HEAVEN SHALL BURN, UNEARTH, NEAERA, SUFFOKATE, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

HEAVEN SHALL BURN, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Gräben. Sie markieren Grenzen oder eine Spaltung; Menschen liegen sich in ihnen gegenüber und bekämpfen sich; sie sind Abläufe an Straßen oder auf Feldern; und man zieht sie um Burgen oder stellt Fotografen rein. Sie dienen zum Schutz vor Übertritten und der Leute auf beiden Seiten. Sie sind die Klüfte zwischen dem Unvergleichlichen und das Niemandsland zwischen zwei Polen. Oder vielleicht auch nicht: Vielleicht übersieht man dabei, dass in diesem Niemandsland genauso viel abgeht, wie links und rechts davon.

Als uns die Sachsen Thüringer Heaven Shall Burn am Mittwoch mit ihrer Progression-Tour beehren, haben sie neben dem Knüppel, den sie selbst später am Abend noch aus dem Sack lassen werden, eine ganze Menge Prügelknaben im Gepäck: Angefangen bei der amerikanischen Deathcore-Band Suffokate – die allerdings ziemlich stumpf rüber kommt: Am bemerkenswertesten bei dem von eintönigen Stücken gezeichneten Auftritt finde ich noch die Mickey Mouse-Proportionen, auf welche Sänger Ricky Hoover seinen Ohrwascheln gedehnt hat. Es öffnet sich da schon eine weite Kluft zu den ebenfalls amerikanischen Co-Headlinern Unearth. Und schließlich sind da die deutschen Neaera abermals um Längen besser als Unearth, mit denen sie sich die musikalischen Labels Melodic Death Metal/Metalcore teilen.

Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie stark sich Bands qualitativ unterscheiden können, die in einem Musikbereich mit so eng abgesteckten musikalischen Mitteln operieren. Klar leiden Unearth unter den genannten Bands – den lokalen Support verpassen wir leider – heute am schlechtesten Sound. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sie mit dem direkten Vorgänger in der Running Order – Neaera – und dem Headliner nicht mithalten können. Unter Verwendung teils derselben Trade Marks – wie doppelläufigen Gitarrenmelodien, gnadenlos heftigen Riff-Attacken, dem Spiel mit Rhythmen und Breaks sowie einem Schreit-sich-die-Seele-aus-dem-Leib am Mikro – machen sie fortwährend den Eindruck, in letzter Konsequenz orientierungslos zu bleiben und die Stücke nicht wirklich auf dem Punkt zu bringen. Das sind Gräben, die nicht so leicht zu überwinden sind. Der qualitative Unterschied zwischen den beiden deutschen Bands ist da schon wesentlich kleiner und besteht vielleicht darin, dass Heaven Shall Burn melodiöser und damit einen Tick eingängiger sind.

HEAVEN SHALL BURN, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Nachdem man eigentlich auch von Suffokate das Straight Edge-Äquivalent einer Kneipenschlägerei (wie Timon das nennt) erwartet hat, bringen die drei nachfolgenden Bands alle richtig Bewegung auf die Bühne und in die feierfreudige Stuttgarter Meute. Auf keiner Seite des Grabens, der vorne die Musikbegeisterten trennt, lässt man heute etwas anbrennen – aber eben auch im Graben selbst nicht. Zur Verteidigung des neutralen Grundes sind vom Veranstalter anfangs drei Mann abgestellt. Aber die haben ihre Rechnung ohne Neaera gemacht! Doch zunächst einmal auf die Bühne: Dummerweise hat Sänger Benny Hilleke sich gestern in Posen einen Hexenschuss zugezogen. Er spricht von sich als „Rentner hier oben“. Das mag beschreiben, wie er sich gerade fühlt. Im Publikum kann keiner Klagen: Er springt rum, bangt, tobt, als wäre nichts. Dabei hält er sich regelmäßig den Rücken oder klopft drauf. Sicherlich kein Spaß, der Hexenschuss. Den Spaß am Konzert lässt er sich allerdings nicht vermiesen.

Auch weiß er, was er von seinem Publikum erwarten kann: Er macht Ruf-und-Antwort-Spielchen, fordert die Mano cornuta oder Winken mit den Armen. Das Publikum macht das auch alles brav mit. Zwar kommt der Aufforderung zum Crowd Surfing erst mal nur einer nach, doch als Benny das wiederholt, bricht die Flut los: Jeweils vier bis sechs gleichzeitig werden einen ganzen Song lang über das Publikum nach vorne getragen. Die armen drei Securities im Graben wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Während sie vorne einen herunterheben, folgt danach schon der nächste … und zwei Meter daneben … und fünf Meter daneben … und hinten noch einer. Während sich die Drei abrackern, erfüllt der Graben noch seine Funktion als Ablauf für die schon vorne Angekommenen. Dann springt auch noch Benny runter und singt vom Graben aus der ersten Reihe zu. Kein Wunder, dass ganz links vorne dann mal ein Crowd Surfer den unsanften Abgang ohne die starken Arme eines Securities macht. Das tat sicherlich weh, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt. Und die Welle rollt weiter.

