten wir den Trübsinn schnell wieder wegstecken. Was für markante Typen, was für ein Stimme und was für ein Style! Großartig. Nicht allzu schwierig, denen eine große Zukunft vorauszusagen. Blöd nur, dass sie vor einem Ska-Publikum gespielt haben – da hatten sie es mit ihrem Blues-Soul-Power-Rock schon ein wenig schwer. Hier hätte ich mir im Lineup auch etwas aus dem Bereich Ska-Jazz vorstellen können…

Lustig eigentlich, dass ihr ausgerechnet auf den Jazzopen spielt. Ihr habt ja einiges im Programm: Ska, Pop, Reggae, und sogar den ollen Tschaikowski, aber Jazz habe ich von euch noch nie gehört. Schade nur, dass so ein Jazz-Festival ein bisschen teuer ist. Da wundert’s mich auch nicht, dass der Laden nicht ganz voll geworden ist. Ska-Fans müssen nämlich meist nicht viel ausgeben für ihre Konzerte. Aber ich denke, ihr werdet auch eine ordentliche Gage bekommen haben. Kann ich verstehen, in eurem Alter muss man ja auch ein bisschen auf die hohe Kante legen. Und dass es nicht zu voll war, hatte ja auch sein gutes. So hatten wir alle schön Platz zum Tanzen.

Madness

Foto: Steffen Schmid

Aber was heißt hier teuer? Bands wie euch sieht man wahrlich nicht alle Tage, und der Rahmen ja auch ein ganz besonderer: im Schlosshof, quasi Stuttgarts gute Stube – da darf nicht jeder spielen.

„Hey you! Don’t watch that, watch this…“ So – und nur so – konnte euer Auftritt beginnen! Das war Gänsehaut pur. Klar, dass jetzt die große Party beginnen würde. Aber, liebe Madness, darf ich ehrlich sein? Am Anfang war ich doch ein bisschen enttäuscht. Da hatten wir gerade zwei toll abgemischte Bands gehört und bei euch klingt alles ganz mau. War euer Mischer noch Backstage? Aber klar, natürlich hatte ich riesige Erwartungen, da kann dann die Realität manchmal nicht ganz mithalten.

Dass ihr euch auf der Bühne kein Bein ausreißt, hat mich zuerst auch etwas gewundert. Sorry Jungs, die Specials haben da – und die sind auch eure Altersklasse – schon etwas mehr geboten.

Aber ihr seid natürlich alte Füchse, ihr wisst, dass eure Melodien so oder so ihre Wirkung tun. Und wie recht ihr habt! Man muss schon völlig verstockt sein, wenn man unter diesem Dauerbeschuss von Hits nicht irgendwann in Bewegung gerät. „Baggy Trousers“, „Bed & Breakfast Man“, „Madness“ und „Night Boat To Cairo“ – das sind alles Hymnen, die schon ganz andere Massen in Bewegung gesetzt haben. Und natürlich haben sie den gesamten Schlosshof in eine Tanzfläche verwandelt. Inzwischen habt ihr auch den Sound in den Griff bekommen. Und über allem natürlich euer Mega-Hit „Our House“, den ihr erst kürzlich der Queen vorgespielt habt.

Madness

Foto: Steffen Schmid

Das wurde dann doch noch eine ganz heiße Party, und der leichte Sommerregen wurde sogar zu einer willkommenen Erfrischung. Und ich hab’s gesehen: auch bei euch auf der Bühne wurde es zunehmend lustig! Schön. Warum nur hört ihr dann schon nach siebzig Minuten auf? Tolle Titel hättet ihr doch noch haufenweise auspacken können. Wir hätten jedenfalls noch Lust auf mehr gehabt…

Aber egal. Ich hatte einen Riesenspaß mit euch und Nu Sports auf einem gemeinsamen Konzert. Um’s mit euren (bzw. Prince Busters) Worten zu sagen: „Madness, Madness, I call it Gladness!“

Euer Holger

Madness

Foto: Steffen Schmid

Madness

Nu Sports

Vintage Trouble

Ein Gedanke zu „MADNESS, VINTAGE TROUBLE, NU SPORTS, 05.07.2012, Schlossplatz, Stuttgart

  • 8. Juli 2012 um 10:16
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    Wie immer klasse, Holger!! Genau so wars!!

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