SCORPIONS, 12.05.2012, Schleyerhalle, Stuttgart

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Foto: Sue Real

Ach, man muss die Scorpions verteidigen: Gegen Kritiker. Gegen Skeptiker. Und seltsamerweise muss man sogar die Fans der Band manchmal ein wenig anspornen. Zunächst einmal ist es schon interessant, dass zwar keiner einen Metal-Fan ungläubig befragt, wenn er auf ein Anna Calvi-, Deine Lakaien– oder Bon Iver-Konzert geht, wohl aber bei den Scorpions. Man könnte meinen, dass die Leute irgendwie denken, da ginge sowieso keiner hin. Seltsam, dass die Schleyerhalle dann ausverkauft ist.

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Foto: Sue Real

Ich bin kein Scorpions-Fan, war nie einer und hatte nie eine Platte. Was ich kenne, kenne ich aus dem Radio (und Radio höre ich seit 1993 nicht mehr). Trotzdem fühle ich mich betrachtet wie ein Exemplar einer aussterbenden Art, wenn mich die Gäste einer nach dem Konzert aufgesuchten Party zum Auftritt der über 100 Millionen Platten schweren deutschen Band befragen. Unterstellen wir mal, sie seien neugierig – wie ich es auch war –, unterstellen wir mal, sie überlegen sich, ob sie da etwas verpasst haben: Das haben sie – anders als ich und einige tausend andere – tatsächlich. Zu einem Fan macht mich das jetzt nicht, und – anders als einige Millionen – werde ich mir die Scorpions auch in Zukunft nicht zuhause anhören.

Wer nicht da war, hat eine Band verpasst, die mit viel Bühnenpräsenz und Spielfreude ihre Musik präsentiert. Nach den 47 Dienstjahren merkt man den Scorpions keinerlei Müdigkeit an, sondern lediglich Erfahrung darin, wie man eine gute Show macht: Die riesige Bühne mit ihrem Steg ins Publikum wirkt mit den fünf Musikern in keinem Moment leer. Beständig hetzen sie hin und her. Rennt der eine nach links, so der andere nach rechts. Und mal treffen sie sich alle vorne auf dem Steg, mal links oder rechts am Rand. Gepaart mit den Aufforderungen zum Mitsingen, Arme heben, Jubeln, wird jeder Teil der Halle angesprochen.

Vergleicht man das mal mit der Judas Priest-Abschiedstour, die ich letzte Woche gesehen habe, bringen die Deutschen hier wesentlich mehr Leben auf die Bühne. Mehr noch: Wurde Judas Priest für ihren unzeitgemäßen Einsatz aktueller Bühnentechnik kritisiert, kann man das den Scorpions bestimmt nicht vorwerfen. In feiner Abstimmung mit der fantastischen Lightshow zeigen riesige G-Lecs Filme zu den Stücken und größtenteils ästhetisch verfremdete und in die Filme eingeblendete Live-Aufnahmen der Musiker. Auch hier werden – während James Kattak sein Solo mit Werbung für sein aktuelles Album „Attack“ verbindet – unter großem Jubel die Alben-Cover präsentiert. Eingebettet sind sie aber in scheinbar speziell hergestellten Clips: Schauspieler und Bandmitglieder spielen Szenen, aus denen sich immer wieder die Cover-Motive ergeben. Im Ganzen ergibt sich ein stimmiges Show-Konzept ohne Aussetzer, das offensichtlich von dem Willen getragen wird, den Fans wirklich etwas zu bieten.

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Foto: Sue Real

Um also nochmal auf den Judas Priest-Vergleich zurück zu kommen: War dort die Show gut, war sie hier beeindruckend. Eigentlich haben die Scorpions die Nase stets vorn – nur musikalisch hatten Judas Priest musikstilbedingt mehr Druck (aber das heißt Äpfel mit Birnen vergleichen, sprich Rock mit Metal). Druck machen bei den Scorpions nur einige der Stadion Rock- (oder Adult Oriented Rock)-Nummern wie „Big City Nights“ oder „Rock You Like A Hurricane“, die auch am begeistertsten aufgenommen werden. Eine große Zahl der anderen rockigen Midtempo-Stücke – zum Beispiel „Raised on Rock“, „Tease Me, Please Me“ oder „Hit Between The Eye“ – wollen, wie engagiert sie von Rudolf Schenker und Matthias Jabs auch vorgetragen werden, nicht richtig zünden. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass diese weniger hymnenartige Refrains haben, oder ob die Songstrukturen zu gleichförmig sind. Auf jeden Fall habe ich den Eindruck, diese Stücke zögen sich. Und vielleicht geht es nicht nur mir so: Viele im – nicht ganz vorne stehenden – Publikum bleiben seltsam verhalten. Ist es völlig in die Musik versunken oder nur schwäbisch zurückhaltend („Net gschombfa isch Lob gnuag.“)? Hier hätte ich auf jeden Fall mehr von den Fans erwartet – muss ja nicht gleich ins Extrem umschlagen. An den Live-Bemühungen der Band liegt es jedenfalls nicht – wenn dann am Song-Material. Und das ist ja nun zugegebenermaßen auch der Einwand gegen die Scorpions, den man immer wieder zu hören bekommt.

Es zeigt sich aber, dass es den Fans offensichtlich zu einem guten Teil um etwas anderes geht. Gemessen an der Reaktion in der Halle liegt die eigentliche Stärke der Band nämlich in ihren Balladen, bei denen nicht nur die Stimme von Klaus Meine vollends zur Geltung kommt: Bei „Send Me An Angel“ oder „Holiday“ und natürlich „Still Loving You“ singt auch das Publikum am vielstimmigsten mit. Und während die einen die Feuerzeuge aufflammen lassen, haben die anderen ihren Moment: Es sagt doch alles, wenn der Besucher vor mir seine Freundin bei „Loving You Sunday Morning“ ganz dicht an sich drückt. So haben alle, die da sind, eine sehr gute Show, die Fans ihre Musik und einige noch ein bisschen mehr.

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Foto: Sue Real

Ein Gedanke zu „SCORPIONS, 12.05.2012, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 16. Mai 2012 um 09:57
    Permalink

    Arbeitsteilung: Du gehst zu Scorpions, ich geh zu Scooter.

    Bei den Schenker-Fotos schauert es mich genauso wie bei den HP-Baxxter-Fotos.

    Große Unterhaltung!

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