HEAVEN SHALL BURN, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Eine bessere Vorlage kann man sich von einer Vorband nicht wünschen. Danach muss das Publikum einen Gang runter schalten. Dementsprechend geht es bei Unearth auch ein wenig gesitteter zu. Aber nur wenig: Schon während die Fotografen beim dritten Stück noch ihrem Job nachgehen, bricht der Surf aus Leibern wieder los – zum Glück wird die Security auf fünf Mann aufgestockt. Unser Sue kriegt auch gleich mal einen der vielen engagierten Jungspunden, von denen das Publikum wimmelt, an den Kopf. Sie toben, sie springen, sie bangen, und sie lassen sich auf Händen gen Bühne tragen. Und während die Jungs mehr eifrig oder die Vocals mitbrüllend ins Publikum zurück laufen, kommen einige der hübschen Mädchen mit breitestem Grinsen wieder aus dem Graben zurück. Sie haben sichtlich Spaß, und auch die Band zeigt Spielfreude: Buz McGrath springt samt Gitarre von der Bühne runter und lehnt sich, nebenher weitere Riffs zockend, ins Publikum, und Ken Susi macht allerlei Quatsch: von Liegestützen mit Gitarre bis zum scheinbaren Verschenken eines Plektrums, das er dem Fan dann aber wieder entreißt, um noch den Song zu Ende zu spielen. Insgesamt sind Unearth melodiöser, weniger rhythmisch. Bei aller Anstrengung und Rockstar-Ausstattung wie der Jim Beam-Flasche lassen sie das Publikum weniger abgehen, als die deutschen Bands.

HEAVEN SHALL BURN, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Aber dann kommt ja Heaven Shall Burn. Die Bühne wird umgebaut, Getränkenachschub bereitgestellt; ein Mädchen in der ersten Reihe kämmt sich nochmal schnell die Haare – vom Bangen bekommt man schließlich Knötchen; die Fotografen werden in den Graben geschleust; das Licht geht aus; die Show beginnt.

Und während oben auf der Bühne die himmlischen Gefilde von Blitzlicht und Gewitter heimgesucht werden, passiert unserem Fotografen vorne im Graben etwas, das ihm noch nie passiert ist: Von der Wand aus Sound, vom Druck der Riffs, von der originellen Lightshow paralysiert, bleibt er einfach stehen und vergisst ganz, seinem Job nachzugehen. Erst als Gitarrist Alexander Dietz ihm über den Kopf wuschelt und signalisiert, dass er doch fotografieren soll, kommt er wieder zu sich. Das geht aber auch nicht nur ihm so. Das ganze Publikum reagiert mit Schrecksekunde. Dann aber macht es sich alle Ehre. Schließlich lobt es der sympathische Sänger Marcus Bischoff auf sehr glaubhafte Weise: Natürlich hätte er sagen können, dass es ein großartiges Publikum ist, stattdessen verweist er aber darauf, dass allen Bands, die von der Bühne zurück in den Backstage-Bereich gekommen sind, das Grinsen ins Gesicht getackert steht, so wie man es hier unten auch im Publikum sieht.

Es sind weniger rein rhythmische Passagen. Die Melodien fügen sich nahtlos ein. Alles wirkt kompakter, gewachsener. Alles bleibt abwechslungsreich. Weder musikalisch noch von der Show her kommt Langeweile auf. Heaven Shall Burn sind ganz zu Recht Headliner. Und dementsprechend geben Musiker und Publikum alles. Da geht auch manches verloren: Mal ein Handy, mal kommt ein Schuh nach vorne geflogen – etwas später surft sein verzweifelter Besitzer heran. Der nächste kommt gleich nur in Socken. Und als auch der wieder vollständig bekleidet ist, fliegt hinten schon der nächste Schuh durchs Publikum. Jetzt lassen sich auch vermehrt Mädchen übers Publikum tragen, während Heaven Shall Burn Granate nach Granate abfeuern, von kompakt zu rhythmisch gebrochen zur Blast Beat-Artillerie. Zwischen drin gibt’s auch mal ein Edge of Sanity-Cover („Black Tears“). Das Publikum schreit dennoch nach mehr und bekommt mehr sowie die Gelegenheit für eine große Wall of Death; auch schreit es nach Wasser, bis die Band welches über den Graben wirft. Von der Bühne ins Publikum reicht man sich beim letzten Song die Hände, während sich zwischendrin die Crowd Surfer stauen, weil noch immer mehr davon in den Graben gespült werden, als aus ihm abfließen können.

Und schließlich ist es aus. Das Publikum ist glücklich, die Band ist glücklich: „Perfekt“, sagt Marcus Bischoff, und: „Chapeau“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

HEAVEN SHALL BURN, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Heaven Shall Burn:

Unearth:

Neaera:

4 Gedanken zu „HEAVEN SHALL BURN, UNEARTH, NEAERA, SUFFOKATE, 28.03.2012, LKA, Stuttgart

  • 3. April 2012 um 16:58
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    Nach längerer Wirkungspause freue ich mich v.a. über Froilein Sues großartigen Fotos.

    Fiese Feranstaltung, Euer Konzert ;-)

  • 5. April 2012 um 11:17
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    Die Jungs sind übrigens keine Sachsen, sie kommen aus Thüringen :-)

  • 5. April 2012 um 11:31
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    !!!!!
    also cooler Artikel aber ein stört mich ganz gewaltig daran seit wann liegt Saalfeld, Jena und Weimar (Herkunftsorte der HSB Musiker) in SACHSEN? diese werden das als bekennende FC Carl Zeiss Jena Fans und einem starken Bund mit ihrer Heimat auch nicht all zu nett finden
    erinnert mich an „nicht jeder aus dem Osten ist Sachse“ ^_^

  • 5. April 2012 um 11:34
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    Aua, ich seh‘ es ja ein. Mea maxima culpa. Es ist Thüringen!

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