JUDAS PRIEST, THIN LIZZY, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

JUDAS PRIEST, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

Foto: Sue Real

Man hat den Song-Titel schon gewispert, während das Publikum auf die Zugabe wartete: „Living After Midnight“, und ja, er wird kommen, als letzter Song des Abends. Noch aber spielen Judas Priest ultragefrickelte Soli zu dem geradlinig stampfenden Beat von „You’ve Got Another Thing Coming“. Lang ausgespielt wird der Song, heiß gepeitscht ist das Publikum. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan: Die Show hat ihren Höhepunkt erreicht, es fehlt nur noch der Donnerschlag zum Ende. Die Leute spüren es und wollen es doch nicht wahr haben. Sie sind euphorisiert und machen sie alle mit, die Ruf-und-Antwort-Spielchen: „Three more metal maniac calls“, werden da gefordert, die Pyros lassen es nochmal richtig krachen, „two more“, „one more“. Rob Halford setzt mit seinem infernalischen Kreischen ein, bevor der Song im zweiten Grande Finale des Abends gipfelt: Double Bass, Lasernebel, sich steigernde Gitarren. Der Lichtmischer gibt nochmal alles, während die Stimmung im Publikum ihrerseits Funken zu schlagen scheint. Abschiedsgesten nach zweieinviertel Stunden, Winken, verteilen von Plektren, Glenn Tipton tauscht vielsagende Blicke mit der ersten Reihe. „Make a shit load of noise“ wird gefordert, bevor Scott Travis zum letzten Song anheizt.

JUDAS PRIEST, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

Foto: Sue Real

„Living After Midnight“ also. Halford singt nur das erste Wort jeder Zeile, den Rest übernimmt die ganze Halle. Von der Decke fällt ein neues Backdrop herunter, auf dem „Judas Priest United“ steht. Das schmissige Riff des Songs vom 1980er Album „British Steel“ lässt die Menge ausflippen, bevor es ganz aussetzt und das Publikum den vierten Refrain allein und nur von Drums begleitet singt. „Eins, zwei, drei, vier, Living …“ setzt Halford schließlich nochmal ein, dann steigert sich das Stück zum Schluss.

Das ist der Höhe- und Endpunkt. Nichts gibt es mehr zu wollen nach knapp zweieinhalb Stunden der britischen Heavy Metal-Band: Zu „Hell Bent For Leather“ kam Halford wie immer mit seiner Harley auf die Bühne gerollt – krasser Sound, wenn der Motor bei voll aufgezogenem Regler durch die P.A. knattert. Gleich muss man an Steppenwolfs Metapher für diesen Sound denken:

I like smoke and lightning
Heavy metal thunder
Racin’ with the wind

Davor gab es schon einen ersten Höhepunkt, als Judas Priest ihre beiden Hits „Breaking The Law“ und „Painkiller“ nur durch ein Drum-Solo getrennt aufeinander folgen ließ. Im Schein von Flammenfontänen schreien 5.000 Leute im Chor „Breaking The Law“. Welch eine Vorstellung, dass sich nur 500 Meter weiter eine andere Menschenmasse im Dirndl über das Frühlingsfest schiebt. Dann lieber „Painkiller“:

He’s half man and half machine
Rides the Metal Monster
Breathing smoke and fire

Gleich muss man nochmal an Steppenwolf denken. Wie passend, dass er auf dem Cover des gleichnamigen Albums (1990) auf einem Motorrad mit Kreissägeblättern als Rädern zu sehen ist. Live dann: Feuer, Nebel, Lasershow.

