JOAN BAEZ, 10.06.2012, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

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Foto: Heike Pannen

Sarajevo 1993, mitten im Bürgerkrieg: eine Frau sitzt mit Schutzweste auf einem klapprigen Stuhl und singt. Singt in der Fußgängerzone der zerbombten Stadt ein Friedenslied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: Amazing Grace. Mit klarer, ungebrochener Stimme. Das ist mein erstes Bild von Joan Baez. Ich habe sie erst spät wahrgenommen, in ihrem unermüdlichen Ringen gegen den Krieg und für die Menschlichkeit. Ihr Konzert in Stuttgart auf der Freilichtbühne Killesberg ist eine weitere kleine Station, auf dieser ihrer nicht enden-wollenden, musikalisch-politischen Reise.

Allein betritt sie zunächst die Bühne. Schwarze Jacke, ein langer Schaal, Jeans, Cowboy-Stiefel. Für einen Weltstar, würd ich mal sagen, unprätentiös. Das weite Rund im Grünen, die Freilichtbühne Killesberg, ist bis auf den letzten Platz gefüllt und der Empfang der Künstlerin schwangt irgendwo zwischen Begeisterung und Ehrfurcht. Das Publikum ist gemischter als gedacht. Natürlich, im Schnitt ältere Semester. Bärtige Zottelträger, ein paar Junggebliebene und gar nicht so wenige Teens. Wenn auch ein paar der mitgeschleiften Kids wohl lieber das EM-Spiel Spanien gegen Italien sehen würden. Der mehrheitlich erwartungsfrohen Stimmung tut das aber keinen Abbruch. Zumal das Wetter mitspielt. Regnen sollte es. Befürchteterweise in Strömen. Aber kein Tropfen fällt. Ganz im Gegenteil, während der ersten Songs blitzt die Sonne hervor und taucht Joan Baez in ein magisches Licht. Das bekommt sonst keine Lightshow hin.

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Foto: Heike Pannen

„God is God“ ist der erste Song des Abends. Eine jener sinnestiefen Stücke von Steve Earle (Ikone des amerikanischen Alternative-Country), die sich auf dem letzten Album von Joan Baez finden: „Day after Tomorrow“. Seit längerem schon schreibt Joan Baez nicht mehr selber, sondern interpretiert lieber Songs und Balladen ihrer großen Kollegen, wie Bob Dylan, Tom Waits, und Leonard Cohen. „Be not too hard“ und „Angelina“ sind zwei solche Klassiker und das Publikum ist mit ganzer Seele dabei. Joan holt ihre „Big-Band“ auf die Bühne: Dirk Powell (Gitarre, Violine, Banjo, Piano) und Gabriel Harris (Percussion).

Dirk Powell begleitet Joan Baez seit langem und ist auch zuletzt mit ihr bei der Occupy-Bewegung vor der New Yorker Börse aufgetreten. Sein virtuoses Spiel lässt sich gekonnt von ihrer Stimme leiten und intensiviert vor allem den Ausklang der Stücke auf bewegende Weise. Gerade auch bei den Folk-Balladen mit starkem Country-Touch, denen das Trio trotz der tieftraurigen Texte eine gewisse Heiterkeit verleiht (Flora, Butcher Boy, Scarlet Tide). Wenn auch Joan Baez dazu sagt: „Don’t be tricked. We try to make them sound cheerfull. But they are always about someone who dies or who is very miserable.”

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Foto: Heike Pannen

Es sind die Texte, die einem von Joan gesungen, tief unter die Haut gehen, die einen aufwühlen, aufrütteln und zum Widerstand aufstacheln. Genau das ist ihr Ziel. Mit 71 Jahren kämpft sie noch immer mit ihren Liedern. Mit bittersüßen, melancholischen, humorvollen, aber eben auch mit klassenkämpferischen Liedern. Beispiel „Hard Times“ (geschrieben von Stephen Foster):

Let us pause in life’s pleasures and count its many tears,
While we all sup sorrow with the poor;
There’s a song that will linger forever in our ears;
Oh hard times come again no more

Sie selbst bezeichnet sich zu allererst als eine politische Aktivistin. Ihre Waffe sind die Lieder. Auch wenn ihr musikalisch selbst ein Bob Dylan attestierte, dass sie Gitarre spielt, wie er es nie hinbekommen hat. Aber im Zentrum ihrer unschuldigen, gleichsam noch heute des Vibrato mächtigen Stimme, steht immer die Botschaft. Wie in „Jerusalem“ (von Steve Earle):

And there’ll be no barricades then
There’ll be no wire or walls
And we can wash all this blood from our hands
And all this hatred from our souls

And I believe that on that day all the children of Abraham
Will lay down their swords forever in Jerusalem

Ihre Liebe zum Folk entbrannte in den Cafes und Bars rund um ihr College, an dem sie hätte studieren sollen. Folk, das war damals eine Wiederauferstehung traditioneller amerikanischer Musik, gepaart mit dem Willen, die Rückkehr zu den Ursprüngen, gleichsam als Sprungbrett für eine bessere Zukunft zu nutzen. Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, die ihre Helden selbst gebar. Joan Baez war von Anfang an dabei. Sie protestierte gegen die Rassentrennung, lernte Martin Luther King kennen, nahm teil am Marsch auf Washington, trat in Woodstock auf, ging mitten im Vietnamkrieg ins feindliche Nordvietnam. Sich selbst schonte sie dabei nie. Mehrfach wurde sie verhaftet, bekam Morddrohungen. Sie heiratete den Anti-Vietnam-Aktivisten David Harris. Harris Widerstand gegen die Wehrpflicht würde ihn über kurz oder lang ins Gefängnis bringen, das war beiden klar. Dass seine über einjährige Haftstrafe die Beziehung zerstören würde, ahnten sie nicht. Als Harris entlassen wurde, sagte er: „In prison, I lost my ideals, but not my principles.“ Ihr gemeinsamer Sohn Gabriel Harris steht heute mit ihr auf der Bühne.

