SCREAM, 01.02.2012, Schocken, Stuttgart

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Foto: Heike Pannen

ACHTUNG, ACHTUNG: Scream sind zurück! Bitte mal alle fest anschnallen: Anarcho-Schockwellen türmen sich auf, am Horizont der totglobalisierten Welt, brennt ein Inferno aus markerschütterndem Hardcore Punk! Die Absurdität der ganzen gottverdammten Anpassung wird einem Generalangriff unterzogen. So wie das einst bei der Entstehung vom Punk-Rock war, als The Clash und die Sex Pistols die Welt revolutionierten, oder dieses zumindest versuchten.

Nein, Punk hat die Menschheit nicht von der Anbetung des Mammon befreit. Aber die großen alten Punk-Rocker von Scream (berühmt geworden durch das Independent Label Dischord Records) wollen das nicht hinnehmen und versuchen es einfach weiter, versuchen es wieder und das nach fast 20 Jahren. Die neue Scheibe (nur auf Vinyl erhältlich) Complete Control Sessions war nach der unerwarteten Reunion eine erfreuliche Überraschung. Mit dem differenzierten, teils ganz neuen und doch brachial punkigen Sound überzeugt die Scheibe und begeistert die Fans. Die alten Platten sind im Zuge der Neuveröffentlichung praktisch ausverkauft. Das nenne ich eine Wiederauferstehung!

Nun gehen die Brüder Pete (Vocals) und Franz (Lead-Guitar) Stahl mit Bassist Skeeter Thompson und Drummer Kent Stax (also in der Gründungsformation) auf große Europa-Tournee. Heute machen sie in Stuttgart im Schocken Station. Mit an Bord, ein Neuer: Gitarren Virtuose Clint Walsh (der den zeitweiligen Gittaristen Robert Lee Davidson ersetzt).

Manche Fans werden Dave Grohl von den Foo Fighters vermissen. Grohl war bei Scream am Schlagzeug (als sich Stax eine Auszeit nahm) und hatte die Band stark beeinflusst. Aber ein bisschen scheint sein Geist Scream weiter zu begleiten, das neue Album wurde in seinem Studio 606 aufgenommen. Irgendwie scheint die Band mit der Vergangenheit ihren Frieden gemacht zu haben.

Und wenn eine Band ihrem Namen alle Ehre macht, dann Scream. So schreit sich Pete gleich zu Beginn die Seele aus dem Leib und ist nach zwei Songs schweißgebadet. Die Geräuschlawine aus verzerrten Gitarren und ohrenbetäubendem Schlagzeug-Gedonner zieht einen in ihren Bann. Bei Scream wird Anarchie musikalisch durch-dekliniert. „Keep the spirit up!“ wird ins Publikum gegrölt und die Menge antwortet mit kollektivem Head-Banging. Pete geht dabei ganz direkt auf die Leute zu, springt von der Bühne, schreit einem ins Gesicht und treibt mit rudernden Armbewegungen die Menge näher an die Bühne. Entkommen? Zu spät! Aus der Erfahrung nicht!

This side up! (vom zweiten, gleichnamigen Album der Band) gibt einem das Gefühl, dass das Schocken gleich abhebt, weil für all die extremen Emotionen einfach nicht genug Raum zu sein scheint. Pete verbiegt seinen Leib, seine Halsschlagadern pochen. Sich festklammernd am Gerüstbalken, hört er nicht auf himmelwärts zu schreien: What can we do? Begleitet von Gitarrensoli der Verzweiflung. Neue Nummern wie Stopwatch gehen durch Mark und Bein. No Money – Feel like that lässt die Band mit den Fans verschmelzen.

Zwischen Wut und Hass kommt immer wieder ein trauriges Wehklagen zum tragen. Reggae und Blues schimmern da deutlich hervor. Besonders bei dem Song für den am gestrigen Tage verstorbenen Don Cornelius (einer US-Musiklegende, die vielen farbigen Musikern zum Durchbruch verhalf). Cornelius hat den Freitod gewählt. Scream verbeugt sich mit einem Song. Pete: „For the guy who is now somewhere out there.“ Punk ist halt immer auch hart am Tod gebaut.

Da wird dann Hardcore plötzlich zur tiefschürfenden Suche nach dem Sinn des Seins. Gerade weil so einfach brutal und gnadenlos laut. Scream schreit einem die Ursuche nach dem eigenen Weg, dem Streben nach einem besseren Sein, jenseits der vorgezeichneten Bahnen, erbarmungslos grausam ins Bewusstsein zurück. Die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit eines marktkonform herunter gelebten Lebens, wird da mit Akkord-Trommelfeuern offen gelegt. Was bleibt, ist der Kampf dagegen. Was bleibt, ist der nie enden wollende Schrei.

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Foto: Heike Pannen

Ein Gedanke zu „SCREAM, 01.02.2012, Schocken, Stuttgart

  • 3. Februar 2012 um 12:22
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    „Life is short, buy more records“ – sehr schönes T-Shirt und kraftvoller Text und Fotos. Und alles so rot… vom Teufel!

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