JUDAS PRIEST, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

Foto: Sue Real

Im Ganzen präsentiert sich Judas Priest als konsequente Steigerung, die auf diese bekanntesten Songs hingearbeitet hat, die dann geballt kommen. Die Spannung hat sich über die fünf Songs seit dem Kickstarter „Turbo Lover“ kräftig ausgeweitet, das augenzwinkernd durch die Backdrop-Projektion eines Dampfhammers illustriert wurde. Man merkt der Band schon an, dass sie genau weiß, wie man die Dramatik eines solchen Konzertes aufbaut. Leider zeigt nur der Neuzugang Richie Faulkner wirkliche Bühnenpräsenz. Das fängt schon damit an, dass er sich als einziger konsequent vorne auf der Bühne aufhält und am meisten bewegt. Sympathisch schrullig ist dagegen der Zeigefinger von Tipton, mit dem er andauernd jemandem signalisiert, dass er gerade ihn ansieht, während er durch wilde Mimik irgendetwas zum Ausdruck zu bringen versucht. Etwas deplatziert wirkt dagegen Ian Hill, der zwar deutlich mit der Musik mitgeht, aber scheinbar an eine der Ketten gelegt wurde, mit denen die Bühne dekoriert ist. Halford dagegen schreitet über die Bühne, was mal an die Erhabenheit eines Priesters erinnert, mal an die Schwerfälligkeit des Golem. Schade, das war nicht immer so, wie die Aufnahmen aus Memphis 1982 zeigen. Gut, ist 30 Jahre her. Kein Wunder vielleicht, dass die „Epitaph World Tour“ die letzte Welttournee sein soll, ohne dass sich die Band deswegen gleich auflösen wird.

JUDAS PRIEST, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

Foto: Sue Real

Ist Halford bei seinen Bewegungen auch zurückhaltend, ist er doch stimmlich in Hochform und führt seine reichhaltige Garderobe vor – von der Leder-Nieten-Jacke über die Jeans-Nieten-Jacke zum silbernen Cape beim begeistert aufgenommenen „Prophecy“ und dem ebenso silbernen Gehrock zum Lametta-Mantel. So gibt es zusätzlich zur Lightshow und den hinten projizierten Plattencovern immer was zu sehen und obendrein klaren schneidend scharfen Sound – bei den ruhigen Passagen in Joan Beaz’ „Diamonds & Rust“, dem klassischen Cover, bis zu den schnellen beim Opener „Rapid Fire“. Da zeigen sie auch gleich, dass sie in Vergleich zu ihrer brillanten Vorband Thin Lizzy mit wesentlich mehr Wumms daher kommen.

Die Iren indes haben auch wirklich viel zu bieten: Unter einem schlichten in verschiedenen Farben glitzernden Logo zeigen sie so viel Spielfreude, dass nachher manch einer sagt, dass sie Judas Priest an die Wand gespielt haben. Aber schon in den belauschten Diskussionen gab es zu dieser These deutlichen Widerspruch. Wie dem auch sei: Lockere Songs wie „Boys Are Back in Town“, „Black Rose“ oder das natürlich unvermeidliche „Whiskey In A Jar“ machen immens viel Spaß. Mit großer Geste werden die Fäuste und Gitarren in die Höhe gereckt oder bei „Rosalie“ von Ricky Warwick und Scott Gorham ein Mikro geteilt. Wie Judas Priest weiß die Band, wie man mit dem Publikum umgehen muss, wie Judas Priest sind sie völlig routiniert und doch begeistert von dem, was sie da tun. Und das Publikum ist es ebenso. Schade nur, dass Thin Lizzy nicht länger spielen konnten. Aber das bleibt das einzige Manko an diesem Abend, vom ersten Ton bis „Living After Midnight“.

Nach Mitternacht allerdings fährt man mit der U-Bahn auch die 500 Meter weiter und begegnet somit den Besuchern des Frühlingsfestes. Da kommt es den Priest-Fans dann zu pass, dass sie schon so gut eingesungen sind: Während eine Gruppe offensichtlich auswärtiger Volksfestbesucher sich darin versucht, weiterhin „Paul muss kacken“ zu singen, wird sie durch ein nachhaltig intoniertes „Breaking The Law“ einfach niedergesungen.

JUDAS PRIEST, 03.05.2012, Porsche Arena, Stuttgart

Foto: Sue Real

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