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Foto: Heike Pannen

Zusammen mit Gabriel und Dirk Powell begrüßt Joan ihren heutigen Gast: Marianne Aya Omac. Eine großartige französische Künstlerin mit einer Stimmgewalt, die an Joans beste Jahre erinnert. Iberische Klänge entfalten sich in der Arena der Freilichtbühne, begleitet von der, hinter den Bäumen des Killesberg-Parks, untergehenden Sonne. Die musikalischen Wurzeln anderer Kulturen zu achten, war auch immer ein wichtiger Teil der Folk-Bewegung. Country, Alternative-Country, Modern Jazz, selbst Rock, wäre in seiner heutigen Form ohne Folk nicht denkbar. Denn mit Folk wurden erstmals auch die afroamerikanischen Musikeinflüsse weit in die weiße Mittelschicht der USA getragen wurden. Die Öffnung einer ganzen Gesellschaft für ihre eigene Multikulturalität, ist ein verbleibender Verdienst des Folk-Revivals und der damit verbundenen Bürgerrechtsbewegung. Das Ende der Wehrpflicht, die Aufhebung der Rassentrennung und eine völlig verändertes Gesellschaftsklima, in dem Diskriminierung und Unterdrückung, auch sexueller Natur, offen diskutiert werden können, sind Früchte der Arbeit von Künstlern und Aktivisten wie Joan Baez.

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Foto: Heike Pannen

Auch über den Vietnam Krieg hinaus hat sich Joan Baez immer wieder, teils unter Einsatz ihres Lebens, gegen Menschenrechtsverletzungen positioniert. Ein Höhepunkt des Konzerts ist dann auch ihre Interpretation von Swing Low Sweet Chariot, die sie einst bei einer Veranstaltung für die Demokratie-Bewegung in der Tschechoslowakei sang, als Antwort auf die Staatsmacht, die einen Auftritt Václav Havels verhindern wollte.

Gegen Ende des Konzerts reiht sich dann ein Klassiker an den anderen. „House oft he Rising Sun“ (in der Version von Bob Dylan), „Suzanne“ (Leonhard Cohen), „Dona Dona“ (Aaron Zeitlin), und die Hymne der Flower-Power-Zeit schlechthin: „Blowing in the Wind„. Besonders ergriffen werde ich aber mal wieder von „Diamonds and Rust“. Es ist eines ihrer selbstgeschriebenen Lieder, handelt von der Liebe in der Rückschau und von ihrer Beziehung zu Bob Dylan. Eine wahnsinnige, eine zutiefst romantische, aber eben eine unglückliche Liebe muss es gewesen sein:

As I remember your eyes
Were bluer than robin’s eggs
My poetry was lousy you said
Where are you calling from?
A booth in the midwest
Ten years ago
I bought you some cufflinks
You brought me something
We both know what memories can bring
They bring diamonds and rust

Dylan und Joan – das war wohl ein ganz eigenes Universum. Zu komplex, für Sterbliche.

Faszinierend, wie Joan Baez auch solche Songs mit Selbstironie und Lebensfreude vortragen kann und das Publikum damit begeistert. Verarbeiten müssen, hat sie viel in ihrem Leben. Gerade deshalb, und wegen ihrer Glaubwürdigkeit, lieben die Menschen sie. „Gracias“ und das unsterbliche „Imagine“ von John Lennon bilden den Schlusspunkt des Abends. Dabei fallen dann doch noch ein paar Tropfen. Keine Regentropfen, sondern Tränen der Bewunderung und der Freude.

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Foto: Heike Pannen

6 Gedanken zu „JOAN BAEZ, 10.06.2012, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

  • 14. Juni 2012 um 07:59
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    Toller Beitrag, schöne Fotos! Kaum zu glauben, dass die Dame bereits 71 ist…

  • 14. Juni 2012 um 19:09
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    Kann mich nur anschließen. Klasse Bericht! Vielen Dank Euch.

  • 14. Juni 2012 um 21:52
    Permalink

    Klingt klasse, schade, dass ich nicht hinkonnte. („House of The Rising Sun“ von Bob Dylan?)

  • 15. Juni 2012 um 08:43
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    @Matzi Danke für den richtigen Hinweis! Dylans Version war zwar (noch vor der von The Animals) die Bekannteste, aber auch er war nicht der ursprüngliche Komponist/Texter. Wiki schreibt dazu: „Wie bei vielen überlieferten Folksongs sind auch bei diesem die Herkunft und der Ursprung umstritten.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/The_House_of_the_Rising_Sun

  • 20. Juni 2012 um 10:32
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    Sehr schöne Fotos & wie immer von diesem Autor absolut lesenswerter Konzertbericht !
    Möge die Stimme von Joan Baez noch lange zu hören sein.

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